Inzwischen hatte auch Wackenroder einen nicht minder unbetretenen Pfad der Studien eingeschlagen, den er mit Eifer verfolgte. Freilich wußte er nur zu gut, im Sinne seines Vaters war es ein Irrweg. Er hatte sich der ältern deutschen Literatur zugewendet, die sich wie ein Wunderland in fernen dunkeln Umrissen erhob, welches man in zaghaften Versuchen wieder zu entdecken trachtet. Sein Aufenthalt in Erlangen und Nürnberg hatte gezeitigt, was sein Lehrer Koch angeregt hatte. Die Manesse’sche Sammlung der Minnelieder, die Müller’schen Ausgaben der Heldengedichte, die Anfänge des deutschen Dramas, namentlich Hans Sachs, studirte er mit Eifer, meistens nur auf sich und seine Begeisterung angewiesen. Zugleich übernahm er manchen gelehrten Auftrag für Koch, zu dessen Compendium der deutschen Literatur er auf den reichen Bibliotheken in Göttingen und Kassel Notizen über altdeutsche Handschriften sammelte. Dies gab Veranlassung, den Rath Casperson kennen zu lernen, der ebenfalls für die ältere deutsche Poesie eine lebhafte Theilnahme hatte. Auch wurde er dem als Staatsmann und Forscher bekannten hessischen Minister von Schlieffen vorgestellt.
So gleichmäßig das Leben war, welches die beiden angehenden Gelehrten führten, so fehlte es doch nicht an lustigen Vorfällen und studentischen Abenteuern. Bei aller Freundschaft liebte man es sich gegenseitig durch übermüthige Neckereien zu stören oder zu hintergehen, um dann zu allgemeinem Jubel eine unerwartete Enttäuschung herbeizuführen. Zu solchen Komödien forderte zunächst Wackenroder’s Gutmüthigkeit und Leichtgläubigkeit in den alltäglichen Dingen heraus. Leicht suchte und fand er Wunder und Geheimnisse, und seine Neigung für das Tiefsinnige, Mystische, Sonderbare ward oft genug Gegenstand des Spottes und Angriffs. Besonders Burgsdorff liebte es ihm in übermüthiger Keckheit schonungslos entgegenzutreten. Einmal ward Wackenroder das Opfer einer Täuschung, welche über die Grenzen des Erlaubten fast hinausging.
Burgsdorff besaß einen Hund Namens Stallmeister. Er war sein treuer Gefährte auf abenteuerlichen Fahrten gewesen, und zeigte sich in allen Dingen als der Studenten gelehrigen Scholar. Da man die Anstelligkeit des Thieres oft gepriesen und sein Genie scherzend anerkannt hatte, so beschloß man übermüthigerweise, Wackenroder einzubilden, der Hund habe es in der Stille bis zum Lesen und zur Theilnahme an den Studien seiner Herren gebracht.
Wackenroder war ein eifriger Collegiengänger. Nie hätte er eine Vorlesung ohne die dringendste Veranlassung versäumt, auf das eifrigste schrieb er nach. Minder gewissenhaft waren die beiden andern Freunde. Sie benutzten eine Stunde, in welcher er im Collegium war, um auf seinem Zimmer den Hund in die gehörige Verfassung zu setzen. In aufrechtsitzender Stellung banden sie ihn auf dem Stuhle vor Wackenroder’s Arbeitstische an; die beiden Vorderpfoten ruhten auf einem mächtigen Folianten, welchen man vor ihm aufgeschlagen hatte. Das gelehrige Thier, das solcher Kunststücke gewohnt war, machte auf dem Sessel des Gelehrten eine ganz überraschende Figur. Die beiden Muthwilligen verbargen sich darauf in der anstoßenden Kammer, um den Erfolg ihrer List abzuwarten. Früher als gewöhnlich kehrte Wackenroder zurück. Er benutzte eine Pause, um ein vergessenes Heft zu holen. Voll Ueberraschung blieb er stehen; sein Auge war auf den Hund und dessen tiefsinnige Stellung gefallen. Er warf noch einen scheuen Blick auf das Thier, und steckte dann die vergessenen Blätter geräuschlos zu sich. Die Furcht seine Pflicht zu versäumen, und die Besorgniß die wunderbare Erscheinung durch längeres Verweilen zu stören, trieben ihn fort. Eilig und leise verließ er das Zimmer. Die lauschenden Freunde erkannten, er sei mit der Ueberzeugung, den Hund in Studien vertieft gesehen zu haben, gegangen. Sie erlösten den unfreiwilligen Gelehrten aus seiner peinlichen Lage, und warteten den Erfolg ab.
Als sie Wackenroder wiedersahen, war er ungewöhnlich still und in sich gekehrt. Sie hielten es nicht gerathen ihn mit Fragen zu beunruhigen, sondern ehrten rücksichtvoll sein Schweigen. Endlich, als sie Abends in gewöhnlicher Weise beisammensaßen, und kein Gespräch in Gang kommen wollte, brach er das Schweigen, und begann mit vielsagender tiefsinniger Miene: „Freunde, ich muß euch eine geheimnißvolle Begebenheit mittheilen, deren Zeuge ich heute gewesen bin. Ich sage euch, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich eure Schulweisheit träumen läßt. Unser Stallmeister kann lesen!“ Er erzählte darauf im Tone der vollsten Ueberzeugung die Scene, welche die Freunde ihm aufgeführt hatten. Anfangs hörten sie ihm mit kaum unterdrücktem Spotte zu, doch bald machte dieser einer ernstern Stimmung Platz. Daß ihr Scherz so vollständig gelingen könne, hatten sie selbst nicht erwartet. Sie erschraken, ihn jene außerordentliche Erscheinung so glaubensvoll beschreiben zu hören. Fast schien er in das Gebiet der phantastischen Visionen hinüberzuschweifen. Endlich machte man der Sache ein Ende, und bat ihn die Geschichte jener Erscheinung aufmerksam anzuhören. Die Auflösung des Räthsels war zu schlagend, um etwas dagegen einzuwenden, aber Wackenroder konnte seine Empfindlichkeit nicht ganz unterdrücken, daß man ihm so schonungslos mitgespielt.
Aber auch an Tieck kam die Reihe, durch äußere Zufälligkeiten und kleine Erlebnisse, die seine Phantasie erregten, in die Welt der Schauer zurückgezogen zu werden, aus welcher er sich gerettet zu haben meinte. Wenn er zu Zeiten Tage und Nächte hindurch von seinen Stoffen erfüllt bis zur höchsten Aufregung arbeitete, dann bewährte sich Wackenroder’s besonnene Freundschaft. Bei einer solchen Gelegenheit sagte ihm dieser einst: „Wie kann man sein Talent so leichtsinnig verschwenden! Das heißt sich ruiniren, sich geistig an den Bettelstab bringen! Wer so ohne Sammlung arbeitet und auf sich einstürmt, kann nur mit Geisteszerrüttung enden!“
Wie es öfter geschah, war einst beim Studium des Shakspeare Mitternacht herangekommen. Er las den „Macbeth“, und folgte mit steigender Bewegung der erschütternden Scene, in welcher der eben vollführte Mord geschildert wird. Er glaubte Zeuge der blutigen That zu sein. Mit angehaltenem Athem hörte er den Rächer an das Thor des Schlosses pochen. Und klopfte es nicht in diesem Augenblicke wirklich? „Es ist Wackenroder!“ dachte er, dessen Rückkehr aus einer Gesellschaft er erwartete. Unwillig über die Störung, die er für einen unzeitigen Scherz hielt, rief er „Herein!“ Plötzlich traf ihn ein kalter Luftstrom von hinten her. Die Thür mußte sich leise geöffnet haben. Er fühlte eine eisige Hand über sein Gesicht gleiten. Voll Entsetzen fuhr er in die Höhe. Neben seinem Stuhle stand ein runzelvolles, gnomenhaftes altes Weib, das ihn grinsend anblickte, und ihm die geöffnete Hand murmelnd entgegenstreckte. Fast schien es, eine der Hexen Macbeth’s sei plötzlich in seinem Zimmer wie eine Erdblase aufgestiegen, und komme auch ihn zu verwirren. Zwischen Täuschung und Wirklichkeit angstvoll schwebend, rief er dem Weibe zu, wer sie sei, was sie wolle. Sie gehörte, wie sich später zeigte, zu einem Haufen Bettelvolkes, das man Nachts durch die Stadt geführt hatte. Sie war den Hütern entkommen, und hatte durch die für Wackenroder geöffneten Thüren den Weg in Tieck’s Zimmer gefunden. Mit einem Almosen kaufte er sich los; aber er mußte sich gestehen, einen tiefern Schreck hatte er seit langer Zeit nicht empfunden.
Besonders aber öffnete sich die Welt der Abenteuer, sobald die Freunde die Mauern des gelehrten Göttingen verließen. Auch jene Reise nach Braunschweig war nicht frei davon. Als Tieck durch die Straßen der Stadt ging, erblickte er an einem Fenster ein schönes junges Mädchen, welches ihn durch Zeichen als einen alten Bekannten zu grüßen schien. Einem neugierigen Zuge folgend, betrat er das Haus. Bereits auf der Treppe kam sie ihm in höchster Aufregung entgegen. „Gut, daß Sie kommen“, rief sie ihm zu, „ich habe Sie lange erwartet! Ich komme sogleich zurück, ich will nur meinen Schmuck anlegen.“ Betroffen über diesen seltsamen Empfang, blieb er nicht ohne Spannung zurück, wie das enden werde. Die Schöne kehrte nach einigen Augenblicken zurück, aber wie verändert! Ophelia! hätte er ausrufen mögen. Phantastisch mit einem Kranze geschmückt, statt des Gürtels und über den Schultern Gewinde von Stroh und Blumen, trat sie ihm mit irrem Lächeln entgegen. „Da bin ich!“ sagte sie. „Und nun fort! Meine Verwandten verfolgen mich!“ Staunend blickte er die Unglückliche an. Jene wunderbare und räthselhafte Gestalt seines Dichters schien aus der Welt der Phantasie in die sinnliche Wirklichkeit getreten zu sein. Da vernahm er ein Geräusch. Eilig kamen mehrere Personen aus dem Innern des Hauses, sie bemächtigten sich der Unglücklichen, und führten sie ohne auf ihr erschütterndes Geschrei zu achten, zurück. Es war eine Irrsinnige, die sich ihren Wächtern entzogen hatte. Voll Entsetzen eilte er aus dem Hause. Jenes grauenhafte und doch rührende Bild, wie jene schrecklichen Töne verfolgten ihn noch lange.
Ein anderes Mal war es in der Abenddämmerung, als er allein über Land fuhr. Bald bemerkte er, daß ein wandernder Handwerksgeselle mit dem Wagen gleichen Schritt halte. Gutmüthig bot er ihm einen Platz in demselben an, und dankbar wurde der Vorschlag angenommen. Schüchtern saß der Reisegefährte eine Zeit lang neben ihm. Endlich brach er das Schweigen. Soviel Ursach er habe zu danken, sei es doch auch ein Glück mit ihm zusammenzutreffen. „Denn Sie werden es nicht glauben“, fuhr er fort, „aber doch ist es so. Ich bin der Sohn Friedrich’s des Großen.“ Unwillkürlich rückte Tieck von der Seite seines Begleiters fort; ihm wurde unheimlich zu Muthe. So unbefangen als möglich suchte er auf diese fixe Idee einzugehen. Er bemerkte, er habe immer geglaubt, Friedrich habe keine Kinder hinterlassen. „Das ist es eben, was meine Gegner verbreiten“, erwiderte der Andere, „um mich und meine gerechten Ansprüche zu unterdrücken. Sie können ihre Bosheit erkennen, wenn ich Ihnen sage, daß man mich erst in Spandau eingesperrt, und dann noch obenein unter die Juden gesteckt hat! Wer glaubt nun an meine hohe Abkunft? Ueberall lacht man und ruft: das ist ja ein Jude!“ Tieck betrachtete jetzt seinen Begleiter genauer, und entdeckte allerdings an ihm jüdische Gesichtszüge. Er unterhielt sich noch eine Zeit lang mit ihm in gleichgültigem Tone, und war froh, den unheimlichen Gefährten auf dem nächsten Haltpunkte abzusetzen.