Heiterer Art war das Abenteuer, welches die Freunde auf der Bibliothek zu Wolfenbüttel zu bestehen hatten. Der Bibliothekar Langer stand im Rufe, die Besuchenden nicht zu allen Zeiten glimpflich zu empfangen. Vorsorglich hatten sie sich daher ankündigen lassen; außerdem vertrauten sie auf Heyne’s Empfehlung, die wol für einen Freipaß in der gelehrten Welt gelten konnte. Sie hatten sich an Ort und Stelle eingefunden, als nach längerm Zögern der Bibliothekar in feierlicher Amtswürde erschien, in Schuhen und Strümpfen und dem besten gelehrten Putze. Mochte er nun die Meldung falsch verstanden, oder bessere Leute erwartet haben, als er sah, daß die angekündigten Fremden nichts mehr und nichts weniger waren, als ein paar göttinger Studenten, trat er ihnen barsch mit der Frage entgegen, was ihr Begehren sei. Wackenroder, der es übernommen hatte mit dem borstigen Gelehrten zu sprechen, wurde durch diesen Empfang in nicht geringe Verlegenheit gesetzt. Schüchtern brachte er endlich heraus, der Herr Hofrath Heyne habe die Güte gehabt, ihnen eine Empfehlung an den Herrn Bibliothekar aufzutragen. „Ich weiß gar nicht“, fuhr Langer ärgerlich dazwischen, „was mir der Herr Hofrath Heyne für Empfehlungen schickt, bei denen niemals etwas herauskommt.“ Tieck hatte unterdessen einen alten Druck auf einem der Bücherbreter ins Auge gefaßt, und da der Zorn des Bibliothekars sich noch weiter ergießen wollte, trat er respectvoll mit der Bemerkung vor, man habe um die Erlaubniß bitten wollen, jenen alten Druck auf kurze Zeit außer der Bibliothek zu benutzen. Dies wurde nach einigem Widerstreben gewährt, und die Freunde waren froh, der gelehrten Löwenhöhle zu entkommen.
Es näherte sich nun die Zeit, wo ein Entschluß gefaßt werden mußte. Zwei und ein halbes Jahr war Tieck von Hause entfernt. Die akademische Freiheit ging dem Ende entgegen, und hatte er auch ein entschiedenes Studium gefunden, so wollten ihm doch die regelrechten Formen des Lebens jetzt fast noch weniger zusagen als damals, wo er die Vaterstadt verließ. Er konnte zu keinem andern Ergebniß kommen, als sich unabhängig in seiner Weise ausbilden zu wollen. Aber wie war es möglich, sich von den gewöhnlichen Lebensbedingungen frei zu machen?
Mit nicht geringern Sorgen sah Wackenroder in die Zukunft. Sobald er nach Hause zurückgekehrt war, stand ihm der Eintritt in den Justizdienst, in das Amt unausbleiblich bevor. Nach allen Studien, denen er sich mit Fleiß und voll moralischen Entschlusses unterzogen hatte, stand es in der That fest, für die Rechtswissenschaft hatte er keinen Beruf. Er konnte sich diesen trockenen Stoff nicht aneignen, manche Verhältnisse und Lehrsätze blieben ihm trotz wiederholter angestrengter Versuche, sie aufzufassen, vollkommen unbegreiflich. Dagegen versenkte er sich immer mehr in Betrachtung und Studium der Kunst, ja er versuchte ihre Ausübung. Farbe und Ton waren sein Element. Er war ausübender Musiker. Reichardt hatte sein Talent erkannt, und ihm Leitung und Anweisung gegeben; unter seinen Augen hatte er sich gebildet, und sich in eigenen Compositionen versucht. In der Zeit der Unabhängigkeit war er noch fester und entschiedener geworden.
Indem für beide Freunde die Zukunft zweifelhaft erschien, entstand bei ihnen ein abenteuerlicher Plan, welchen der dritte Freund, Burgsdorff, der schon einmal eine ähnliche Fahrt durchgemacht hatte, mit Vorliebe weiter ausspann. Sie wollten in der Stille Göttingen verlassen, und nach Italien, dem Lande der Kunst und der dichterischen Sehnsucht gehen, um dort ein neues Leben anzufangen. In Rom sollte Wackenroder frei von allen Fesseln Musik studiren, und dereinst, so träumten sie, dem Vater als Meister von Ruf und Namen selbständig entgegentreten. Tieck sollte als Dichter und Schriftsteller wirken. Freilich wie man sich durchschlagen wollte, bis man das gelobte Land erreicht habe, welche Kämpfe es auch dort noch kosten werde, daran hatte man kaum gedacht. Endlich, als die Freunde anfingen, sich ernstlich mit diesem Gedanken vertraut zu machen, sprang Burgsdorff zuerst wieder ab, weil er sich inzwischen in Verhältnisse eingelassen hatte, die seine Rückkehr nach Berlin forderten. Auch die beiden Andern ließen den Plan fallen, und so blieb nichts übrig, als nach Ablauf des Sommers ruhig nach Hause zurückzukehren, und abzuwarten was sich weiter begeben werde.
Aber wenigstens nicht auf geradem Wege wollten sie zurückkehren. Noch einen Hauptpunkt des Nordens beschlossen sie zu besuchen, Hamburg. Wenn es auch die Sehnsucht sein mochte, nach langer Zeit die Alberti’sche Familie wiederzusehen, welche Tieck dorthin führte, so hatte doch die Stadt auch manches andere Anziehende. Der Ruf des hamburger Theaters war allgemein verbreitet. Schröder war als darstellender Künstler, wie als leitendes Talent und dramatischer Schriftsteller für ihn eine der merkwürdigsten Erscheinungen. Ohne Zweifel war Schröder neben Fleck der größte Mann der deutschen Bühnenwelt.
Nicht ohne Besorgniß hatte Wackenroder Tieck’s Absicht vernommen, in Hamburg auch Schröder besuchen zu wollen. Er hatte den Verdacht, der Freund verbinde mit diesem Besuche den Plan, jetzt endlich die Bühne wirklich zu betreten. Die Lage, in welcher Tieck sich befand, gab dieser Vermuthung viel Wahrscheinlichkeit. So sehr Wackenroder die Theaterliebhaberei des Freundes theilte, hatte doch der Gedanke, ihn auf den Bretern unter den Schauspielern zu sehen, für ihn etwas Widerwärtiges, ja Schmerzliches. In dem Augenblicke, als Tieck sich zu seinem Besuche anschickte, eilte ihm Wackenroder voran und verschloß die Thür des Zimmers. „Ich weiß, was du jetzt beabsichtigst!“ rief er ihm voll Erregung zu. „Du willst zu Schröder gehen, um dich bei ihm für das Theater zu melden. Ich bitte, ich beschwöre dich“, fuhr er fort, indem er ihn unter ausbrechenden Thränen umarmte, „bedenke, was du thust, welche Folgen dein unbesonnener Schritt nothwendig haben muß!“ Voll Staunen über diesen fast leidenschaftlichen Ausbruch der Freundesliebe, bat ihn Tieck sich zu beruhigen. Er habe dem Gedanken, die Bühne zu betreten, längst entsagt; er gebe ihm sein Wort, daß er nur die Absicht habe, Schröder persönlich kennen zu lernen. Wie dem auch sein mochte, es hatte mindestens die Folge, daß der Besuch entweder ganz unterblieb, oder doch kein weiteres Ergebniß hatte.
Dagegen wünschte Wackenroder lebhaft, Klopstock, den Patriarchen der deutschen Poesie, zu sehen. Zurückgezogen lebte dieser in dem abgeschlossenen Kreise seiner Bewunderer, und schon seit langer Zeit betrachtete er die spätere deutsche Dichtung aus mistrauischer Ferne. Glänzendere Namen hatten seinen einst gefeierten in den Hintergrund gedrängt. Wackenroder war zu pietätsvoll, als daß er sich einer solchen Größe nicht hätte nahen sollen, auch wenn er nicht überall im Einverständniß mit ihr war. Tieck ging nur mit Widerstreben auf den Wunsch des Freundes ein. Er fühlte sich dem alten Dichter viel zu fremd, um in der That die Miene des Bewunderers annehmen zu können. Klopstock’s hochgespannte Oden widersprachen zu sehr dem einfachen Volkstone, den er zu suchen begann. Diese fremdartigen verschlungenen Versmaße, die dem Ohre kaum noch verständlich waren, die jüdische und die germanische Urwelt, alles das schien für eine volksthümliche Auffassung in viel zu weiter Ferne zu liegen.
Schon der erste Eindruck war kein günstiger. Es war kein Barde der Telyn, noch weniger ein alttestamentarischer Prophet, der ihnen entgegentrat, sondern ein deutscher Gelehrter im Schlafrock, mit der Tabackspfeife in der Hand. Ein kleiner zusammengetrockneter Mann mit schneeweißem Haar, doch mit hellen lebhaften Augen, der in kurzen und hastigen Bewegungen im Zimmer hin- und herschoß. Er sprach laut und rasch im höchsten Tone, fast schneidend. Im Gespräche sprang er ungeduldig von einem Gegenstande zum andern über. Man kam auf den gegenwärtigen Zustand der deutschen Literatur, und auf Goethe. „Nun“, fragte Klopstock spottend, „hat sich denn Goethe immer noch nicht todtgeschossen?“ Er war noch auf dem Standpunkte der Wertherperiode, und hielt die damals ausgesprochene Meinung fest, Goethe müsse seiner Ansicht gemäß wie sein Held enden, und sich eine Kugel vor den Kopf schießen. Auch von der französischen Revolution war die Rede. „Sehen Sie hier!“ sagte er indem er auf eine Büste der Charlotte Corday hindeutete, „das ist meine Heilige!“ Eine danebenstehende wunderliche Büste mit drei Köpfen erklärte er für das Sinnbild der Unparteilichkeit. Er betrachte sie häufig, um sich stets die Nothwendigkeit eines freien und unabhängigen Urtheils zu vergegenwärtigen. Im Verlaufe des Gespräches äußerte er, die französische Revolution habe doch ein Gutes gehabt, die „Messiade“ sei in das Französische übersetzt worden, das wäre ohne sie nimmer geschehen. Die zur „Messiade“ gegebenen Kupfer seien elend; namentlich sei es den Künstlern nicht gelungen, die himmlischen Gestalten so darzustellen, daß auch zugleich ihre Unsichtbarkeit angedeutet werde.
Als die Freunde sich entfernten, mußten sie sich gestehen, der Sänger der „Messiade“ habe eher einen komischen als erhabenen Eindruck gemacht. Er schien nicht frei von Eitelkeit, und seine Bedeutung für die Literatur zu überschätzen. Fast hätten sie es bereuen mögen, ihn aufgesucht zu haben.