Im Herbste 1794 war Tieck wieder in Berlin. Er sah das väterliche Haus, die Freunde, die Kreise wieder, in denen er seine erste Bildung erhalten hatte. Es war noch der alte, ihm wohlbekannte Zuschnitt der Dinge; nur wenig hatte sich geändert. Aber er war ein anderer geworden. Als Schüler war er gegangen, als durchgebildeter Mann kehrte er zurück, mit dem vollen Entschlusse selbständig, nach eigener Ueberzeugung einzugreifen. Seine Ansichten waren fester, sein Urtheil sicherer, sein Blick schärfer geworden; Muth und Zuversicht, der Glaube an seinen Beruf waren gewachsen. Im Gefühle der vollsten Jugendkraft war er wenig geneigt zu schonen oder sanft aufzutreten. Der Abgeschmacktheit und Albernheit erklärte er offen den Krieg, und war entschlossen ihn schonungslos zu führen, wo er sie auch finden mochte.

Auf dem Gebiete der Dichtung, der Kritik und Literatur begegnete er ihr so häufig! Der Ton der kritischen Zuversicht, Unfehlbarkeit und Kunstrichterei war in Berlin zu Hause; er mochte sich eher gesteigert als gemildert haben. Die alten Kunstrichter schienen ihr Amt hier um so entschiedener behaupten zu wollen, je mehr sie auf andern Punkten allmälig aus ihrer frühern Stellung hinausgedrängt worden waren.

Die meisten angesehenen und namhaften Männer Berlins, welche bisher die öffentliche Meinung geleitet hatten, insofern von einer solchen überhaupt die Rede sein konnte, waren in den Zeiten Friedrich’s des Großen gebildet. Die Ansichten, welche in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die herrschenden waren, hatten sie in sich aufgenommen, sie waren in Fleisch und Blut übergegangen. Es waren moralische, pflichttreue Männer in allen Fächern des Wissens und der Verwaltung, die mit ernstem und hingebendem Amtseifer und oft mit eiserner Kraft arbeiteten. Sie waren klar, scharf, nüchtern und doch nicht frei von idealer Täuschung. Wie sie an sich selbst arbeiteten, wollten sie auch die moralische Verbesserung der Menschen. Durch ein äußerliches Machen und Eingreifen glaubten sie dies zu erreichen, durch Maßregeln und Verordnungen die Menschheit erziehen zu können. Sie hatten die Zuversicht, nur in den Formen, wie sie sich in dem Zeitalter Friedrich’s entwickelt hatten, sei eine heilsame Wirksamkeit möglich.

In diesen Ansichten begegneten sich die Richter und Räthe der Collegien, die Theologen der sächsischen Schule, welche bis dahin die Kanzeln fast allein beherrscht hatten, und deren Predigt das Christenthum nützlich zu machen suchte, die Schulmänner, welche die Bildung in dem Gemeinverständlichen fanden, die Kritiker, Popularphilosophen und sogenannten Dichter, welche das Theater leiteten, die wenig zahlreichen öffentlichen Blätter herausgaben, und die Literatur in Händen hatten. Der Gedanke, von dem alle diese Männer beseelt waren, ließ sich in dem einen Worte „Aufklärung“ zusammenfassen.

Gewiß war es ein edles und anerkennenswerthes Streben, die höchsten Güter des Geistes allen Menschen zugänglich machen zu wollen, und die Schranken einer anmaßenden und selbstsüchtigen Ausschließlichkeit aufzuheben. Aber indem diese Männer danach trachteten, Allen mitzutheilen, was nur nach dem verschiedenen Maße der Kräfte von den Einzelnen aufgefaßt werden kann, entging es ihnen, daß nothwendig eine Verflachung eintreten mußte. Ein gewisses durchschnittliches Maß des allgemein Verständlichen mußte gesucht werden, das für Viele gerecht und passend sein konnte, aber darum nur die Mittelmäßigkeit selbst war. Diese aber ist die geborene Gegnerin alles Höhern, und sie mußte eine doppelt widerliche Haltung annehmen, wenn sie sich mit Dünkelhaftigkeit paarte, die sich entweder in innerstem Selbstbehagen, oder in dem Glauben an halbverstandene Autoritäten sicher und unangreifbar fühlte. So mangelte es denn auch hier an Widersprüchen nicht, und im Namen des Wohles und der Aufklärung der Menschen hörte man nicht selten mit derselben Unduldsamkeit und demselben rücksichtlosen Eifer reden, welchen die Aufklärer sonst zum ersten Klageartikel gegen die Altgläubigen machten.

Und was war am Ende das Ergebniß aller dieser Kenntnisse, dieser Aufklärung und Abklärung? Ein gewisser einförmig bürgerlicher Wandel, ein äußerlich gesetzmäßiges Verhalten, von dem man nicht mit Unrecht sagen konnte, es sei nur eine neue, eine aufgeklärte Art der verrufenen Werkheiligkeit. Denn der Inhalt des überlieferten historischen Wissens und Glaubens mußte unter diesen Händen zusammenschrumpfen. Im Gegensatze zum religiösen Glauben gingen diese Männer zuversichtlich von der Voraussetzung aus, dieser selbst sei weit entfernt, eine geistige Kraft zu sein, vielmehr nur ein Mangel an Kraft und moralischem Muthe, eine Ungeschicklichkeit, wo nicht eine Unfähigkeit des Denkens und der Anwendung des Verstandes. So ward es ihnen leicht, eine ganze Reihe eigenthümlicher Lebenserscheinungen zu beseitigen, weil sie die Grundlage, auf der sie ruhten, in Abrede stellten, und gerade das Tiefsinnigste wurde zum Oberflächlichsten gemacht.

Die Vertreter dieser aufgeklärten Nützlichkeitslehre und verwandter Richtungen waren auf kirchlichem Gebiete Männer wie Teller, Zöllner, Irwing, in der Schule Gedike, in der Wissenschaft Biester, in der Kritik und Poesie Nicolai, Engel, Ramler, denen sich eine Anzahl kleinerer Geister anschloß. In der That beherrschten sie noch in Berlin die öffentliche Ansicht in Literatur und Kunst, sie standen in mannichfachen Verbindungen, hatten bedeutende und vielgeltende Namen aufzuweisen, und meinten vor allen Dingen die Ueberlieferungen Lessing’s für sich zu haben.

Um Lessing hatten sie sich bei seinen Lebzeiten geschart, sie rühmten sich seiner Freundschaft, und wurden nicht müde, auf ihn als höchstes Vorbild hinzudeuten. Die unbestechliche Nüchternheit und Schärfe seines Urtheils, seine Verständlichkeit, die Knappheit seines Stils hatten sie zunächst aufgefaßt. Sein Bestreben, Alles auf die reinsten und einfachsten Linien zurückzuführen, wodurch jede überfließende Empfindung streng ausgeschlossen, jeder Auswuchs der Phantasie abgeschnitten wurde, war bei ihm der Ausdruck eines männlichen und starken Geistes, der diese Selbstzucht an sich ausübte. Seine Freunde und Anhänger fanden diese Form als eine abgeschlossene vor, und eigneten sie sich an, weil es bequem war, sie nachzuahmen, weil die natürliche Mittelmäßigkeit und geistige Armuth sich mit ihrer Hülfe leicht den Schein der Selbstbeherrschung und künstlerischen Beschränkung geben konnte. Diese Formen sollten die höchsten in der Kunst sein. Dies zu bezweifeln galt für Impietät gegen Lessing, für einen Frevel an seinen Manen. Seine Freunde leiteten von ihm ein Ansehen her, und suchten es in einer Weise zur Geltung zu bringen, die sicher nicht in seinem Geiste war, und gegen die er zuerst die Waffen seiner Kritik gewendet hätte.

Die Zuversicht dieser Kunstrichter war zuerst durch die Anerkennung erschüttert worden, welche Goethe’s Poesie zu Theil geworden war. Jetzt ward diese auch in Berlin zum unterscheidenden Kennzeichen einer literarischen Gegenpartei, die zwar noch keinen bedeutenden Umfang hatte, aber bald unerwartete Kräfte entwickelte. Die Aufnahme, welche die ersten Dichtungen Goethe’s bei den Wortführern der Kritik gefunden hatten, war nur eine kühle und bedingte gewesen. Mit dem kleinen Zollstocke, welchen sie sich gemacht hatten, ließ sich diese großartige Erscheinung, die alles Frühere überragte, nicht messen. Dieses tiefe, leidenschaftliche Fühlen, diese Dichtertrunkenheit, diese Größe und Kühnheit der Auffassung und Darstellung, die unbekümmert um alles Andere ihre Welt von neuem aufbaute, mußte jener nüchternen und wohlgezogenen Poetik unbegreiflich erscheinen. Wie unbändig trat nicht dieses Genie mitten hinein in die wohlabgezirkelten, gepflegten Sandwege und Heerstraßen, welche die Kunstrichter zu eigenem und Anderer Nutzen auf dem Gebiete der Poesie angelegt hatten! Unter seinen Füßen öffneten sich neue Springquellen, die Alles fortzureißen drohten, was jene mühselig aufgebaut hatten. Am liebsten hätten sie Goethe wie Shakspeare für ein wildes Waldgenie erklärt.

Die Urtheile mancher Kritiker kamen darauf hinaus, Goethe’s Größe bestehe nur darin, daß er sage, was ihm gerade in den Mund komme, daß er rücksichtlos jeder Laune den Zügel schießen lasse, und es verschmähe, die kritische Feile anzuwenden, von der sie doch einen so sorgfältigen und erfolgreichen Gebrauch machten. So ins Blaue hinein könne leicht ein Jeder dichten. In diesem Sinne hatte sich Nicolai geäußert, als der „Egmont“ erschien; dergleichen zu machen sei keine Kunst; er werde es auch können, wenn er sich verstatten wolle niederzuschreiben, was ihm eben durch den Kopf gehe. Auch Engel, der unter den damaligen berliner Freunden Lessing’s der bedeutendste war, und von dessen kritischen Studien man ein besseres Urtheil hätte erwarten sollen, hatte sich in seiner „Mimik“ fast nur auf ältere, mittelmäßige Dramen gestützt. Ueber die Bruchstücke des „Faust“ ließ er sich ähnlich vernehmen, wie Nicolai über den „Egmont“, und als der „Wilhelm Meister“ erschien, wunderte er sich darüber, was denn nach Scarron’s Roman über das Komödiantenleben noch zu sagen sein könne. Manche hatten, wie Klopstock, voll moralischen Abscheus ihre Goethe-Kenntniß mit dem „Werther“ ein für alle Mal abgeschlossen. Zu diesen gehörte Elise von der Recke, der man nachsagte, daß sie aus Entrüstung über Werther’s Lotte ihren ersten, bis dahin gewöhnlich gebrauchten Vornamen Charlotte mit dem zweiten, Elise, vertauscht habe.