Diesen gegenüber sammelten sich diejenigen, denen Goethe der Anfänger und Begründer einer neuen Poesie war, die einen innern Unterschied zwischen seinen Dichtungen und allen frühern behaupteten, und immer lauter und entschiedener die Anerkennung derselben verlangten. Schon Moritz hatte sich seit seiner Rückkehr aus Italien so ausgesprochen, doch gerade um diese Zeit (1793) war er gestorben. Auch fehlte es an kleinern stillen Kreisen nicht, in denen man diese Ansichten theilte. War doch selbst Tieck’s Vater, ein einfacher Handwerker, noch viel früher ein eifriger Verehrer Goethe’s gewesen. Aber einige geistvolle und gebildete Frauen waren es, welche auf die siegreiche Durchführung der neuen Kritik in ihren gesellschaftlichen Kreisen einen bedeutenden Einfluß ausübten.

Zu diesen gehörte Rahel Levin. Sie war ein höchst eigenthümlicher Geist; sie besaß einen durchdringenden Blick, tiefen Wahrheitsinn und die Kraft, ihre Ansichten mit rücksichtloser Schärfe auszusprechen. War sie selbst auch keine Dichterin, so hatte sie doch Verständniß für Poesie und Alles, was dem Gebiete geistigen Lebens angehörte. Ohne schön zu sein, hatte sie einen glänzenden Kreis um sich gesammelt, in dem sie durch schlagenden Witz, Schnellkraft und Freiheit des Tons herrschte.

Neben ihr stand eine andere, welche sich ebenfalls der neuen Poesie zugewendet hatte, die Frau des Bankiers Veit, die Tochter eines der Meister der berliner Aufklärung, Moses Mendelssohn’s. Auch sie war ein eigenthümlicher Charakter. Die Aehnlichkeit mit ihrem Vater gab ihrem Gesichte einen keineswegs schönen, aber auffallenden, fast männlichen Ausdruck. Sie hatte etwas scharf Ausgeprägtes, nahm an den Fragen der Literatur eifrig Antheil, und war eine Verehrerin Goethe’s. Ebenso Henriette Herz, die Frau des jüdischen Arztes Marcus Herz, eines Kantianers und eifrigen Anhängers der alten Schule. Sie war eine gefeierte Schönheit, aber weniger originell; doch war sie gescheit und wußte sich rasch und leicht anzueignen, was sie hörte. Sie besaß das Talent des Lernens, und war kenntnißreich, ja gelehrt zu nennen.

Mit allen diesen trat jetzt auch Tieck in geselligen Verkehr oder in literarische Beziehungen. In Rahel’s Hause hatte er Zutritt, ohne gerade zu ihren nähern Freunden zu gehören. Es war nicht allein Goethe’s Poesie, in der sie sich begegneten, sondern auch in der gemeinsamen Anerkennung der künstlerischen Größe Fleck’s. Bei ihnen stellte sich die Ansicht fest, das berliner Publicum wisse diesen merkwürdigen Mann nicht nach dem ganzen Umfange seines Talents zu schätzen.

Eine besondere Gunst des Glücks war es, als er Fleck’s persönliche Bekanntschaft machte. Die Veranlassung dazu war heiter genug. In der Gegend des Invalidenhauses gab es eine öffentliche Speiseanstalt, welche den Ruhm behauptete, das beliebte berliner Nationalessen, Erbsen, in einer Vollkommenheit herzustellen, die auch den Kenner befriedigte. Hier fand sich jeden Donnerstag Mittag eine ausgewählte Gesellschaft zusammen, Schadow der Bildhauer, Zelter der Musiker, Fleck der Schauspieler, und der Jüngste unter diesen, Tieck der Dichter. Wo so entschiedene Geister aufeinandertrafen, konnte es an freier, anregender Unterhaltung nicht fehlen. Für Tieck aber war Fleck die anziehendste Erscheinung.

Fleck war eine großartig zugeschnittene Natur. Seine Haltung, jede Bewegung, jede Miene hatte etwas Edles, Würdevolles. Natürliche, angeborene Grazie und Hoheit sprachen sich darin aus. Alles Gemachte und Gespreizte lag ihm ebenso fern wie alles Unedle. Selbst wenn er es gewollt hätte, er würde nicht unedel oder gemein haben erscheinen können. Auch ohne Schwert und Mantel erkannte man den geborenen Heldendarsteller in ihm. Hatte er am Abend eine hochtragische Rolle zu spielen, so beherrschte ihn dieses Bild schon lange vorher. Man durfte ihn nur über die Straße gehen sehen, um anzuerkennen, so könne nur ein König schreiten. Er war in seinem Kreise ein Genie, ein echter Künstler aus tiefem geistigen Instinct, aber darum nicht ohne Bewußtsein seines Werthes und künstlerischen Stolz.

Nichts hatte Tieck mehr gewünscht, als mit ihm über seine Hauptrollen zu sprechen. Von Fleck’s Ansichten glaubte er bedeutende Aufschlüsse erwarten zu dürfen. Hier aber trat die Künstlernatur hervor. Wohlwollend hörte Fleck an, was der junge Kritiker ihm zu sagen hatte. Dagegen war dieser nicht wenig überrascht, Fleck’s eigene Auseinandersetzungen über seine Rollen nicht anders als geringfügig zu finden. Hätte ihn allein die Einsicht geleitet, welche er entwickelte, so konnte er nur ein mittelmäßiger Schauspieler sein. Hier stand hinter dem Bewußtsein eine höhere Kraft, die im Augenblicke der begeisterten Darstellung siegreich hervortrat und alle Mängel der Erkenntniß zudeckte, indem sie sich selbst derselben entzog. Es war eine Wahrnehmung, welche dazu diente, Tieck in seinen ursprünglichen Ansichten über Geistesleben und Wirken zu befestigen.

Ungefähr um dieselbe Zeit, es war im Jahre 1796, lernte er im Hause des Bankiers Veit Friedrich Schlegel kennen, und ein Verhältniß begann sich zu bilden, welches für beide die größte Bedeutung gewann. Friedrich Schlegel gehörte zu denen, welche sich voll Jugendkraft und Selbstvertrauen den alten beschränkten Theorien entgegenstellten. Seine Studien galten damals noch der alten Literatur. Er beschäftigte sich mit seiner „Geschichte der Literatur der Griechen und Römer“, und hatte den Plan gefaßt, in Verbindung mit seinem Freunde Schleiermacher den Plato zu übersetzen. Er war als Talent und Charakter ein räthselhaftes Gemisch der entgegengesetztesten Eigenschaften, und schon dadurch anziehend. Wenn er im Kreise der Freunde sich unbefangen hingab, konnte er eine gewinnende Liebenswürdigkeit entwickeln, in der er mit naiver Offenheit aus seinen Schwächen kein Hehl machte. So vieles Tieck auch anerkennen mußte, entging ihm doch nicht, daß er von Selbsttäuschung und Eitelkeit nicht frei sei. Dies äußerte sich in fast komischer Weise. Auf einem Spaziergange durch den Thiergarten setzte Schlegel eines Tages alles Ernstes auseinander, daß er sein Leben für ein verfehltes halten müsse, weil er sein wahres und eigenthümliches Talent nicht ausbilden könne. Eigentlich sei er zum Feldherrn berufen, und wenn es ihm an Gelegenheit fehle, dies zu zeigen, so verliere die Welt dabei nicht wenig.

Durch Schlegel kam Tieck mit Schleiermacher in Berührung, der damals Prediger an der Charitékirche war. Auch er war ein entschiedener Gegner der alten Schule, und Tieck lernte in ihm bald den tiefsinnigen Theologen anerkennen.