Unter den ältern Freunden blieb ihm dagegen Rambach fern, dessen Oberflächlichkeit und unbefriedigende Vielthätigkeit ihm immer klarer ward. Die Zeiten, wo er von diesem lernen konnte, waren vorüber. Einen letzten äußern Beziehungspunkt gab das berliner „Archiv der Zeit“, welches seit 1795 bei Maurer erschien, und dessen Herausgeber Rambach war. Diese Monatsschrift, die Politik, Literatur und Kritik umfassen sollte, war ein Sammelplatz für die bedeutendsten und verschiedensten Kräfte Berlins. Es war ein neutrales Gebiet, auf dem alte und neue Literatur sich begegneten. Hier erschienen auf der einen Seite Nicolai, Gedike, Ramler, Zöllner, Bendavid, Jenisch; von der andern Bernhardi, Bothe, Hirt, dann Zschokke, Feßler, Veit Weber. Bernhardi führte eine Zeit lang das Fach der Theaterkritiken. Auch Tieck gab eine Beurtheilung der neuesten Musenalmanache, namentlich von Schmidt, Voß, Becker, Falk und Schiller, in der er sich entschiedener aussprach, als es dem Herausgeber lieb war, welcher es mit der ältern Schule keineswegs zu verderben wünschte.
Durch Bernhardi’s Vermittelung erneuerte er vorübergehend Zschokke’s Bekanntschaft, dem er früher in einem schmerzvollen Augenblicke begegnet war. Zschokke hatte sich in der Tagesliteratur einen Namen gemacht. Er war als Docent an der Universität Frankfurt aufgetreten, und bald darauf mit dem Wöllner’schen Ministerium in einen verdrießlichen Zwist gerathen. Mit den heimischen Zuständen zerfallen, war er jetzt im Begriff, nach der Schweiz auszuwandern. Sein Wesen war hart, schroff, vierkantig. Er zeigte sich als demokratischen Parteimann bis auf die schweren, mit eisernen Nägeln beschlagenen Schuhe, welche er trug. Auf Tieck machte er einen abstoßenden Eindruck. Die demokratischen Grundsätze, welche er selbst hin und wieder vertheidigt hatte, erschienen ihm hier in unangenehmer Form. Er konnte ein völliges Aufgeben des Vaterlandes wegen augenblicklicher Uebelstände und einiger persönlicher Unbilden weder für politisch noch patriotisch halten. Nur im Vaterlande selbst könne der Mensch auf eine volle Entwickelung seines Wesens rechnen, war seine Ansicht.
Zwischen diesen anziehenden und abstoßenden Kräften bildete sich Tieck zunächst seinen eigenen Kreis, dem Wackenroder, Bernhardi, der junge Arzt Bing, der Musikdirector Wessely und sein Bruder Friedrich angehörten, welcher sich inzwischen als Bildhauer ausgebildet hatte, und für eine Kunstreise vorbereitete. In die Enge des väterlichen Hauses konnte auch er nicht mehr zurückkehren. Er wie seine Geschwister waren über diese beschränkten Verhältnisse hinausgewachsen. Das mußte der Vater selbst erkennen, der in alter Weise fortschaltete, wenngleich nicht ganz in alter Kraft und Frische, und nicht frei von krankhaften Anwandlungen und Sorgen.
Besonders drückend war dies für die Schwester geworden, die mit steigender Leidenschaft auf die endliche Rückkehr des Bruders gehofft hatte. Als ein Ideal hatte sie die Erinnerung des frühern Zusammenlebens festgehalten. In der Zeit seiner Abwesenheit, als er sich in den verschiedensten Studien und Verhältnissen befand, glaubte sie sich vernachlässigt und vergessen. Jetzt endlich sollte ein lang gehegter Plan in Erfüllung gehen. Um ganz sich selbst zu leben, bezogen Bruder und Schwester in den Jahren 1795 und 1796 eine Sommerwohnung auf dem sogenannten Mollard’schen (nachher Wollank’schen) Weinberge vor dem Rosenthaler Thore. Da gab es freilich weder Wein noch Berge, wol aber versammelte sich auf einer zwischen Sandhügeln liegenden Oase von Kastanienbäumen die elegante Welt Berlins. Hier besprachen die Geschwister und Freunde in Scherz und Ernst die gemeinsamen Interessen in Poesie, Literatur und Kunst; neue Entwürfe wurden gemacht, alte Pläne gediehen zur Reife, und tiefere Einwirkungen der Dichtungen Tieck’s bereiteten sich vor.
6. Der Altmeister und der junge Dichter.
Aber auch den Führern der alten Schule konnte Tieck nicht fern bleiben. Schon von Göttingen aus hatte er Verbindungen mit ihnen angeknüpft.
In dem Hause des alten Wackenroder lernte er Ramler kennen, der Hausfreund und literarischer Rathgeber war. Ein feiner alter Herr, stets sorgfältig gekleidet, in seiner Haltung elegant, nicht ohne scharfe, fast spitze Züge. In geselligen Kreisen pflegte er als Vorleser aufzutreten, und gern gehört zu werden. Man bewunderte die Kunstfertigkeit, mit welcher er auch prosaische Erzählungen zu dramatisiren pflegte. In den dialogischen Partien trug er die Frauenrollen mit fistulirender Stimme vor, und plötzlich fiel er dann in den tiefsten Baß hinab. Tieck hörte ihn in dieser Weise einige Capitel aus dem „Don Quixote“ vorlesen. Doch schien ihm sein Vortrag ebenso wenig wie seine Gedichte lobenswerth.
Ramler stand noch an der Spitze des berliner Theaters. Tieck übergab ihm daher seine Bearbeitung des „Sturm“ mit der Bitte, einen Versuch damit auf der Bühne zu machen, wobei er den Wunsch nicht unterdrückte, sie keinen Veränderungen zu unterwerfen. Er kannte und fürchtete die berühmte Ramler’sche Feile. Der Dichter nahm diese Andeutung nicht ohne Empfindlichkeit auf, und der „Sturm“ kam natürlich nicht zur Darstellung. Engel hatte bereits Berlin verlassen; erst später begegnete ihm Tieck im Hause des Buchhändlers Unger.
Am wichtigsten für ihn blieb Nicolai. Da sich dieser bereit erklärt hatte, seine Dichtungen in Verlag zu nehmen, so suchte er ihn bald nach seiner Rückkehr auf. Gleich der erste Eintritt war sonderbar. Nicolai, ein hagerer, trockener Mann, war im eifrigen Gespräche mit seinem Sohne Karl und Bernhardi. Ihre Unterhaltung schien fast unverständlich; sie bewegte sich in Schiller’schen Reminiscenzen, und endlich bemerkte Tieck, daß jeder in einem angenommenen Charakter spreche. Sie improvisirten eine Scene aus dem „Don Carlos“. Der alte Nicolai stellte den König Philipp, sein Sohn den Don Carlos dar, Bernhardi sprach im Tone des Marquis Posa. Es war überraschend, den kühlen, nüchternen Kunstrichter und Buchhändler in einem phantastischen Spiele dieser Art zu finden. Die Lust der Zeit am Theater beherrschte auch ihn.