Als man sich nähergekommen war, erwarb Tieck unerwartet die Gunst des sonst schwer zufriedenzustellenden Kritikers. Seit vierzig Jahren war Nicolai daran gewöhnt, nicht allein zu verlegen, sondern auch in allen Dingen der Literatur mitzureden, zu urtheilen und seine Stimme auch da abzugeben, wo man wenig Neigung hatte, darauf zu hören. Da er sich eines aufrichtigen Strebens bewußt war, und Erfolge, und mehr noch Erfahrungen und praktische Kenntnisse der Literatur für sich hatte, die er in einem langen Geschäftsleben sammeln konnte, so hatte er keinen geringen Begriff von seiner Würde und Bedeutung. Es war ihm zum Bedürfniß geworden, Rath zu geben und den Mäcen zu spielen. Gern theilte er jungen strebsamen Männern und Anfängern seine Erfahrungen und Lehren mit, sie zu warnen, zu leiten und zu bilden. Auch in den Gesprächen mit Tieck legte er seine Meinungen ausführlich dar; er begann ihn zu belehren, und auf diesen und jenen wichtigen Punkt aufmerksam zu machen. Niemals hatte es Tieck für möglich gehalten, auf so abgeschlossene und festwurzelnde Ansichten Einfluß auszuüben. Ohnehin mehr zum Schweigen als zum Reden aufgelegt, hielt er jeden Widerspruch für überflüssig, und begnügte sich, den Nestor der Literatur schweigend anzuhören. Nicolai fand darin ein Zeichen der Anerkennung, der Ehrfurcht, welche seinem Alter und seiner Ueberlegenheit gebühre, und unterließ nicht, dem jungen vielversprechenden Manne seine besondere Gunst zuzuwenden. Er glaubte einen Jüngling gefunden zu haben, den Eifer und Bescheidenheit gleich sehr auszeichne, und der sich unter seiner Leitung zu einem nützlichen Schriftsteller heranbilden wolle.
Und gleich hatte er für ihn Arbeit bei der Hand. Er übertrug ihm die Fortsetzung der „Straußfedern“. Seit 1787 war unter diesem gesuchten, aber ironisch gemeinten Titel eine Sammlung von Erzählungen erschienen, deren Verfasser der durch seine Volksmärchen beliebt gewordene Musäus war. Als dieser nach dem Abschlusse des ersten Bandes starb, übernahm Johann Gottwert Müller die Fortsetzung, dessen „Siegfried von Lindenberg“, wie seine übrigen komischen Romane, nicht minder gern gelesen wurde. Er lieferte den zweiten und dritten Band, ward aber der Sache überdrüssig. Seit 1791 ruhte das Unternehmen; jetzt war in Tieck eine frische, fähige und bereitwillige Kraft gewonnen.
Diese Erzählungen sollten unterhaltend und belehrend zugleich sein; sie sollten die satirisch-moralische Richtung verfolgen. Es waren theils Originale, theils Nachbildungen und Umarbeitungen. Im Ganzen gab Nicolai diesen den Vorzug, da sie eine größere Sicherheit darboten. Nach den ersten Verabredungen übersandte er Tieck das Material in ganzen Waschkörben zur Verarbeitung und Zubereitung. Es bestand aus bändereichen Sammlungen älterer französischer Anekdoten und Erzählungen, wie die „Amusemens des eaux de Spa“. Für Tieck hätte es keine verdrießlichere Aufgabe geben können, als aus diesem Haufen Spreu die noch genießbaren Körner herauszusuchen. Er fühlte Kraft und Bedürfniß, sich frei und selbständig auszusprechen, und jetzt wurden ihm Vorbilder und Stoffe gegeben, welche kaum der Betrachtung werth waren. Sogar der Ton der Erzählungen war ihm vorgeschrieben; er sollte sich soviel als möglich der Art und Weise seiner Vorgänger anbequemen. So sehr er auch Musäus als feinen, gewandten Schriftsteller anerkannte, und es ihm als Verdienst anrechnete, die alten Volksmärchen wieder aufgefrischt zu haben, so wenig einverstanden war er mit der Art, wie dies geschehen war. Für diese einfachen und unbefangen natürlichen Erzeugnisse des dichtenden Volksglaubens schien ihm der Ton der directen Ironie oder des rationalistischen Spottes, in den seine anmuthige Erzählung überging, der unpassendste. In den „Straußfedern“ war dieser Ton zur Manier geworden. Weniger noch als Musäus’ feine Weise wollten ihm die groben Holzschnitte Müller’s zusagen, dessen gepriesene Naturwahrheit am Ende nur ein Abschreiben der Natur in niederländischer Art, in plumpen und rohen Strichen war.
Indeß, wollte er das Vertrauen seines literarischen Mentors nicht verscherzen, so mußte er sich dem Geschäft unterziehen. Er begann zu sichten, zu lesen, auszuwählen. Mit Widerstreben bearbeitete er einige dieser französischen Anekdoten für das deutsche Lesepublicum. Doch bald ward er der undankbaren Arbeit müde. Es war kürzer, für ihn selbst fördernder, und im Erfolge mindestens ebenso sicher, eigene Erfindungen an die Stelle jener Trivialitäten zu setzen. Es entstand die größere Erzählung „Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmund’s Leben“, in welcher er ein satirisches Bild gewisser gesellschaftlicher Verhältnisse nach eigenen Beobachtungen gab.
Als er seine Erzählung Nicolai zur Censur überreichte, war dieser durch ihre Vorzüge vor den frühern nicht wenig überrascht. Er lobte die Wahl, welche er getroffen habe, und wünschte eine genaue Nachweisung des Originals. Tieck’s Antwort, er habe sein Eigenthum gegeben, wies er mit ungläubigem Lächeln ab. Als später einmal beide allein waren, kam er auf dieselbe Frage zurück, und begann im Tone väterlicher Ermahnung: „Jetzt, lieber junger Mann, sind wir allein; nun können Sie es mir, dem älteren Freunde, offen gestehen, woher Sie jene Geschichte genommen haben. Wo steht das Original?“ Auf Tieck’s Versicherung, daß er nichts zu gestehen habe, die Geschichte sei Original und sein Eigenthum, erwiderte er: „Für so eitel hätte ich Sie doch nicht gehalten!“ und brach das Gespräch nicht ohne Empfindlichkeit ab.
Eine so große Genugthuung hatte Tieck kaum erwartet; er gab daher auch für die folgenden Bände statt der verlangten Bearbeitungen eigene Erzählungen. Es waren rasch und keck hingeworfene Skizzen des geselligen und literarischen Lebens der Gegenwart, die keinen Anspruch auf bedeutende Tiefe machten, in denen er aber mit steigender humoristischer Laune und offener Satire die Verkehrtheiten darstellte, an denen er sich schon als Schüler geärgert hatte. Er griff schonungslos die unwahre Empfindsamkeit an, die seit der Siegwartperiode immer noch ihr klägliches Gewinsel fortsetzte, die seichte und dünkelhafte philanthropische Erziehung, welche die Kinder mit Aufklärung und Philosophie auffüttern wollte, die falsche Naturempfindelei, den abgeschmackten Kunstenthusiasmus, die Starkgeisterei der Kraftmenschen und Genialen, die in den angeblich altdeutschen Ritterromanen, und in den Räuber- und Spukgeschichten ihr Wesen trieb. Manche Züge entnahm er aus seinen eigenen Kreisen. In einer Erzählung: „Die gelehrte Gesellschaft“, ironisirte er in flüchtigen aber scharfen Strichen sein und seiner Freunde literarisches Treiben. Einige Verse, die Wackenroder im pathetischen Tone der ältern Schiller’schen Gedichte 1795 auf Arkona gemacht hatte, fanden darin eine Stelle, um eine strenge Kritik zu erfahren. Er zeigte, daß er für die Schwächen seiner Freunde kein minder scharfes Auge habe.
In den Jahren 1795–98, wo die Sammlung abgeschlossen wurde, lieferte er sechzehn verschiedene Beiträge, die den größten Theil der fünf letzten Bände füllten. Da es darauf ankam, Stoff herbeizuschaffen, so begann auch seine Schwester an diesen Arbeiten übersetzend und erfindend Theil zu nehmen. Geschützt durch die Anonymität des Buches, trat sie hier zuerst als Schriftstellerin auf. Mit Ausnahme einer kleinen Erzählung, deren Verfasser Bernhardi war, gehörten die übrigen ihr.
Neben diesen Arbeiten hatte Tieck noch Zeit und Laune gefunden, einen alltäglichen Stoff, den er jenen französischen Sammlungen verdankte, frei zu gestalten. Es war „Peter Lebrecht, eine Geschichte ohne Abenteuerlichkeiten“, die ihm ebenfalls unerwartet den höchsten Beifall seines kritischen und väterlichen Freundes erwarb. Nur hatte er auszusetzen, daß Tieck dem Helden den Namen Friedrich gegeben habe, den er mit dem witziger scheinenden Peter vertauschte. Der Ton der schärfern Ironie, welcher in den frühern Skizzen herrschte, war um ein Bedeutendes herabgestimmt, eine gewisse gutmüthige Zahmheit war an die Stelle der Kühnheit getreten. Eine nüchterne, einfache Geschichte wurde benutzt, um ebenso nüchtern gewisse Ansichten auszusprechen, die auf das Mittelmaß des Verständnisses berechnet waren, mit welchem die Aufklärer sich zu begnügen pflegten. Nur hin und wieder blitzte die satirische Laune auf, und ebenso überraschend klangen einzelne tiefe Töne der Volks- und Naturpoesie durch, in denen der Dichter seinem gepreßten Herzen Luft machte. In der Freude, einmal ein Werk ganz nach seinem Geschmack gefunden zu haben, schien sie der alte Kritiker ganz zu überhören, sonst hätte er erkennen müssen, daß er es hier mit einem andern Geiste zu thun habe, als er meinte.
Sein Sohn theilte die Freude über den Fund, und da dieser sein eben eröffnetes buchhändlerisches Geschäft durch einen bedeutenden Artikel empfehlen wollte, so überließ ihm der Vater den Verlag. Noch im Jahre 1795 erschien die abenteuerlose Geschichte des Herrn Peter Lebrecht im Druck. Früher schon hatte er den „Abdallah“ übernommen, und zugleich alles, was Tieck sonst noch etwa unter der Feder haben mochte.