In diesen zahlreichen kleinen Arbeiten hatte der Dichter zum ersten Male den humoristisch-satirischen Ton mit Erfolg angeschlagen. Er begann damit die Kehrseite seines Wesens herauszuwenden, die bisher von den finstern Schatten des „Abdallah“ bedeckt worden war. Aber er konnte darum jenen schwermüthigen Gedanken nicht untreu werden, auf ihnen ruhte seine Natur. In dem größern Romane „William Lovell“ vollendete er jetzt eine neue Gestaltung derselben.
Seit dem Sommer 1792 hatten ihn diese Charaktere und die psychologischen Räthsel, deren Träger sie sein sollten, beschäftigt. Gleich nach dem Abschlusse des „Abdallah“ war er an die Ausarbeitung gegangen, jetzt war sie beendet, und noch 1795 erschien der erste Theil des neuen Romans. Er war minder phantastisch als der frühere. Weder die übliche Maschinerie der Feenmärchen war angewendet, noch sollte der Leser durch die sinnlichen Farben des Orients bestochen werden. Aber eben darum wirkte das Nachtgemälde, welches der Dichter aufrollte, um so erschütternder. Unmittelbar aus der Gegenwart, aus seiner eigenen Erfahrung, aus den Stimmungen höchster Verzweiflung, die ihn früher so oft ergriffen hatte, waren diese scharfen und düstern Züge hergenommen. Ein Seelenleben und Leiden war geschildert, wie es Jeder, der die Gegensätze der Geisteswelt nicht ganz oberflächlich ansah, an sich selbst erfahren konnte; Verhältnisse und Charaktere gehörten unmittelbar der Zeitgeschichte an. Die Folgen der prahlerischen Starkgeisterei und des falschen Tugendprunks verfolgte er durch die ganze Reihe ihrer unheilvollen Wirkungen, bis zum letzten Punkte hin. Das unaufhörliche Betrachten und Studiren der Seele, das einem geistigen Selbstverzehren gleichkam, das Großthun mit Kraft, Tiefe, Genie und Enthusiasmus stellte er dar, diese moralische Gedunsenheit, welche nur die geistige Armuth und Selbstsucht verbirgt und mit dem Verbrechen endet. Er wollte die Nothwendigkeit einer nüchternen Selbstbeschränkung anschaulich machen, einer Resignation, ohne welche der Mensch nicht leben kann.
Niemals vielleicht hatte ein jugendlicher, kaum zwanzigjähriger Dichter, der selbst von Enthusiasmus erfüllt war, an seinem Helden ein furchtbareres Gericht vollzogen. Schonungslos riß er ihm ein Stück nach dem andern von jener moralischen Garderobe ab, mit welcher Anfänger so gern ihre idealen Tugendhelden prunken lassen. Unbewußt übte er hier jene vielbesprochene Ironie aus, welche er in späteren Jahren als erste Bedingung jeder darstellenden Dichtung forderte. Es war zugleich eine Selbstwarnung, die er seinen eigenen Abirrungen entgegenstellte, eine scharfe Kritik, welcher er sich und seine jüngern Genossen unterwarf, die sich so gern genial, groß und kühn dünkten. Es war eine Auseinandersetzung der wahren sittlich-dichterischen Begeisterung, und der falschen, welche die Züge jener heuchlerisch nachbildet. Dieser Roman war ein Zeugniß staunenswerther Reife, aber sie war auch mit schmerzlichen Erfahrungen erkauft.
Stellung und Gruppirung der Charaktere erinnerten an den „Abdallah“. Lovell und Abdallah, Andrea und Omar entsprachen einander. War der „Lovell“ in manchen Partien noch dunkel und schwerfällig, so war er doch das viel gereiftere Product. In einzelnen Zügen und Schilderungen hatte sich auch der Einfluß des „Geistersehers“ von Schiller geltend gemacht, dessen Werth Tieck bei weitem höher anschlug als der Dichter selbst.
Ein solches Buch war weder eine leichte noch eine erfreuliche Lectüre; es konnte nur einen peinlichen, düstern Eindruck machen. Er durfte sich kaum wundern, wenn es die Einen ganz abwiesen, die Andern misverstanden, und er es am Ende weder Freund noch Feind recht gemacht hatte. Er nahm darin eine eigene, freie Stellung ein, und zeigte, daß er sich der neuen Schule ebenso wenig unbedingt zu ergeben geneigt sei als der alten. Die kritischen Urtheile, welche das Buch öffentlich erfuhr, waren zum Theil sonderbar. So wies ihm der überkluge Recensent der „Jenaischen Literaturzeitung“ aus einigen misverstandenen Anglicismen, die er gefunden haben wollte, nach, der Roman sei aus dem Englischen übersetzt, und er verschweige den Namen des Verfassers absichtlich. Ebenso hatte ein anderer Kritiker in Folge der trefflichen Erzählungen im fünften Bande der „Straußfedern“ dem Witz und der unerschöpflichen Laune des Verfassers des „Siegfried von Lindenberg“ seine volle Anerkennung zu Theil werden lassen.
Der aufgeklärte Herr Peter Lebrecht hatte den wohlwollenden Lesern doch besser gefallen, und so sollte denn sein Name einigen andern Dichtungen zur Empfehlung dienen, mit deren phantastischem Inhalte seine biedere Verständigkeit wenig übereinstimmte. Schon in dem zweiten Theile seiner Geschichte, den der jüngere Nicolai ausdrücklich verlangt hatte, kündigte er die beabsichtigte Erneuerung einiger alten Volksmärchen an. Zugleich warnte er, man möge doch ja nicht jene Volksromane, die man auf der Straße für einen Groschen von alten Weibern kaufe, verspotten. „Siegfried“ und die „Haimonskinder“, „Herzog Ernst“ und „Genoveva“ seien reiner und enthielten mehr Poesie als die Misgeburten einer wahnwitzigen Phantasie in den angeblichen Ritterromanen. Die Herausgabe von „Peter Lebrecht’s Volksmärchen“ wurde vorbereitet. Kaum hätte es einen glücklichern Stoff für Tieck geben können.
Sein Talent hatte um diese Zeit eine neue reichere Entfaltung erfahren. Er hatte Gelegenheit gehabt es auszusprechen, im Tone des spielenden Humors wie des tiefsten Ernstes. Manches, was früher Gegenstand trübsinniger Betrachtung gewesen war, erschien ihm jetzt in hellerem Lichte, und war es auch nicht möglich, die Räthsel zu lösen, so waren doch Humor und scherzhafte Laune eine angenehmere und willkommenere Form dafür. Ueber Dichtung und Dichterwerke ging ihm eine neue Offenbarung auf. Entferntes trat ihm näher, Vereinzeltes strebte zueinander hin und rundete sich zum Ganzen ab, Verschlossenes eröffnete sich. Ein nie geahnter wunderbarer Glanz schien über das Leben hinzugehen, überall sah er es keimen und blühen, in anderm erhöhten Sinne kehrte ihm die Naturtrunkenheit der ersten Jünglingsjahre zurück. Zu Zeiten konnte er meinen er habe jetzt zuerst das Auge aufgeschlagen. Dies alles sollte nun in seinen Dichtungen Gestalt gewinnen. Wie hätten Tiefsinn und Leidenschaft, Humor und Witz, die Begeisterung für das einfach Volksthümliche, das echte Naturgefühl, und die ruhelos bildende Phantasie einen bessern Stoff finden können als in den alterthümlichen Volksmärchen? In diesen halb tiefsinnigen, halb kindlichen Erzeugnissen einer unbefangenen und phantastisch-spielenden Volks- und Naturpoesie, die sich harmlos ihrem Witze wie ihrem Schmerze überließ, lagen alle jene Elemente beisammen. Diese Schätze schienen nur des Dichters zu harren, der im Besitze des Zauberwortes war, das sie zu heben vermochte.
Dem aufgeklärten Lesepublicum lagen diese alten Volksgeschichten sehr fern. Längst glaubte man über die Zeiten hinaus zu sein, wo sie um ihrer selbst willen irgendeine Beachtung verdient hätten; man behandelte sie als altes Weibergeschwätz, dem höchstens noch eine Stelle in den Spinnstuben zu gönnen sei. Musäus’ Erneuerung hatte zum Theil deshalb Beifall gefunden, weil sie jene Dichtungen mit der Ironie einer höherstehenden Bildung betrachtete. In Tieck’s Umdichtungen wandte sich nun diese Ironie gegen die Besserwissenden, gegen die Aufgeklärten selbst. Während sie Alles wissen und erklären wollten, erschien in diesen Märchen, deren Entstehung gar nicht nachzuweisen war, das natürlich Ergreifende, das Tiefsinnige und Dichterische als ein Räthselhaftes und Unerklärliches, das aller Definitionen spottet. Häufig ist es die unbewußte Naturkraft, in deren geheimnißvollem Zuge allein Hülfe und Rettung liegt, während das überweise, selbstzufriedene und vorwitzige Handeln und Machen der Menschen hemmend und verneinend eingreift. So erschien als Thorheit was für Weisheit gegolten hatte, und in dem kindischen ahnungslosen Spiele der Thoren erschloß sich ein tiefer Sinn. Nicht ohne beißenden Spott nannte Tieck diese alten Bilder, welche er seinen klugen Zeitgenossen vorhielt, Ammen- und Kindermärchen. Eine verdoppelte Ironie war es, wenn seine kritischen Verleger, indem sie sich an einzelne ihnen zusagende Züge hielten, diesen Bearbeitungen der Volksmärchen Beifall schenkten, ohne zu ahnen, welche Satire auf sie und ihre Meinungsgenossen darin liege.
Im Jahre 1796 entstand die Dramatisirung des alten Märchens vom Blaubart. Er hatte es fast zu einer Tragödie erweitert, in der die Lösung von den Ahnungen ausgeht, welche von den Klugen als Thorheit verspottet werden. In treuherziger Einfalt erschien der alte Sagenton in den „Haimonskindern“, während die „Geschichte von den Schildbürgern“ in dem Aberwitz der Ueberweisheit, die Alles ergründen will und schließlich den Wald vor Bäumen nicht sieht, eine deutliche und derbe Satire der herrschenden Richtung gab. Kühn griff er die Aufklärer fast auf allen Punkten an. In der Charakteristik der schildaschen Dichter waren Iffland und Kotzebue nicht zu verkennen; auch an einigen Anspielungen auf des alten Nicolai berühmte Beschreibung seiner Reise durch Deutschland fehlte es nicht. Bald darauf, 1797, entstand die „Geschichte von der schönen Magelone“, und die dramatisirte Sage von „Karl von Berneck“, deren Herausgabe der jüngere Nicolai besonders wünschte, schloß sich in umgearbeiteter Gestalt diesem Märchenkreise trefflich an.
Eine der anziehendsten dieser volksthümlichen Erzählungen war Tieck’s eigene Erfindung, „Der blonde Ekbert“. Sie verdankte ihre Entstehung einer augenblicklichen Inspiration. Der jüngere Nicolai wünschte nichts sehnlicher, als das Erscheinen der Märchen zu beschleunigen. Häufig hatte er ungeduldig die Anfrage wiederholt, wie weit das Manuscript vorgerückt sei, oder was er unter der Feder habe. Um den Dränger zufriedenzustellen hatte Tieck einmal auf gut Glück geantwortet: „Der blonde Ekbert!“ Es war ein Name, der ihm in den Mund gekommen war. Später fiel ihm die Leichtfertigkeit auf die Seele, mit welcher er eine Dichtung angekündigt hatte, für die er bisjetzt weder Fabel noch Idee habe. Er setzte sich zum Schreiben nieder. Da fand sich zu dem Namen ein Mann. Aus der Erinnerung an die Erzählungen seiner Mutter tauchte das Bild jenes alten unheimlichen Weibes auf, das mit dem Hunde in menschenscheuer Abgeschiedenheit in der Hütte saß. Es verband sich mit den Bildern der einsamen und schauerlichen Waldgründe, welche er oft durchstrichen hatte, und eine ergreifende Erzählung erwuchs, die der volksthümlichen Sage irgendeines Waldgebirges anzugehören schien.