Als Tieck sein Märchen im Kreise der Freunde aus den Correcturbogen vorlas, erfuhr das Wort, welches im Mittelpunkte desselben stand, Waldeinsamkeit, eine scharfe Kritik. Wackenroder erklärte es für unerhört und undeutsch, wenigstens müsse es heißen Waldeseinsamkeit. Die Uebrigen stimmten bei. Umsonst suchte Tieck sein Wort, das er unbefangen gebraucht hatte, durch ähnliche Zusammensetzungen zu vertheidigen. Er mußte endlich schweigen, ohne überzeugt zu sein, strich es aber nicht aus, und gewann ihm das Bürgerrecht in der Literatur. Im Jahre 1797 ward der „Gestiefelte Kater“ vollendet. Es war ein genialer Wurf, und er gelang auf das glänzendste. Freilich schloß sich weder dieser Stoff noch die Behandlung an die frühern treuherzigen Erzählungen unmittelbar an. Aus Perrault’s Märchen war eine scharfe literarische Satire geworden. Aber schon die Keckheit des Contrastes mußte überraschen, und mehr noch, daß ein junger Autor, der sich erst bilden sollte, dieses kindische Märchen, das in der That aus der Ammenstube zu kommen schien, einem erleuchteten Publicum vorzuführen wagte.
Es war eine Kriegserklärung, nicht allein gegen das Theater, sondern auch, was bedenklicher war, gegen die Autorität des Publicums. In diesem phantastischen Lustspiel erschienen Bühne und Publicum auf der Bühne, sie ironisirten sich gegenseitig, und das aufgestellte Bild beider war nicht eben schmeichelhaft. In die Philisterwelt der zärtlichen Väter und unschuldigen Landleute Iffland’s und Kotzebue’s trat dreist und zuversichtlich, als könne es nicht anders sein, der „gestiefelte Kater“, der allein schon dadurch die gutgemeinte, aber beschränkte Ernsthaftigkeit jener Gestalten verspottete. In dem bürgerlichen Schauspiele sollte die gemeine alltägliche Wahrscheinlichkeit für dichterische Wahrheit gelten; jetzt erschien es in dem grellsten Lichte des Lächerlichen, indem es nicht nur das Unwahrscheinliche, sondern sogar das Widersinnige dulden mußte. Der einzige Witzige, ja Vernünftige in dieser ehrbaren Gesellschaft war der mit Schimpf und Schande vertriebene und geschmähte Hanswurst, dessen gemeiner Name allein schon dem gebildeten Publicum Ekel erregte, und der nun wieder zu Ehren gebracht werden sollte. Und abgeschmackt erschien das Publicum selbst, die Kunstrichter von Fach, die privilegirten Hüter des guten Geschmacks, die dessenungeachtet gerührt, belehrt und gebessert sein wollen, und in jedem Augenblick bereit sind, ihre Anforderungen an Geschmack und Wahrheit mit Hülfe der Füße durchzusetzen. Hier gab es alle Arten der Thorheit und Anmaßung, von dem hochmüthigen Kunstenthusiasmus bis zur reinen Dummheit. Der Vertreter jenes war ein Mann, dessen Lobrednerei Tieck vor allem verdrossen hatte, Böttiger, welcher in seinem unlängst erschienenen Buche, „Entwickelung des Iffland’schen Spiels in vierzehn Rollen“, dem Publicum in breiter Ausführung die Künstlergröße Iffland’s begreiflich machen wollte.
Diesem verwegenen Spiele folgte 1797 ein zweites, vielleicht noch kühneres, welches er herausfordernd ein historisches Schauspiel nannte, „Die verkehrte Welt“. Veranlassung und Namen hatte eine Posse in Weise’s vergessenem „Zittauischen Schultheater“ gegeben. Der Dichter selbst lebte ja in einer ähnlich verkehrten Welt, wo die Thorheit sich als Weisheit breit machte, um den Tiefsinn als Thorheit zu verschreien, wo man die reinste Prosa Poesie nannte, um diese für immer zu exiliren. Apoll und der Poet sind verbannt, während ein Nützlichkeitsregent auf dem Parnaß backen und brauen läßt, und die Musen sich bequemen müssen, zu brauchbaren Personen zu werden, um die Hochachtung des guten Bürgers zu verdienen. Während endlich das Spiel mit dem Theater so weit ging, daß Zuschauer und Schauspieler ihre Plätze miteinander tauschten, begleitete die in Worte übersetzte Musik diese tolle Welt mit dem Adagio ihrer schwermüthigen Töne, und durch jenes betäubende Geschrei des Unverstandes klangen die vollen Accorde des tiefsten dichterischen Ernstes. Hier fand sich auch die Andeutung, man solle die verkehrte Welt nur noch einmal umkehren, so werde schon die rechte zum Vorschein kommen.
Nach solchen Ausbrüchen des Humors durfte der Dichter nicht mehr hoffen, mit seinen Beschützern und Verlegern im Einverständnisse zu bleiben; jetzt mußten ihnen die Augen aufgehen. Tieck hatte gewünscht, mit dem letzten Lustspiel die „Straußfedern“ abzuschließen. Schon früher hatte er es gewagt, ein kleines, unbedeutendes Drama einzuschwärzen. Jetzt übersandte er Nicolai die drei ersten Acte der „Verkehrten Welt“, dann ließ er nach einiger Zeit die beiden letzten folgen. Doch die Geduld des kritisirenden Verlegers war erschöpft. In eine wohlgemeinte Sammlung moralischer Erzählungen, wie seine „Straußfedern“, gehörten so excentrische Ausgeburten der Phantasie nicht hinein; und er sollte nun gar noch zwei solche Stücke gutheißen! Auch war der bescheidene junge Schriftsteller, der seinen Lehren so aufmerksam zu folgen schien, offenbar nichts weniger als sein Jünger, sondern ein arger Ketzer, erfüllt von allen verpönten und gefährlichen Phantastereien. Doch zu des jungen Mannes eigenem Besten beschloß er, ihm diesmal seine Meinung gründlich zu sagen. Er sandte das Manuscript mit einem Briefe zurück, in welchem er ihn vor den Irrwegen phantastischer Excentricität väterlich warnte, wie vor übermüthiger Verspottung des Publicums, und ihm zu Gemüthe führte, daß Anlagen nur durch Fleiß und Strenge zu bilden seien. Aber der muthwillige Geist des Lustspiels hatte den gründlichen Kritiker gerade in diesem Augenblicke der Belehrung arg geneckt. Er hatte in seinem Eifer völlig übersehen, daß es sich hier um ein einziges Drama handle. Weil es ihm in zwei Sendungen zugegangen war, hatte er zwei verschiedene Lustspiele daraus gemacht! Den Vermittelungsvorschlag Nicolai’s, eines davon diesmal noch passiren zu lassen, konnte Tieck natürlich nicht annehmen; er eilte ihn über seinen Irrthum aufzuklären, und erbat sich sein Lustspiel zurück.
Die Verleger waren mistrauisch geworden. Sie begannen seine Dichtungen zu durchmustern, und fanden bald genug in ihren eigenen Verlagsartikeln deutliche Spuren, daß ihr Schriftsteller ein Gegner der Aufklärung, wol gar der Moral sei. Man hatte also im eigenen Heerlager einen Feind beherbergt. Nach solchen Erfahrungen war an eine Ausgleichung nicht mehr zu denken. Sie war auch nicht möglich. Die Zeitalter der vorgoethischen und nachgoethischen Poesie waren in ihren entschiedensten Vertretern aufeinandergestoßen. Eine ganze Periode der deutschen Literatur lag zwischen beiden, sie konnten sich nicht verstehen.
Die Verbindung mit dem jüngern Nicolai ging ihrem Ende entgegen. Nicht zufrieden mit dem, was Tieck ihm geliefert hatte, wünschte er voll unruhiger Vielthätigkeit bald diesen bald jenen Plan ausgeführt zu sehen, von dem er einen glücklichen Erfolg für sein Geschäft erwartete. Unter Anderm hatte er eine Anzahl von englischen Moderomanen zusammengebracht, welche übersetzt werden sollten. Da Tieck mit so schlechter Waare sich nicht befassen mochte, so ruhte jener doch nicht eher, als bis er die leidlichsten ausgesucht, und ihm einige Freunde nachgewiesen hatte, die bereit waren, sich der Arbeit zu unterziehen. Wackenroder mußte das „Kloster Netley“, der Musikdirector Wessely „Schloß Montfort“ übersetzen.
Gleich darauf kam er mit einem andern Plane zum Vorschein. Elise von der Recke, die aus einer Anhängerin der Mystik eine Freundin Nicolai’s geworden war, stand in den geselligen Kreisen, welche sich bei diesem versammelten, in hohem Ansehen. Hier hatte sie Tieck’s „Blaubart“ kennen gelernt, und den Gedanken hingeworfen, es müsse eine treffliche Aufgabe für den Dichter sein, die frühere Geschichte des Blaubart und seiner sechs Weiber zu schreiben. Er könne sich als Menschenkenner und Charakterdarsteller bewähren, es gelte Leidenschaften zu zeichnen, das Ganze werde ein trefflicher Stoff zu feinen psychologischen Gemälden sein. Diese Aeußerung faßte der jüngere Nicolai auf, und Tieck sollte auf der Stelle ans Werk gehen. Diesem war indeß weder die Aufgabe, noch die Art, wie sie gelöst werden sollte, genehm. Das pedantische Anatomisiren aller Fibern und Fasern, wie es in den psychologisirenden und moralisirenden Romanen an der Tagesordnung war, war ihm widerlich. Dennoch ging er auf den Vorschlag ein, weil er einen Stoff gefunden zu haben meinte, der ihm Veranlassung gebe, seine Ansicht über die Beschränktheit der Moralpoesie noch einmal darzulegen.
Doch während der Arbeit erlahmte er; nur eine matte Geschichte hatte er zu Stande gebracht. Ein Streit, in den er mit dem Censor gerieth, verdarb den Spaß vollends, da dieser ihm vorwarf, in dem einleitenden Capitel die Moral lächerlich gemacht zu haben. In einem Gespräche darüber kam man auf Voltaire’s „Candide“, und da Tieck dieses Buch als wahrhaft unmoralisch bezeichnete, zürnte jener noch mehr über die Anmaßlichkeit, mit welcher der junge Schriftsteller ein weltberühmtes Buch anzugreifen wage, das ihm doch zum Vorbilde gedient habe. Tieck mußte sich bequemen, seine Einleitung zum Besten der Moral umzuarbeiten. Diese Verzögerungen machten auch Nicolai ungehalten; er maß das Mislingen Tieck’s Eigensinn bei, und um die Sache zum Abschluß zu bringen, gab er selbst die Erzählung unter einem geschmacklosen Titel heraus, der sie witziger und anziehender machen sollte. Er nannte sie: „Eine wahre Familiengeschichte, herausgegeben von Gottlieb Färber, Istambul bei Heraklius Murusi, Hofbuchhändler der hohen Pforte, im Jahre der Hedschrah 1212.“
Allmälig war aus dem Verleger ein Kritiker geworden. Er lobte, tadelte, schalt, und war schon mit den frühern Dichtungen keineswegs zufrieden gewesen. Der „Kater“ und die „Schildbürger“ waren ihm zu übermüthig, sie durchbrachen zu rücksichtlos die sichern kritischen Gehege. Er fürchtete, man könne am Ende gar ihn selbst für Peter Lebrecht halten; er hatte daher jede Verantwortlichkeit für diese excentrischen Producte abgelehnt. Bedenklicherweise aber hatte er der „Geschichte der Schildbürger“ die Erklärung angehängt, daß er nicht der Verfasser dieses Buches sei, vielmehr den Inhalt desselben erst nach dem Abdrucke kennen gelernt habe. Auch hatte er aus ähnlichen Gründen die „Volksmärchen“ gegen den anfänglichen Plan bereits mit dem dritten Bande abgeschlossen.
Endlich kam es zu einem völligen Bruche. Wenngleich es den Volksmärchen nicht an Beifall fehlte, während der Verleger selbst ihnen denselben versagte, so hatte er dennoch ungeduldig einen bessern Erfolg erwartet, und griff nun in seinem Zorn über Dichter und Gedicht zu einer Maßregel, die ebenso eigenmächtig als unberechtigt war. Er kündigte 1799 Tieck’s sämmtliche Werke an, in zwölf Bänden, zu einem bedeutend herabgesetzten Preise, und ließ es dabei an spöttischen Bemerkungen nicht mangeln. Tieck’s Freunde, denen diese Dichtungen inzwischen liebgeworden waren, hatten wol gesagt, sie seien nicht für den gewöhnlichen Leser, sondern für den höhern Menschen geschrieben. Diese Wendung faßte Nicolai auf. Eben um dem höhern Menschen den Ankauf zu erleichtern, habe er den Preis dieser Bücher herabgesetzt.