Aber diese erste Gesammtausgabe war in keiner Hinsicht was sie sein wollte. Weder enthielt sie alles, was Tieck geschrieben hatte, noch war alles, was sie enthielt in der That von ihm, noch war sie endlich überhaupt eine neue Ausgabe. Hierin lag nicht allein eine doppelte Beeinträchtigung des Verfassers, sondern auch eine Täuschung des Publicums. Es fehlten die Erzählungen in den „Straußfedern“, „Allamoddin“, „Der Abschied“ und „Herr von Fuchs“, drei dramatische Jugendversuche, welche Wackenroder während Tieck’s Abwesenheit 1797 hatte in Leipzig drucken lassen, um den Freund zu überraschen; es fehlte der „Sternbald“ und die „Phantasien über die Kunst“, die sämmtlich in den Händen anderer Verleger waren. Dagegen mußte Tieck es sich gefallen lassen, als Uebersetzer jener schlechten Romane zu erscheinen, vor denen er gewarnt hatte. Endlich waren an dieser sogenannten neuen Ausgabe nur die Titelblätter neu, welche als lockendes Aushängeschild den alten Drucken vorgesetzt worden waren.
Nach solchem Verfahren blieb nur der Rechtsweg übrig. Es kam zur Klage beim Stadtgericht. Nicolai verlor den Proceß, und der fernere Verkauf dieser unechten Ausgabe wurde ihm untersagt. Noch in demselben Jahre starb er, nachdem sein Geschäft in der letzten Zeit mannichfach gelitten hatte. Mit den Resten seiner Verlagsartikel gingen auch jene Titelblätter in den Besitz einer leipziger Buchhandlung über, und noch später ist diese erste angebliche Gesammtausgabe von Tieck’s Werken hin und wieder auf dem Büchermarkt aufgetaucht, um die Kunde von den Anfängen seiner dichterischen Laufbahn zu verdunkeln und zu verwirren.
7. Alte und neue Freunde.
Das Jahr 1798 war für Tieck ein entscheidendes. Manches alte feste Band sollte sich lösen, manches neue bedeutungsvoll geschlungen werden.
Zuerst wurde der treuste und bewährteste der Freunde von Tieck’s Seite gerissen, Wackenroder, mit dem er vom Knaben zum Jünglinge aufgewachsen war und jetzt das männliche Alter erreicht hatte. Gerade in diesem Augenblicke entfaltete sich Wackenroder’s tiefer Sinn vollständig. Auch er hatte sich in der Stille zum Dichter herangebildet. Seine Gedanken über die Kunst waren zu einem Abschlusse gekommen, und gestalteten sich nun zu einer Reihe dichterischer Bilder. Schüchtern hatte er sein Geheimniß bisher bewahrt, und selbst seinem Freunde nicht mitzutheilen gewagt. Tieck war daher sehr überrascht, als er die ersten Blätter erhielt. Er mußte sich eingestehen, bei aller Anerkennung des tiefen Gemüths und Talents hatte er Wackenroder so Bedeutendes nicht zugetraut. Seine frühern Versuche waren nicht glücklich ausgefallen. Noch hatte er den Ton nicht finden können, der seinem eigenthümlichen Wesen entsprach. Er schwankte in seinen Gedichten zwischen dem Pathos Schiller’s und dem nüchternen Tone der ältern Schule. Noch weniger wollte es mit dem Drama gelingen. Eine Tragödie schloß damit, daß die Geliebte ohnmächtig in die Arme des Geliebten sinkt. Dieser, um sie ins Leben zurückzurufen, greift zu einigen Kräutern (die Scene ist im Garten), er hält sie ihr an den Mund, aber unglücklicherweise sind sie giftig, und er tödtet dadurch die Geliebte mit eigener Hand.
Die Kunst war es, durch welche Wackenroder auch in der Poesie mündig werden sollte. Eine Reise, welche die Freunde im Sommer des Jahres 1796 nach Dresden machten, führte zur Entdeckung des Geheimnisses. Endlich wollten sie die größten Werke der alten italienischen Meister sehen. Es war eine Pilgerfahrt nach dem gelobten Lande, das nur durch einen Zug durch die Wüste zu erreichen war. Denn die Poststraße nach Dresden war kaum minder beschwerlich. Tage und Nächte lang schleppte sich die Fahrpost mühselig durch den Sand und die trübseligen Haiden der Mark und der Lausitz. Diese endlosen Nachtfahrten durch finstere Kieferwaldungen waren geeignet Gedanken zu erwecken und mitzutheilen. So entstanden auf dieser Reise bei Tieck zwei Gedichte im ersten Entwurfe, welche den düstern Charakter jener Einsamkeit widerspiegelten. In der Nacht sahen die Reisenden weiße Steine zwischen den Bäumen hervorschimmern, welche als Wegweiser, als Zeichen im Walde, gelegt sein mochten. Um sie sammelten sich jene schaurigen Phantasiegebilde, denen Tieck in dem bekannten Gedichte dieses Namens Leben gab. Diese Steine verwandelten sich ihm in rächende Zeichen, die einen schweren Frevel verbargen und zugleich verriethen. Mit diesen Bildern wechselten dann die Gefühle schmerzlicher Verlassenheit und Einsamkeit, die er in jenem Nachtliede des Wanderers aussprach, der still weinend seines Weges zieht und die Sterne anruft.
Auf dieser Reise theilte auch Wackenroder sein Geheimniß dem Freunde mit. Diese Darstellungen waren die Frucht der künstlerischen Studien, des Aufenthaltes in Nürnberg, der Besuche der Galerien zu Pommersfelde, Kassel und Salzthal. Alles was er gesehen, was ihn entzückt und begeistert hatte, drückte er in dem einen Gedanken aus, der für ihn die vollste Wahrheit war, es sei ihm die Kunst eine andere Religion, zum Gegenstande eines heiligen Glaubens geworden. Niemals konnte sich eine solche Ueberzeugung mit den Theorien der Kunst und der Kritik versöhnen, welche auf dem Boden der Aufklärung gewachsen war.
Wie Tieck in der Poesie, forderte Wackenroder in der Kunst das Einfache, Ursprüngliche. Nichts war ihm verhaßter als das hergebrachte Kunstraisonnement, mochte es nun auftreten als Zergliedern des Ganzen, als verständiges Herzählen von Einzelheiten, in denen die Kunstrichter den Geist zu fassen vermeinten, oder mit der Miene der Unfehlbarkeit, als System und Herleitung aus obersten Grundsätzen. Die damals häufig genannten Schriften von Ramdohr, „Venus Urania“ und andere hatten den Freunden manchen Anstoß gegeben. Wie konnten diese Kunstrichter so zuversichtlich sprechen, da sie weder Kunst noch Begeisterung besaßen? Dem allwissenden System stellte Wackenroder die Begeisterung entgegen, als eine geheimnißvolle Offenbarung, von welcher der Künstler selbst nicht zu sagen wisse, woher der Geist wehe. Zu der Quelle jener Gefühle führte sie Wackenroder zurück, welche die Theoretiker aus der Seele wie aus ihren Lehrbüchern hinaus demonstriren wollten. Aus dem geheimnißvoll Göttlichen im Menschen stieg auch die Kunst empor, und ihr Ausdruck war das Werk des Meisters. Aber diese Offenbarung in der Kunst ist nicht zu fassen wie der Paragraph eines Lehrbuchs, die Versenkung in das Kunstwerk muß zur religiösen Erhebung werden. Den Machtsprüchen unduldsamer Systematiker, die das nicht verstehen wollten, setzte er ein kühnes und entschiedenes Wort entgegen, Aberglaube sei besser als Systemglaube.