Solche Gedanken und Gefühle wollte Wackenroder anschaulich machen in einer Reihe von Bildern, die er aus dem Leben und Wirken der alten großen Meister entlehnt hatte. Er wollte zeigen, wie jeder von ihnen dem Genius getreu, kräftig und einfach gebildet, und das Göttliche in seiner Weise dargestellt habe, der große Rafael in seiner Herrlichkeit, der kunstvolle Leonardo da Vinci, und vor allen Albrecht Dürer, der Vater der deutschen Kunst, still und ämsig, rein und fromm; wie ihnen allen die Religion ein erklärendes Buch gewesen für das ganze Leben, und dieses selbst unter ihren Händen zum Kunstwerke geworden sei. Viele dieser charakteristischen Züge hatte Wackenroder aus Vasari’s Malerchronik entlehnt.

Als Tieck jene Blätter durchgelesen hatte, wollte es ihm trotz alles Beifalls in seiner damaligen kritischen Stimmung scheinen, Manches könne vielleicht noch wirksamer gesagt werden. Er begann daher den ersten Abschnitt „Rafael’s Erscheinung“ umzuarbeiten, ein rasches Verfahren, welches er später als voreilig misbilligte, da die ursprüngliche Darstellung seines Freundes ohne Zweifel besser gewesen sei. Ebenso machte er den Versuch, das über Leonardo da Vinci Gesagte in Verse umzusetzen. Als er darauf von Dresden nach Halle ging, Reichardt zu besuchen, theilte er ihm die Dichtungen des Freundes mit. Auch dieser stimmte in den Beifall ein, und nahm sogleich eine der Skizzen, „Das Ehrengedächtniß Albrecht Dürer’s“ in sein Journal „Deutschland“ auf.

Reichardt fand auch den Titel, unter dem diese Bilder dem Publicum übergeben werden sollten. Sie waren durchweht von dem Geiste eines frommen Kunstglaubens, der einer vergangenen Zeit angehörte, in welcher die Begeisterung dem zersetzenden Verstande noch das Gleichgewicht hielt; eine solche Betrachtung des Kunstwerkes schien in der Zeit geräuschvoller und selbstbewußter Thätigkeit kaum möglich. Sie wurde daher einem einfachen Mönche zugeschrieben, der seine Jugend der Kunst widmete, und in klösterlicher Stille das Leben zu beschließen gedenkt. Hinter ihm liegen Welt und Jugend, aber die Begeisterung für die Kunst durchglüht ihn noch wie damals, sie ist ihm zu einem Theile seines Glaubens selbst geworden. In kunstlosen, aber ergreifenden Worten spricht er diesen Glauben aus, mit jener Ruhe, welche den festen Ankergrund gefunden hat, der nicht mehr entrissen werden kann. Diese fromme Einfalt hatte an Lessing’s Klosterbruder im „Nathan“ erinnert, daher schlug Reichardt für diese Betrachtungen den treffenden Titel vor: „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders.“ Tieck fügte die Vorrede und einige kleinere Aufsätze hinzu; dann erschien das Buch 1797 in Unger’s Verlag.

Mehr als einen Grund mochte Wackenroder haben, sich nicht als Verfasser zu nennen. Manchen Kampf hatte er in dieser Zeit zu bestehen, davon gaben diese Herzensergießungen Zeugniß; sie waren es für ihn in vollem Sinne des Wortes. Auch für die Musik hatte er einen leitenden und rathenden Freund in Zelter gefunden. Doch je mehr sich sein Ohr der innern Harmonie öffnete, desto verletzender wurden die Misklänge des äußern Lebens. Er war in die juristische Praxis eingetreten. Aber wenig war er für eine solche Thätigkeit geeignet. Er sollte Acten lesen oder selbst abfassen über geringfügige Dinge des Lebens, die er verachtete, die für ihn nicht da waren. Wie oft klagte er nicht dem Freunde seine Leiden, wenn der Augenblick drängte, und Actenstöße abgearbeitet werden sollten, und er weder Sammlung noch Uebersicht finden konnte, um die verhaßte Arbeit zum Abschlusse zu bringen. Wie Tieck manches Mal in den Schülerjahren aus der Noth geholfen hatte, so bewährte er sich auch jetzt. Schnell entschlossen setzte er sich nieder, und brachte so gut er es vermochte das Referat zu Stande.

Es war klar, auf diesem Wege mußte der Freund zu Grunde gehen. An den Wurzeln seines Lebens nagte der geheime Gram, seinem wahren Berufe nicht folgen zu können. Auch nach Tieck’s Meinung war dies die Kunst. Da er bei dem alten Wackenroder etwas galt, so unternahm er mit mehr Zuversicht als Erfolg das schwierige Werk ihn umzustimmen. Dieser hatte von dem Freunde seines Sohnes eine günstige Meinung, als von einem verständigen jungen Manne, an dessen Unterhaltungen man wol Gefallen finden könne. Tieck suchte ihm begreiflich zu machen, wie es das Heil des Sohnes erfordere, daß er sich für die Musik ausbilde. Nicht ohne Staunen hörte der alte Wackenroder diese dreiste Rede an. Von einem Musiker hatte er die geringsten Begriffe, und seinen Sohn hatte er zu einem nützlichen Bürger erzogen. „Sie meinen wol gar, mein Sohn soll so ein Musikant werden, der zu Hochzeiten aufspielt?“ fragte er mit schneidender Schärfe dagegen. Bei solchen Ansichten hörte jede Hoffnung auf Verständigung auf.

So verzehrte sich Wackenroder in innerm Widerstreite. Während er von Musik und Malerei träumte, zogen Pflichtgefühl und Kindesliebe ihn nach der andern Seite hin. Das Geschäftsleben aufzugeben, war ohne seinen Vater tief zu kränken, nicht möglich. Aber er fühlte, trotz seines guten Willens werde er den Anforderungen, die gemacht wurden, nicht genügen können.

Diesen schmerzlichen Seelenzustand hatte er in seinen Herzensergießungen in dem musikalischen Leben Joseph Berglinger’s geschildert. Er war jener Knabe, der mit seiner Musiksehnsucht und Begeisterung dem thätigen und verständigen Vater gegenübersteht, der ihn nöthigen will sich nützlich zu beschäftigen wie er selbst. Er war es, der jede Seite in seinen Lehrbüchern zehn mal überlesen mußte, ohne sie zu fassen, während die Seele ihre innerlichen Phantasien fortsang. Es waren Erinnerungen an die Träume der Studentenzeit, wenn er den Leidenden aus dem Vaterhause entfliehen ließ, um sich seiner Kunst in die Arme zu werfen. Dann mochten ihn wol geheime Zweifel beschleichen, ob er den höchsten schöpferischen Beruf habe, wenn er seinen Berglinger mit dem Gefühl bitterer Enttäuschung gestehen läßt, daß Sehnsucht und Phantasie mehr versprechen, als Talent und Leben gewähren, daß die Begeisterung, die den Widerstand des Lebens schöpferisch überwinden soll, von stärkerem Metall sein müsse, daß sein Beruf vielleicht mehr der Genuß als die Ausübung der Kunst sei. Seine Begeisterung war eine stille Glut, die Alles durchzog, was er dachte und sprach, aber auch seine Jugend und sein Leben verzehrte.

Er war zerfallen mit sich und seiner Art zu sein, der Gegenwart überdrüssig, ohne Hoffnung für die Zukunft. Leicht würde eine zarte Natur wie die seine Schwereres ertragen haben, wenn sie mit sich einig geworden wäre; an diesem quälenden Widerspruche ging sie zu Grunde. Seine Gesundheit wankte; er kränkelte, es entwickelte sich ein Nervenfieber. Am 13. Februar 1798 starb er fünfundzwanzig Jahre alt. Es war ihm gegeben, unter Kampf und Streit die höchsten Entzückungen der Kunst in sich zu erleben, er hatte sie ausgesprochen, dann war er gestorben. Sein Leben war ein kurzes, aber darum nicht schmerzenfreies; doch war es still, rein und voll künstlerischen Glaubens gewesen, wie das jener alten Meister, von deren Bildern seine Seele erfüllt war.

Nächst dem Vater traf dieser Schlag Niemand härter als Tieck. Zehn Jahre der reichsten Entwickelung hatte er mit diesem Freunde verlebt. Es gab nichts in Leben, Poesie und Kunst, was sie nicht besprochen hätten. Es war eine Freundschaft hervorgegangen aus der Gleichheit der höchsten Seelenstimmungen. In der letzten Zeit hatten sie für eine tiefere Auffassung der Poesie und Kunst gemeinschaftlich gekämpft.

Und in diesem Sinne wirkte Tieck weiter. Er setzte dem hingeschiedenen Freunde ein Denkmal, das ein Zeugniß ihres gemeinsamen Lebens in der Kunst sein sollte. In einer eigenen Dichtung führte er die Ideen des Klosterbruders weiter aus. Dies war der „Sternbald“. Schon in Nürnberg hatten die Freunde den Gedanken gefaßt die alte volksthümliche Kunstwelt wieder zu beleben. Unter den verschiedenartigsten Arbeiten hatte Tieck diesen Plan festgehalten. Zu den „Herzensergießungen“ hatte er einen Beitrag gegeben, in dem der Charakter des „Sternbald“ bereits vollständig ausgebildet war. Es ist der Brief des jungen deutschen Malers, der aus der Schule seines Meisters Albrecht Dürer nach Rom gegangen ist, und unter den Werken Rafael’s und der großen Italiener ein neues Leben in der Kunst beginnt. In dem letzten Lebensjahre Wackenroder’s hatte er diese Gedanken mit verdoppeltem Eifer wieder aufgenommen, und mit dem Freunde auf manchem Spaziergange im Thiergarten besprochen. Er wünschte lebhaft, auch dieser möge an der Ausführung Theil nehmen. Zögernd willigte endlich Wackenroder ein, und übernahm die Bearbeitung gewisser Capitel. Auch diese altdeutsche Geschichte sollte dann unter dem Namen des Klosterbruders erscheinen. Doch gleich darauf erkrankte Wackenroder, bevor er noch an die Lösung seiner Aufgabe gehen konnte. Die Gestalten der deutschen Kunstwelt und der Gedanke an die eben entworfene Dichtung erfüllte die Phantasie seiner letzten Tage. Unterdessen hatte Tieck bereits begonnen, und unter den Schmerzen jenes herben Verlustes vollendete er die ersten Bücher. Er konnte sie nur mit der Klage abschließen, daß er ohne den Beistand des Freundes habe ausführen müssen, was in der Idee beiden gehörte.