Er führte in seiner Dichtung den Jünger durch die verschiedenen Stufen der Kunst bis nach Rom. Aus der Werkstatt Albrecht Dürer’s geht der einfache und schlichte Schüler hervor. Er sieht die deutschen und italienischen Kunststätten in Leyden, Strasburg und Florenz; in Rom mit dem Anblick von Michel Angelo’s jüngstem Gericht schließt der erste Theil seiner Lehrjahre. Tieck’s Gedanken über deutsche Art und Kunst, seine Erinnerungen an Nürnberg, seine Gespräche mit dem Freunde, Alles hatte hier eine dichterische Gestalt gewonnen. Der innige und warme Ton des Klosterbruders klang auch durch diese Malergeschichte.
Den Abschluß dieser Thätigkeit machte die Herausgabe von Wackenroder’s Nachlaß, in dem sich Manches fand, was für einen zweiten Theil der „Herzensergießungen“ bestimmt gewesen war. Es waren die Skizzen aus Dürer’s Leben, und Einiges was unter Berglinger’s Namen geschrieben war. In Verbindung mit eigenen Aufsätzen ähnlichen Inhalts gab sie Tieck 1799 als ein Vermächtniß Wackenroder’s heraus unter dem Titel: „Phantasien über die Kunst.“ Das geistige Leben der Freunde hatte in drei verschiedenen Werken einen dauernden Ausdruck gewonnen, welcher für die Poesie wie für die Kunst nicht ohne bedeutende Folgen blieb.
In der Zeit dieses Verlustes gestaltete sich auch das Verhältniß zu Bernhardi anders. An die Stelle der Offenheit, welche früher zwischen ihnen geherrscht hatte, begann eine vorsichtige Zurückhaltung zu treten. Fast hatte es den Anschein, als wenn sich Bernhardi in eben dem Maße von Tieck entfernte, als er sich dessen Schwester Sophie näherte, mit der er sich später verlobte. Auch Tieck hatte sich 1796 mit der Schwägerin Reichardt’s in Giebichenstein verlobt. Es fehlte nicht an kleinen Neckereien und Angriffen, die den Charakter der Gereiztheit annahmen.
Bernhardi warf Tieck, dem Goethe-Enthusiasten, in den wiederkehrenden Kämpfen gegen die alte Schule Lauigkeit vor, oder wol gar, daß er seine Ansicht verleugne. Wie bei Nicolai hatte er sich auch manchem andern Würdenträger der Aufklärung gegenüber schweigend und hörend verhalten; sie waren nicht zu bekehren, und zu seiner Beruhigung eine Tirade über Goethe zu geben, erschien ihm nutzlos und lächerlich. Niemand kannte und würdigte die Meinungen der Gegner besser als er, davon hatte er mannichfache Beweise gegeben; immerhin mochte er ihnen das Vergnügen lassen sich in breiter Ausführlichkeit Luft zu machen. Aber diese ruhige Sicherheit galt für Kälte, Zweideutigkeit und Mangel an Begeisterung. Dies gab Bernhardi sogar zu einigen satirischen Bildern Veranlassung, deren treffliche Ausführung Tieck bereitwillig anerkannte, wenngleich er einsah, man habe ihm damit einen Spiegel vorhalten wollen. Fink, aus dessen Leben sechs Stunden geschildert wurden, war Niemand anders als er. Der enthusiastische Anbeter Goethe’s erschien hier aus kluger, hinterhaltiger Berechnung vor dem mächtigen Gegner des Dichters als zweideutiger Kritiker. Und nichts lag Tieck’s offenem Charakter ferner als diese berechnende Weltklugheit.
Man konnte nicht rückhaltloser und uneigennütziger sein, als er gegen Bernhardi gewesen war. Er hatte ihm früher das kleine Trauerspiel „Der Abschied“ überlassen, für dessen Verfasser jener zu gelten wünschte. Dann hatte Bernhardi das Märchen „Die Versöhnung“ dem „Archiv der Zeit“ als seine Arbeit überschickt, und die Erzählung „Almansor“ nahm er in ein Buch auf, welches er „Nesseln“ nannte, und unter dem Namen Falkenhayn herausgab. Als er den „Abdallah“ im Manuscript gelesen hatte, schrieb er davon angeregt einen Ritterroman „Die Unsichtbaren“, der 1794 in zwei Bänden in Halle erschien. Hier hatte er sich Ernst Winter genannt. Es war eine Nachbildung des „Abdallah“, die um mehrere Monate früher durch den Druck bekannt ward als das Vorbild, freilich ohne einen irgend merklichen Eindruck zu machen. Ja auf den „Abdallah“ selbst erhob er eine Art von Anspruch, indem er Tieck einmal andeutete, daß ohne große Opfer, welche er gebracht habe, und ohne seine Beihülfe dieser Roman wol niemals zum Abschluß gekommen sein würde. Doch bei dieser Behauptung riß Tieck’s Geduld. Es war auf einem Spaziergange; ohne ein Wort erwidern zu können, wandte er Bernhardi den Rücken und schlug einen andern Weg ein. Endlich ließ dieser es sich gefallen, als der Verfasser der „Verkehrten Welt“ aufzutreten.
Durch den „Klosterbruder“ und den „Sternbald“ war Tieck mit dem Buchhändler Unger in nähere Verbindung gekommen. Dieser Mann erfreute sich eines nicht unbedeutenden Rufes unter Künstlern und Gelehrten. Neben seinem buchhändlerischen Geschäfte, mit dem eine Druckerei verbunden war, übte er selbst den Holzschnitt und fand Anerkennung. Seine Frau war liebenswürdig, talentvoll, vielseitig gebildet und als Schriftstellerin aufgetreten. Manches hatte sie aus fremden Literaturen übersetzt, sich aber auch in eigenen Darstellungen versucht. Ihre Pensionsgeschichte „Julchen Grünthal“ wurde gern gelesen, und war von A. W. Schlegel günstig beurtheilt worden. Unger’s Haus war ein sehr geselliges; man traf stets die beste Gesellschaft, und Tieck hatte manche heitere und angenehme Stunde daselbst verlebt.
Unger wünschte, eine von Tieck’s neuesten Dichtungen in Verlag zu nehmen. Dieser beschloß ihm die von Nicolai zurückgewiesene „Verkehrte Welt“ zu übergeben. Unger, ein heiterer Mann, versprach sich das Beste davon, und hatte eine kleine Gesellschaft von Freunden eingeladen, vor denen das Lustspiel gelesen werden sollte. Er selbst kannte es noch nicht. Der Dichter begann zu lesen. Er hatte in voller Laune geschrieben, und glaubte diesmal seines Erfolges sicher zu sein. Doch war es schon eine unangenehme Enttäuschung, als bei den Stellen, wo er ein unauslöschliches Gelächter erwartet hatte, sich kein Mund öffnen wollte. Als er zu Ende gelesen hatte, sah er nur ernste, lange Gesichter. Ein frostiges Schweigen herrschte, Niemand wußte ein Wort zu finden. Endlich kam der verlegene Verleger schüchtern mit der Sprache heraus. Auch er fand diese Dichtung doch zu sonderbar und abweichend vom Gewöhnlichen, um sich zur Uebernahme derselben entschließen zu können.
Verdrießlich über diese zweite Abweisung des Scherzes, warf Tieck das Manuscript bei Seite, und schenkte es nach einiger Zeit Bernhardi. „Mache damit was du willst!“ sagte er. Dieser gab soeben eine Sammlung satirischer Skizzen und Erzählungen heraus, „Die Bambocciaden“, deren erster Theil 1797 anonym bei Maurer erschienen war. 1799 folgte der zweite Theil, der außer einigen Erzählungen von Tieck’s Schwester auch die „Verkehrte Welt“ enthielt. Auf Bernhardi’s Wunsch schrieb Tieck diesmal die Vorrede, unter die jener dann seinen Namen setzte. Er war gutmüthig genug zu versichern, Bernhardi habe den Plan zu diesem Lustspiel mit ihm gemeinsam entworfen, und dasselbe zum Theil auch ausgearbeitet. Mit der Freigebigkeit des Reichen, die er schon in früher Jugend gezeigt hatte, gab er seine Schätze hin, und überließ es gern Andern, sich ihrer zu rühmen. Nicht im stolzen Besitze, sondern in dem ununterbrochenen lebendigen Schaffen fand er seine Befriedigung.