Um diese Zeit entwarf er einen kecken Plan zu einem satirischen Feldzuge gegen die aberwitzigen Ritterromane, an dem auch seine Schwester und Bernhardi Theil nehmen wollten. Das Publicum sollte auf die Probe gestellt werden. Bei Maurer war ein grausiges Machwerk dieser Art unter dem abgeschmackten Titel erschienen: „Er nahm die Silberlocke des Enthaupteten und zerstörte das Femgericht.“ Als Verfasser wurde Zschokke genannt. Diese Albernheiten sollten nicht nur fortgesetzt, sondern womöglich überboten werden. Ohne einen gemeinsamen Plan gemacht zu haben, begann jeder der drei Mitarbeiter für sich zu schreiben; später wollte man die Theile aneinandersetzen und irgendeinen Zusammenhang hineinbringen. Tieck suchte den Tyrannen zu übertyrannen, und durch eine Reihe von Uebertreibungen die vermeintliche Heldengröße jener prahlerischen Klopffechter in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeigen. Der Held sitzt eingekerkert in einem Thurme. Sein Freund klettert an demselben hinauf, und da er sonst kein anderes Werkzeug bei sich führt, zerbeißt er tapfer mit seinen gewaltigen Zähnen das eiserne Gitterwerk vor dem Fenster, und entführt den gefangenen Helden. Schon hatte sich der Verleger bereit erklärt, die Fortsetzung des beliebten Romans zu übernehmen, als ihm noch zeitig genug der Muthwille, welcher dahinter steckte, durch Bernhardi verrathen wurde, und nun unterblieb die ganze Sache.

Endlich hatte Friedrich Tieck 1797 Berlin verlassen. Er hatte seine erste Kunstreise angetreten, und Wilhelm von Humboldt und Burgsdorff nach Dresden begleitet, dann nach Wien. Die ursprüngliche Absicht, nach Italien zu gehen, war bei den damaligen Verhältnissen nicht durchzuführen; man war daher nach Paris gegangen, wo er seine künstlerischen Studien fortsetzte.

Doch gewann Tieck zwei neue Freunde, welche mit ihm für das Leben verbunden bleiben sollten, A. W. Schlegel und Steffens, deren Hinzutritt mit andern bedeutenden Momenten seines Lebens zusammenfällt.

Obwol er mit dem jüngern Schlegel seit einigen Jahren befreundet war, so hatte doch seine persönliche Verbindung mit dem ältern Bruder einen literarischen Ursprung. A. W. Schlegel hatte einen kritisch-genialen Blick für Alles, was der Kunst und Poesie angehörte, und ein nicht minder großes Talent für die vollendete Form. Witzig und schlagfertig, war er ein scharfer Gegner aller pedantischen Geschmacklosigkeit und Beschränktheit. Ein seltenes gelehrtes Wissen in den alten und neuen Sprachen, und ein klarer Ueberblick ihrer Literatur stand ihm zu Gebote. Er war ein Verkündiger Goethe’s, und seine Kritiken in der „Jenaischen Literaturzeitung“ hatten nicht wenig dazu beigetragen, deren wissenschaftliche Bedeutung zu heben; die ersten Bände seiner Uebersetzung Shakspeare’s waren bereits 1797 in Unger’s Verlag erschienen.

Er war auf Tieck’s Dichtungen aufmerksam geworden. Die Bearbeitung des „Sturms“ hatte er in der „Jenaischen Literaturzeitung“ von 1797 beurtheilt, und wenngleich er an der jugendlichen Arbeit Manches auszusetzen fand, so schien sie doch zu bedeutenden Hoffnungen zu berechtigen. Liebe und Kenntniß seines Dichters konnte er dem Verfasser nicht absprechen. Gleich darauf hatte er in der Anzeige der Einzelausgabe des „Blaubart“ und des „Gestiefelten Katers“ den Dichter als einen solchen, als einen wirklich dichtenden, willkommen geheißen, und in den ernsten wie in den humoristischen Zügen bereits eine Meisterhand erkannt. Dies führte zu einem Briefwechsel. Tieck übersandte dem Kritiker die „Volksmärchen“, und noch vor Ablauf des Jahres sprach Schlegel den Wunsch aus, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Zugleich fügte er eine kurze Kritik der „Volksmärchen“ selbst hinzu. In dem „Blonden Ekbert“ fand er Goethe’s reizenden Ueberfluß wieder bei gleicher Klarheit und Mäßigung, ebenso in einigen Liedern der „Magelone“. Es schien ihm das nicht minder eine Folge ursprünglicher Verwandtschaft der Geister als tiefen Studiums. Dieselbe Ansicht sprach er auch im „Athenäum“ aus.

Anfang Sommers 1798 kam A. W. Schlegel auf einige Wochen nach Berlin. Man verständigte sich nach allen Richtungen. Shakspeare, das gemeinsame Studium der ältern englischen und spanischen Literatur, ward eine Quelle des fruchtbarsten Gedankenaustausches. Schlegel trat ganz den Freunden bei, welche sich um Tieck gesammelt hatten. Die hier herrschenden Ideen gewannen in ihm einen gefürchteten Vertreter in der kritischen Welt.

Er wohnte bei seinem Verleger Unger, der in einem nahegelegenen Theile des Thiergartens, im sogenannten Schulgarten, ein Haus bezogen hatte, wo man unter schattigen Bäumen den Staub und das Geräusch der großen Stadt vergaß. Hier hatte auch Tieck seine Wohnung. Täglich sah man sich, im geistigen Verkehr wuchsen Kühnheit und Zuversicht.

Indeß gesellten sich diesem Kreise auch andere Elemente bei, die zu demselben nicht zu passen schienen. Schlegel stand in näherer Beziehung zu Iffland. Er wünschte die Aufführung des „Hamlet“ nach seiner Uebersetzung, und konnte Iffland seine Bewunderung als Schauspieler nicht versagen. Auch Tieck suchte er für den gefeierten Künstler zu gewinnen; doch dieser vermochte jenen weder als dramatischen Schriftsteller anzuerkennen, noch konnte er in die Bewunderung seines Spiels einstimmen; hatte er doch den Commentator desselben diese Bewunderung übel entgelten lassen. Es war ihm unbegreiflich, wie man Iffland’s großes, aber doch immer kleinlich berechnendes Talent der kühnen Genialität Fleck’s vorziehen konnte. So meisterhaft er auch in mittlern, gemäßigten oder komischen Rollen sein konnte, so war sein Spiel doch ein aus vielen kleinen Strichen mühsam zusammengesetztes Bild, das überall Absicht verrieth. Unter diesen künstlichen Einzelheiten ging die Natur verloren. Obgleich Iffland sich freundlich und entgegenkommend zeigte, und auch seine Anerkennung des „Sternbald“ glaubte aussprechen zu müssen, so konnte Tieck doch kein Zutrauen zu ihm fassen. Er meinte auch hier Berechnung und Manier zu erkennen, und wiederholte seine Ansicht, ihn nicht in ihren Kreis hineinzuziehen, zu dem er nicht passe; er sei eine doppelseitige Natur, der es an innerer Wahrheit fehle.

Da indeß auch Reichardt von Halle aus in dauernder Verbindung mit Iffland geblieben und ihm nicht minder günstig gesonnen war, so kam es zu einem gemeinsamen Plane, in welchen sich auch Tieck hineinziehen ließ. Reichardt wünschte eine neue Oper auf das berliner Theater zu bringen, und nicht minder angelegentlich, Tieck möge den Text dichten. Zuerst hatte er Shakspeare’s „Was ihr wollt“ vorgeschlagen, ihm dann aber freie Hand gelassen. Die Märchenwelt, welche Tieck wieder aufgeschlossen hatte, seine phantastisch-lyrische Richtung, manche seiner ältern Lieder, die in ihrer rhythmischen Freiheit der Musik entgegenzukommen schienen, alles mußte für einen solchen Versuch sprechen. Er selbst war schon früher auf den Gedanken gekommen, in einem Schauspiele die Recitation mit der Musik zu verbinden.

Er nahm einen Plan aus frühester Zeit wieder auf, welchen er in ähnlicher Weise in dem Lustspiel „Das Reh“ zu bearbeiten versucht hatte. Shakspeare’s „Sturm“, Gozzi war dabei nicht ohne Einfluß gewesen. Jetzt gestaltete sich daraus das musikalische Märchen, „Das Ungeheuer und der bezauberte Wald“, in welchem sich wiederum die Alltagswelt und das Wunder, Prosa und Poesie in dem Dialoge und im musikalischen Theile entgegentraten. Componist und Schauspieler waren damit einverstanden, schon wurden Verabredungen im Einzelnen getroffen. Iffland und Fleck sollten die beiden Hauptvertreter der prosaischen Welt, den König und seinen Minister spielen. Alles schien im besten Gange zu sein, als plötzlich von der eifrig gewünschten Oper nicht mehr die Rede war. Man hatte Anstände gefunden, welche man nicht aussprechen wollte oder konnte. Nach längerer Zeit gab man Tieck das Manuscript stillschweigend zurück, und Reichardt componirte statt dessen ein gewöhnliches Zauberstück von Kotzebue.