Nicht besser ging es später einmal mit dem Trauerspiel „Karl von Berneck“, welches ein beliebter Schauspieler zu seinem Benefiz ausersehen hatte, um es dann ebenfalls ohne Angabe eines Grundes fallen zu lassen. Nicht minder scheiterten andere Pläne, an denen auch Schlegel Antheil genommen hatte, wie man auf die Bühne einwirken könne. Namentlich hatte man an die Einrichtung antiker Dramen, z. B. des „Oedipus“, für die Darstellung gedacht.

Ein Jahr später, 1799, kam Steffens nach Berlin. Schon in Jena hatte er Tieck’s Namen gehört, und war mit seinen Dichtungen bekannt geworden. Jetzt wünschte er ihn persönlich kennen zu lernen. Eines Morgens suchte er ihn in seiner Wohnung auf, den Abend desselben Tages trafen sie wiederum in einer Gesellschaft zusammen, welche Reichardt, der sich vorübergehend in Berlin aufhielt, veranstaltet hatte. Obgleich diese erste Berührung zwischen Tieck und Steffens kaum mehr als ein äußerliches Begegnen war, so theilten sie doch genug miteinander, um daraus ein dauerndes Verhältniß zu gewinnen. Denn auch Steffens, der begeisterte Anhänger der neuen Naturphilosophie, suchte nur auf einem andern Wege das Einfache, das Ursprüngliche, die Natur.

Endlich noch in anderer Hinsicht war für Tieck das Jahr 1798 ein bedeutendes geworden. Eine lang gehegte Hoffnung ging in Erfüllung. Er heirathete Amalie Alberti, und trat somit in den Kreis der Verwandtschaft Reichardt’s ein. In welchem erregten, ja visionären Zustande er in dieser Zeit war, bewies ein sonderbares Ereigniß, welches er erlebte. Voll Sehnsucht, seine Braut wiederzusehen, ging er ihr auf der Poststraße nach Hamburg, von wo sie kommen sollte, entgegen. In einer einsamen Waldschenke hinter Tegel, einige Meilen von Berlin, beschloß er sie zu erwarten. Früher, als sie in ihre Vaterstadt zurückkehrte, hatte er ihr bis zu derselben Stelle das Geleit gegeben. Er kannte das Haus, seine Umgebungen, den Weg dahin genau. Ungeduldig, in der Ahnung nahen Glückes, singend und Verse hersagend, wie die Ueberschwänglichkeit des Augenblicks sie ihm eingab, eilte er vorwärts. Da erblickte er früher, als er erwartet hatte, die Schenke an dem Graben auf der rechten Seite des Weges. Er stutzte; das Haus lag hinter Tegel, und seiner Meinung nach hatte er diesen Ort noch nicht erreicht; irrte er nicht, so lag es links, nicht rechts am Wege, und doch sah er es deutlich vor sich! Er sah den Zaun, der es umgab, den wohlbekannten dicken Wirth in der Thür, die Hühner auf dem Hofe. Es konnte kein Irrthum sein; nur suchte er vergeblich einen Weg über den Graben, der ihn von dem Hause trennte. Er entschließt sich zum Sprunge; aber er springt zu kurz und fällt. Er blickt auf, sieht sich im Graben liegen, und weit umher nichts als Feld; das Haus sammt Wirth und Hühnern war verschwunden. Es war eine Vision gewesen; seine Sehnsucht hatte die Wirklichkeit vorweggenommen. Bis zur Waldschenke selbst mußte er noch eine bedeutende Strecke Weges zurücklegen.

8. Romantische Dichtungen.

Nach manchen Unterbrechungen war endlich auch der „Zerbino“ zum Abschluß gekommen; bei Frommann in Jena sollte er erscheinen. Die erste Idee, der Entwurf und ein Theil der Ausführung gehörten einer frühern Zeit an. Diese Dichtung war vor dem „Gestiefelten Kater“ entstanden und dann neben der „Verkehrten Welt“ hergegangen; später als beide wurde sie jetzt beendet. Schon 1796 hatte er die drei ersten Acte niedergeschrieben, 1797 die beiden folgenden, im nächsten Jahre endlich den Schluß hinzugefügt.

Nach Form und Inhalt reihte sie sich den beiden andern satirischen Spielen an. Noch schärfer, noch kühner drückte sie dieselben Gedanken aus. Sie verbreitete sich über einen größern Raum, und war fast noch phantastischer. Ursprünglich für die „Volksmärchen“ bestimmt, bezeichnete er sie als eine Art von Fortsetzung des „Gestiefelten Katers“. Die aufgeklärte Welt der Prosa erscheint in dem Staate König Gottlieb’s, welcher dem patriotischen Eifer des Katers den Thron verdankt, vollständig organisirt. Auf allen Gebieten der Thätigkeit ist hier die schildaische Ueberweisheit zu Hause, die Thorheit der Klugheit mit allen ihren Abgeschmacktheiten. Der Dichter hatte den Kreis vollständig beschrieben, aus welchem die früheren Lustspiele nur Einzelnes herausnehmen. Der Hof und der Staat mit seinem Mechanismus, das Theater und die Schule, die Gelehrten und die Schriftsteller, die Philosophie und die Poesie waren als Träger einer eiteln, selbstgenügsamen und beschränkten Aufklärung hingestellt. Wiederum der Hanswurst und der alte König, bei dem im kindischen Greisenalter statt der patentirten Bildung und Verständigkeit die Poesie sich eingefunden hat, sind die Vertreter einer tiefern Ansicht, und gelten darum allen Aufgeklärten und den nützlichen Bürgern für unheilbare Narren. Sie sind mit einem gefährlichen Wesen behaftet, welches als epidemische Krankheit um sich zu greifen droht. Diesem Staate der klappernden Betriebsamkeit, der fabrikartigen Thätigkeit, in welchem die Bildung producirt, und als Artikel des Handels vertrieben wird, tritt die stille idyllische Welt der Poesie gegenüber mit ihren natürlichen, ursprünglichen Klängen der Liebe und Unschuld, des Schmerzes und der Leidenschaft. Zu jenem Bilde des aufgeklärten Lebens hatten sich einzelne Züge, Farben und Gestalten in Fülle herzugedrängt. Manches hatte Tieck gesehen und gehört, was bezeichnender war, als die Erfindung es hätte geben können. So kam eine grelle Localfarbe hinein, obgleich bittere persönliche Satire dem Charakter des Dichters fern lag, und er nur das Vorrecht des phantastischen Scherzes für die Poesie in Anspruch nahm.

Mit diesem Lustspiele hatte jener jugendliche, stürmende Humor sich gesättigt. Noch einmal ergoß er sich in seinen muthwilligsten, sonderbarsten Einfällen. In die reizende Wildniß dichterischer Begeisterung, in den Garten der Poesie führte er die irrenden Ritter des guten Geschmacks, um sie dann neckend und höhnend auf öde Steppen und Sandflächen hinauszutreiben, wo der Wind den klugen Hellsehern die wirbelnden Staubwolken in die Augen jagt und sie mit Sandregen überschüttet.

Aber dieser jugendlich kühnen Behandlung des Lebens, der heitern Anschauung und der phantastischen Lust, welche den Dichter aus den trübsten Stimmungen gerettet hatte, stand eine bedeutende Wendung bevor.

In den Stunden der Versuchung hatte Tieck Trost in seinem Talente, in dem Glauben an die Poesie gefunden, in der innern Selbstgewißheit, ohne welche sie nicht denkbar ist. Gerade da erkannte er sie, wo die gebildeten Tonangeber sie nicht sehen wollten. Dieser Gegensatz hatte seinen Humor herausgefordert, und verwegen im Besitze eines Schatzes, von dessen Werthe jene keine Ahnung hatten, verspottete er die leere und schale Weisheit der Welt. Er glaubte an die sittliche Macht, die siegreiche Gewalt der reinen Begeisterung, welche aus der Volkspoesie, aus den Werken der großen Dichter, aus den Schöpfungen der alten Meister laut und vernehmlich sprach. Er deutete auf die ewigen Grundgesetze des Lebens, der Natur hin. Schon war in seinen wie in Wackenroder’s Dichtungen die Kunst zur Religion geworden. Was die Poesie für die Kunst forderte, mußte sie in höherm Maße für sich selbst in Anspruch nehmen; sie konnte nicht zu allen Zeiten nur verneinend oder angreifend auftreten. Mit der Ueberzeugung dieses dichterischen Glaubens wuchs das Bedürfniß zu glauben.

In der geltenden Fassung des Christenthums erzogen, hatte sich Tieck, wie viele, gegen das Religiöse, gegen die hergebrachten kirchlichen Formen gleichgültig verhalten. Das Bedürfniß des Trostes hatte ihn wol nach dieser Seite hingeführt. Aber die Stillung des Schmerzes, welche er suchte, hatte er nicht gewinnen können. Nur in der Poesie hatte er göttliche Ahnungen gefunden, welche ihm weder die Schule, noch die theologischen Systeme zu geben vermochten. Um so entschiedener wandte er sich nun von den ungenügenden Formen und Formeln ab, welche sein Herz leer ließen und sein Gefühl nicht befriedigten. Sein Dichten war ein unaufhörliches Suchen nach jenen tiefen Gedanken und ihrem entsprechenden Ausdrucke gewesen, welchen die herrschenden Systeme nicht kannten, oder für etwas Alltägliches erklären wollten.