Als darauf die beiden Gegner zusammenkamen, zeigte sich Voß zuerst kalt und zurückhaltend. Tieck konnte sich nicht verhehlen, dieser hagere, trockene und steife Mann, der in dem scharf absprechenden Tone des Gelehrten redete, mache keinen günstigen Eindruck. Dennoch ließ er sich nicht abschrecken. Höflich und zuvorkommend, nicht ohne Ironie näherte er sich ihm. Endlich überwand er sein sprödes Wesen. Bald war von Goethe die Rede. Voß konnte nicht unterlassen, die Hexameter in „Hermann und Dorothea“ zu tadeln. Tieck hörte diese Bemerkungen ruhig an, dann entgegnete er trocken, es finde sich auch ein siebenfüßiger darunter. „Was?“ fuhr Voß auf, „das wäre! Da lassen Sie uns gleich nachsehen.“ Das war der Augenblick, welchen Tieck erwartet hatte. Sie waren im Garten; indem er dem Hause zuging, um das Buch zu holen, folgte ihm Voß mit hastigen, ungeduldigen Schritten. Der Beweis für die Behauptung ward in der That geführt, und Voß’ gute Laune war völlig hergestellt. „Sie sind ein vortrefflicher junger Mann!“ rief er aus. „Wie danke ich Ihnen das!“ In freundlichem Verkehr verlebten sie darauf die folgenden Tage ihres gemeinsamen Aufenthalts in Giebichenstein.

9. Jena und Weimar.

Seit einem Menschenalter war Weimar der Mittelpunkt des geistigen Lebens in Deutschland. Eine neue Zeit war von hier ausgegangen, seit Goethe es zu seinem Wohnsitze gewählt hatte. Wieland hatte er dort gefunden, Herder nach sich gezogen, und Schiller war im Begriffe, sich ebendahin zu übersiedeln. Selten waren bedeutendere Kräfte auf einem engern Raume vereint gewesen; dem großen Talente schien sich in der That das größere nachzudrängen. Welch ein reiches Leben war nicht in diesem Zusammenwirken! Reich an tiefen Gedanken, an dichterischen Schöpfungen, an umgestaltenden volksthümlichen Einwirkungen! Das kleine Weimar war zu einem classischen Boden geworden; von hier empfing die deutsche Poesie ihre Gesetze.

Neben Weimar stand Jena. Die alte Universität hatte neue Jugendfrische gewonnen. Hatte Weimar die Poesie für sich, so gehörte Jena die Wissenschaft. Hier glänzten kaum weniger große Namen. Hier hatte die Kantische Philosophie ihren Sitz aufgeschlagen, dann war Fichte gefolgt, zuletzt hatte Schelling die neue Philosophie der Natur verkündigt. Neben ihnen stand manche andere bedeutende Autorität. Griesbach der Theolog, Eichstädt der Philolog, Woltmann der Historiker, A. W. Schlegel der Kritiker und Aesthetiker. Und welche Kraft konnte eine größere Anziehung ausüben als der Geist? Kaum gab es ein hervorragendes Talent, welches von dieser Welt nicht wäre angezogen worden, und wenigstens für eine kurze Zeit in ihr geweilt hätte, so Jean Paul, Friedrich Schlegel, Novalis.

Jetzt gesellte sich zu den großen deutschen Dichtern der jüngste in dieser Reihe, Tieck. Man könnte sagen, es lag eine Nothwendigkeit darin, wenn die Naturpoesie der Naturphilosophie begegnete. Was jene dichterisch gestaltend darstellte, wollte diese wissend erkennen, das geheimnißvolle Leben, die innere Kraft der Natur, ihren Geist.

Schon vor seiner Begegnung mit Voß hatte Tieck von Halle aus eine Fahrt nach Jena unternommen. Es war ein erster Blick in diese Welt; hier dachte er in dem kommenden Winter zu leben. Bereits erwartete ihn A. W. Schlegel, und führte ihm einen neuen Freund zu, welcher auf diesen Augenblick lange gehofft hatte. Ein Jahr früher schrieb F. Schlegel an Tieck, zwei neue Freunde seien ihm durch seine „Volksmärchen“ gewonnen, Novalis und Schelling. Jetzt traten ihm beide entgegen.

Die Begegnung zwischen Tieck und Novalis war für beide entscheidend. Zwei Geister trafen zusammen, die nur aufeinander gewartet zu haben schienen. In der Zeit, wo er Jakob Böhme ergriffen hatte, fand Tieck auch Novalis. Dieser sagte später einmal, mit Tieck’s Bekanntschaft beginne ein neues Blatt in seinem Leben. Neigung, Studium, schmerzliche Erfahrungen hatten ihn von einer andern Seite her denselben Weg geführt. Auf die Erforschung der Natur leitete ihn äußerer Beruf, auf die Naturphilosophie innerer Trieb. Auch war er in Schlegel’s „Athenäum“ als Schriftsteller aufgetreten; er hatte seine Ebenbürtigkeit erwiesen, und die Ausführung des „Ofterdingen“, in dem er eine Verherrlichung der Poesie geben wollte, begonnen. Eifrig hatte er den „Wilhelm Meister“ studirt, und Vieles daraus seinem Gedächtnisse vollständig eingeprägt; er bewunderte ihn zuerst ebenso sehr, als er sich später davon abwandte. Dann hatte er mit nicht geringerem Eifer den „Sternbald“ gelesen. Nach dem Tode seiner Braut versenkte er sich in eine stille befriedigte Mystik, welche ihn aufrecht hielt, und zu dem religiösen Glauben zurückführte, in dem er erzogen worden war. Er war um ein Jahr älter als Tieck.

Novalis war ein Ersatz für Wackenroder, an den er in mancher Beziehung erinnern konnte. Beide waren fein organisirte Naturen, beide tief und eigenthümlich; glaubensvolles Hingeben war ihnen Bedürfniß. Doch war der spätere Freund dem früheren in vielen Punkten überlegen. Mit der mystischen Richtung vereinte Novalis verstandesmäßige Schärfe und Klarheit, er war philosophisch geschult, er besaß Blick und Urtheil für die Welt, mit Gewandtheit bewegte er sich in ihren Verhältnissen. An seiner Stelle mußte er Jedes anerkennen, ohne dem Höchsten etwas zu vergeben. Er war freier, sicherer, durchgebildeter als Wackenroder.

Es war ein schöner Abend, als die Freunde während des Besuchs, den Tieck im Sommer 1799 in Jena machte, zum ersten Male vereint waren. Novalis war aus Weißenfels gekommen. A. W. Schlegel hatte den Vermittler gemacht. In bewegten Gesprächen hatten sie die Herzen gegeneinander aufgeschlossen, geprüft und erkannt; die Schranken des alltäglichen Lebens fielen, und beim Klange der Gläser tranken sie Brüderschaft. Mitternacht war herangekommen; die Freunde traten hinaus in die Sommernacht. Wieder ruhte der Vollmond, des Dichters alter Freund seit den Tagen der Kindheit, magisch und glanzvoll auf den Höhen um Jena. Sie erstiegen den Hausberg, und eilten weiter über die Hügel. Endlich begleiteten sie Novalis nach Hause; der Morgen war nicht mehr fern. Als man Abschied nahm, sagte Tieck: „Jetzt werde ich den ‚Getreuen Eckart‘ vollenden.“ „Wenn du das kannst nach diesem Abende, nach diesem Spaziergange“, erwiderte Schlegel, „dann will ich dich hoch in Ehren halten!“ Tieck löste sein Wort. In den Morgenstunden vollendete er die Erzählung, und noch an demselben Tage theilte er sie den Freunden mit.

Sogleich wurde die Verabredung getroffen, Tieck solle nach seiner Rückkehr, von Halle aus den neuen Freund in Weißenfels besuchen. Er verlebte hier einige Tage. Der Eintritt in diese Familie machte einen tiefen Eindruck. Ein ernstes, stilles Leben, eine prunklose, aber wahre Frömmigkeit herrschte hier. Die Familie war der Lehre der Herrnhuter zugethan, und lebte und wirkte in diesem Sinne. Der alte Hardenberg, früher ein rüstiger Soldat, eine hohe, ehrwürdige Natur, stand wie ein Patriarch in der Mitte talentvoller Söhne und lieblicher Töchter, denen sich Julie von Charpentier, Novalis zweite Braut, zugesellte. Der neue Freund wurde von dem Vater herzlich willkommen geheißen, und bald fanden sie mehr als einen Einigungspunkt. Neuerung und Aufklärung waren ihm in jeder Form verhaßt; die alte verkannte Zeit liebte und lobte er, und wenn die Gelegenheit es bot, konnte er derb und rückhaltlos seine Ansichten aussprechen, oder in plötzlichem Jähzorn auflodern. Die komischen Gegensätze, welche dabei bisweilen zum Vorschein kamen, thaten seiner ursprünglichen Würde keinen Eintrag.