Einst hörte Tieck den alten Herrn im Nebenzimmer in nicht eben glimpflicher Weise schelten und zürnen. „Was ist vorgefallen?“ fragte er besorgt einen eintretenden Bedienten. „Nichts“, erwiderte dieser trocken. „Der Herr hält Religionsstunde.“ Der alte Hardenberg pflegte Andachtsübungen zu leiten, und auch die jüngern Kinder in Dingen des Glaubens zu prüfen, wobei es mitunter stürmisch herging.

Im October übersiedelte sich Tieck mit seiner Frau und der eben geborenen Tochter Dorothea nach Jena. Er wohnte in dem Hause A. W. Schlegel’s, welches für ihn und andere Freunde der Mittelpunkt des gemeinsamen Lebens ward. Er lernte Schlegel’s Frau, Karoline, und deren Stieftochter, Auguste Böhmer, kennen. Diese war siebzehn Jahre alt; unleugbar eine der anziehendsten Erscheinungen in diesem Kreise. Sie war rasch, lebhaft, geistvoll, durchaus originell. Man konnte sie nicht schön nennen, denn sie hatte einen etwas schielenden Blick; doch weit entfernt, störend oder abstoßend zu wirken, gab es ihren tiefen Augen einen eigenthümlichen Ausdruck. Es lag darin eine Gewalt, der man sich kaum zu entziehen vermochte. Als Tieck in das Zimmer trat, rief sie ihm entgegen: „Sie kommen durch die Thür? Ich meinte, Sie müßten, wie Ihr Kater, über die Dächer einherspazieren.“

Andere Freunde traten diesem Kreise bei, Friedrich Schlegel und Dorothea Veit, dann Fichte, Schelling. Oft kam auch Novalis aus Weißenfels. Brentano, der in Jena studirte, Gries, die Künstler Bury und Genelli, und noch mancher Andere gesellte sich vorübergehend zu ihnen. In heiterer Weise vereinte man sich in dem Hause des ältern Schlegel zum gemeinsamen Mittagstisch; Tieck wenigstens und die Seinen regelmäßig. Hier fanden sich jene geistig angeregten Gesellschaften in Wirklichkeit, welche er in den spätern Novellen so meisterhaft zu schildern verstand. Daß sie so reich waren, konnte zum großen Theil für sein Werk gelten. Abends kam man wieder zusammen, war es bei Schlegel, oder bei Frommann dem Buchhändler, der an Allem den lebhaftesten Antheil nahm. Tieck las etwas Dramatisches, jeder theilte mit, was er eben vollendet hatte, oder worüber er den Rath, das Urtheil der Freunde zu vernehmen wünschte. Poesien, Studien und Entwürfe, Meinungen und Ansichten kamen zur Besprechung. Hier las Tieck sein damals niedergeschriebenes Gedicht „Die Zeichen im Walde“. Er hatte es zuerst in verschlungenen Reimen, dann in durchgehender Assonanz bearbeitet, die als Probe gewandten Versbaus aufgegeben war. Treffend bemerkte einmal Schlegel, wem die größern Dichtungen Tieck’s zu lang seien, dem müsse man die Verse von der Waldeinsamkeit im „Blonden Ekbert“ zu lesen geben; diese seien die Quintessenz seiner Poesie und der wahre Inhalt seines Wesens.

Schlegel selbst las sein Gedicht auf die Schauspielerin Bethmann. Ein anderes Mal hielt Novalis einen Vortrag, der einen eifrigen Streit hervorrief, weil man fand, daß er sich darin zum Katholicismus bekannt habe. Brentano trug seine „Naturgeschichte des Philisters“ vor, als auch Fichte zugegen war. Nach beendigter Vorlesung erhob sich dieser mit den Worten: „Nun werde ich euch aus dieser Geschichte beweisen, daß eben der Brentano hier der erste und ärgste unter allen Philistern ist!“ Worauf dann eine schlagende Kritik folgte. Der Erinnerung an dieses Leben widmete Brentano einige bewegte Zeilen am Schlusse seines verwilderten Romans „Godwi“, den er unter diesen Einwirkungen schrieb.

Vornehmlich war es die spanische Poesie, mit deren Studium sich Tieck und A. W. Schlegel eifrig beschäftigten. Sie gedachten für deren Einführung in die deutsche Literatur miteinander zu wirken. Während Tieck den „Don Quixote“ übersetzte, erwuchs daraus der Plan, mit Schlegel gemeinschaftlich den Cervantes vollständig zu übertragen. Soeben hatte er auch den Band des Calderon erhalten, in welchem „Die Andacht zum Kreuze“ stand, eine Tragödie, die ihm mehr als irgendeine zusagte. Er erzählte von dem Eindrucke, welchen sie auf ihn gemacht habe, und forderte Schlegel auf, sie ebenfalls zu lesen. Dies geschah; am andern Tage tauschte man die Meinungen aus. Schlegel konnte diese Bewunderung nicht theilen. Manches fand er nicht hinreichend motivirt, die langen Reden unnatürlich, es war ihm zu katholisch; erst durch Abkürzungen und Umarbeitungen könne dergleichen für den deutschen Geschmack genießbar gemacht werden. Dagegen nahm Tieck das Gedicht in Schutz. Vor allem müsse man sich die Fähigkeit aneignen, an die Legende zu glauben; darum sei es noch nicht nöthig, die Legende selbst zu glauben, aber es sei die Bedingung, unter der allein ein Verständniß solcher Dichtungen möglich sei. Diese Anregung war für Schlegel bedeutend genug, ihn zur Uebersetzung des Calderon zu veranlassen. Später ging er so vollständig auf den eigenthümlichen Geist des Dichters ein, daß er Tieck’s Ansichten zu den seinen machte, während dieser sie gegen eine kühlere Betrachtung des spanischen Dramas aufgab. Einige Jahre darauf war der Bewunderer zum Tadler geworden, und der strenge Kritiker zum Lobredner. „Schreibe erst solche Dramen“, bemerkte Schlegel gegen Tieck, „dann will ich deinen Tadel gelten lassen.“

So arbeiteten in dichterischem Wetteifer die Freunde mit- und nebeneinander. Damals entstand ein großer Theil jener Sonette, in denen Schlegel ältere Dichter und Meister der Kunst feierte. In eigenthümlicher Laune wünschte er seinen Gedichten auch eines von Tieck hinzuzufügen, und dieser schrieb darauf das Sonett auf die „Galathea“ des Cervantes, welches Schlegel mit den seinen herausgegeben hat. Auch Tieck’s „Arion“ war kurz vorher entstanden. Mit gewohnter Schärfe hatte sich Herder über Schlegel’s „Arion“ geäußert. Es schien ihm eine undankbare Arbeit, einen so oft behandelten Stoff nochmals zu bearbeiten, er bezweifelte die Möglichkeit, ihm eine neue Seite abzugewinnen. Durch diese Behauptungen wurde Tieck gereizt, sich ebenfalls an der Dichtersage zu versuchen. Schlegel’s Gedicht war ihm ohnehin zu glatt, zu elegant. Er suchte seinem „Arion“ eine mehr dramatische Farbe zu geben.

Auch als begeisterter Verkündiger Jakob Böhme’s trat er auf. Vollen Anklang fand er bei Novalis, welcher den deutschen Philosophen zuerst durch ihn kennen lernte und mit gleicher Begeisterung erfaßte. In ihm sah er den wahren Mikrokosmus, den gewaltigen Frühling mit allen seinen quellenden, bildenden Kräften, der eine neue Welt aus sich zu gebären ringt; Ansichten, die er bald darauf in einem an Tieck gerichteten Gedichte aussprach.

Andere verhielten sich zweifelhafter oder abweisend; Niemand aber war weniger geeignet, sich mit Böhme zu befreunden, als Fichte. Diesen hatte Tieck schon in Berlin zu Anfang des Jahres 1799 kennen gelernt. Dorthin hatte sich Fichte begeben, als die Anklage auf Atheismus gegen ihn erhoben wurde, und war mit Friedrich Schlegel und Bernhardi in nähern Verkehr getreten. Als bald darauf Tieck Berlin verließ mit der Absicht, über Halle nach Jena zu gehen, gab ihm Fichte einen Brief mit an seine zurückgebliebene Frau. Er selbst war noch einmal nach Jena gekommen, um seine Verhältnisse aufzulösen, und verweilte dort in den Wintermonaten von 1799 auf 1800.

Kaum konnten zwei Naturen entgegengesetzter sein als die Fichte’s und Tieck’s. Es war der Gegensatz der verstandesmäßigen Consequenz und der Phantasie, der Philosophie und der Poesie. Fichte’s scharf ausgeprägtes Wesen, die Strenge, die Rücksichtlosigkeit, mit der er zu urtheilen pflegte, wollte Tieck nicht überall zusagen. Wenn auch Manches solchen Aeußerungen zu widersprechen schien, namentlich Fichte’s Kindererziehung, so konnte er dennoch diesem festen, männlichen Charakter seine Achtung nicht versagen. Er nannte ihn später öfter den eisernen Fichte.

Die Gespräche über Jakob Böhme wollten zu keinem Frieden führen. Tieck blieb dabei stehen, daß er ein Prophet, Fichte, daß er ein verworrener Träumer sei. Als jener wiederum auszuführen suchte, wie in Böhme philosophisches Denken mit dichterischer Anschauung sich unmittelbar verbinde, fiel Fichte mit den Worten ein: „Lieber Freund, Sie sind ein Dichter, und wenn Sie mir die Versicherung geben, Jakob Böhme sei ein großer Dichter, so will ich Ihnen das aufs Wort glauben; dagegen aber müssen Sie mir auch glauben, wenn ich Ihnen sage, er ist kein Philosoph, sondern ein großer Narr!“ „Dann machen Sie mir erst deutlich“, erwiderte Tieck, „wie man ein großer Narr, und zugleich ein großer Dichter sein kann!“ Fichte meinte, das würde zu vieler Demonstrationen bedürfen, und brach das Gespräch ab.