Nicht immer war es möglich in schöpferischer Thätigkeit im dichterischen Genusse, im Austausche der Gedanken ohne Widerspruch zu leben. Es mußten Augenblicke der Abspannung eintreten; der Duft der Poesie konnte die Gegensätze menschlicher Schwäche wol verschleiern, aber nicht aufheben.
Auch dieser Welt des Geistes fehlte es weder in Jena noch in Weimar an Gegnern. Es war die Mittelmäßigkeit, welche sich schon durch das Dasein derselben unangenehm berührt, in ihrer Behaglichkeit gestört fand, und darin einen Vorwurf für sich selbst sah. Der Anerkennung setzte sich der Neid und die Misgunst entgegen; sie scheute sich nicht zu Klätscherei und Ränken ihre Zuflucht zu nehmen. Feinde dieser Art konnte man verachten, oder mit den Waffen des Geistes und Witzes bekämpfen, oder stillschweigend dulden. Der Führer jener platten und niedrigen Opposition war Kotzebue, der Bühnenherrscher, für den neben Goethe und Schiller auf dem classischen Boden Weimars noch Raum war. Mit ihm verbündet war der Publicist Garlieb Merkel. Dazu kam die Feindschaft zwischen A. W. Schlegel und Schütz, dem Führer der „Jenaischen Literaturzeitung“, seit sich ihr das „Athenäum“ als Ausdruck einer neuen Kritik entgegengestellt hatte. Schon im Herbst 1799 hatte Schlegel von der fernern Mitwirkung an jener Zeitung sich öffentlich losgesagt. An solchen Gegnern übte er die schärfsten Waffen. Tieck nahm an diesen Kämpfen keinen persönlichen Antheil; er war der Meinung, Schlegel beachte diese Gegner und ihre Angriffe mehr als nöthig, und gebe ihnen dadurch einen Werth, den sie nicht hätten.
Bedenklicher war es, daß in dem Freundeskreise selbst Misklänge und Irrungen nicht fehlten. Dies ging zunächst von den Frauen der beiden Schlegel aus, die sich miteinander nicht verständigen konnten. Dorothea überließ sich dem rücksichtlosen Zuge Friedrich Schlegel’s, und rief dadurch manche Kritik ihrer gemessenern Schwägerin hervor. Tieck konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihm in ihrer männlichen, oft unschönen Weise widerlich sei. An dem Romane „Florentin“, mit dem sie sich beschäftigte, fand er ebenso wenig Gutes, als er die „Lucinde“ seines Freundes, welche soeben erschienen war, anzuerkennen vermochte. Er konnte sich weder mit diesen Ansichten, noch mit der Art ihrer Ausführung befreunden. Das Buch wollte ihm fast abgeschmackt scheinen. Noch weniger begriff er Schleiermacher’s Kritik in den vertrauten Briefen über diesen Roman. Geheim waren sie nach Jena geschickt worden, um gedruckt zu werden. Durch einen Zufall hatte er bald erfahren, wer der Verfasser sei.
Aber F. Schlegel selbst zeigte sich zu Zeiten abstoßend und unbillig. Seine Art sich zu äußern, wenn er einmal zu sprechen begann, war stets ein überfließender Erguß, seine Beredtsamkeit wandelte jedes Gespräch in einen Monolog um, der tiefsinnig sein konnte, aber doch schließlich ermüdete. Und Tieck liebte nichts mehr als den freien Austausch des Gebens und Nehmens im Gespräch. Ward Schlegel in einem solchen Monologe durch irgendeinen Einwand, einen leichten Zweifel unterbrochen, so konnte er ungerecht, ja leidenschaftlich werden. Wenn er nicht unbedingten, fast blinden Glauben fand, so sah er darin eine Verletzung der Freundschaft, zog sich beleidigt zurück, und war dann wochenlang kalt und mistrauisch.
Doch auch mit A. W. Schlegel war Tieck nicht überall eines Sinnes. Dies trat auch in ihren Ansichten über Schiller hervor. Bereits war das Verhältniß zwischen diesem und den Schlegel ein gespanntes, und gereizt wie er war, beurtheilte Schlegel die Dichtungen Schiller’s schonungslos, ja ungerecht. In diesen Ton konnte Tieck nicht einstimmen, wenn freilich auch seine Ansichten und Beziehungen zu Schiller seit seiner Jugend andere geworden waren. Während man allgemein von der größern und reichern Entwickelung des Dichters in der spätern Zeit sprach, erkannte er nur eine Beschränkung, eine Verengerung, eine Furcht vor der Anwendung der vollen Kraft. Das Streben nach dem Idealen war ihm eine Verwischung des Individuellen, ein Hineinziehen des Eigenthümlichen in das Allgemeine, Unbestimmte. Er wollte in seiner Poesie das Besondere, das Nationale zum Ausdruck bringen, Schiller entwickelte dagegen ein grandioses, aber allgemeines, tragisches Pathos. Auch von der Fruchtbarkeit der philosophischen Studien konnte er sich nicht überzeugen. Weder mit ihren Ergebnissen stimmte er überein, noch mit dem Eindringen der philosophirenden Reflexion in die Poesie. Dagegen erfüllte ihn immer noch die unbedingteste Bewunderung vor Schiller’s ältester Dichtung, den „Räubern“. Hier herrschte ein gewaltiger, kolossaler Geist, der mit einer Kühnheit, einem Trotze auftrat, wie er kaum seines Gleichen hatte. Er nahm den Dichter nicht nur gegen seine Gegner, sondern auch gegen ihn selbst und seine Kritik in Schutz. Die spätern Bearbeitungen galten ihm für Abschwächungen, ja für eine Verleugnung der eigenen geistigen Gewalt.
Tieck hatte den Freunden viel von den „Räubern“, und der schon damals seltenen ersten Ausgabe gesprochen; auf diese müsse man zurückgehen, wenn man die wunderbare Dichtung ganz würdigen wolle. Zum guten Glücke fand man diese Ausgabe in einem unbedeutenden Bücherladen, und sogleich begann Tieck sie den Freunden vorzulesen. Günstig schien es, daß der ältere Schlegel verhindert war zugegen zu sein. Unerwartet indeß trat er während des Lesens ein, und fing an Tieck durch hingeworfene Bemerkungen, dann durch Angriffe auf das Stück zu unterbrechen. Er könne nicht begreifen, wie man an einem so rohen Producte Gefallen finden, wie man es nur lesen könne. Wie man es denn überhaupt nennen solle? Es sei weder ein Drama noch ein Epos, noch gehöre es irgendeiner Kunstgattung an. Voll Verdruß über diesen Tadel schlug Tieck endlich das Buch nicht ohne Heftigkeit zu. „Das ist das Beste, was du thun kannst“, sagte Schlegel ironisch.
Auch an Tieck’s Vorlesen fand er viel zu tadeln, obgleich dieser mit entwickelter Virtuosität und dem entschiedensten Erfolge las. Er sprach ihm sogar die Fähigkeit ab Tragisches zu lesen, sein natürlich einfacher Ton sei für das Pathos der Tragödie viel zu schwach, nur für das Komische wollte er ihn gelten lassen. Er selbst pflegte Tragisches in einem unangenehmen Gurgelton zu lesen, der von der Bescheidenheit der Natur weit entfernt war, und eine Wirkung hervorbrachte, welche der beabsichtigten ganz entgegengesetzt war.
In äußere Beziehung zu Schiller war Tieck bereits durch den „Musenalmanach“ von 1799 getreten, für welchen er durch Schlegel’s Vermittelung einige Gedichte geliefert hatte. Bei dem ersten Aufenthalte in Jena im Juli hatte er ihn in seinem Gartenhause besucht. Schiller kannte Tieck’s nahe Verbindung mit den Schlegel, und mochte ihn vielleicht schon deshalb nicht ohne Zurückhaltung empfangen. Er war hager und groß, der Oberleib langgestreckt, die Gesichtsfarbe bleich; die graublauen Augen hatten für gewöhnlich einen kalten Ausdruck, der jedoch schwand, wenn er in der Unterhaltung warm wurde. Er sprach nicht ohne Pathos. Von Shakspeare und der spanischen Literatur war die Rede. „Meinen Sie denn auch, daß Lope de Vega eine so große Aehnlichkeit mit Shakspeare hat?“ war eine Frage, auf welche Schiller besonders Antwort zu haben wünschte, die aber Tieck nicht so kurzweg zu ertheilen wußte. Auch bei wiederholten Besuchen blieben ihre Gespräche auf der Oberfläche. Es schien etwas Fremdes zwischen ihnen zu stehen. Tieck fühlte sich erkältet gegen Schiller, ihre Wege gingen zu sehr auseinander.
Eine letzte Begegnung hatten sie in Dresden 1801. Auch diesmal kamen sie nicht weiter. Tieck machte aus der Gemäldegalerie ein Studium; auch Schiller hatte sie besucht. Sie kamen im Gespräche auf Malerei. In seinen Kunsturtheilen war Schiller durch den Einfluß Goethe’s und Meyer’s bestimmt. Von diesen hatte er Manches angenommen, so die unbedingte Bewunderung der alten Kunst und Plastik, welche seiner eigenen Natur fern stand. Er sprach sich daher gegen die Malerei aus. Er fand den Eindruck der Farbe unangenehm; er habe keine Dauer, es sei unmöglich ihn festzuhalten und zu bestimmen. „Sie sehen z. B. dieses Tuch“, sagte er, indem er auf ein rothes Umschlagetuch seiner Frau hinwies, das in der Nähe des Fensters lag. „In diesem Augenblicke erscheint es roth, lassen Sie das Licht wechseln, und dasselbe Roth wird sich dann lila oder grau zeigen, und damit wird auch der Eindruck ein anderer werden müssen. Dagegen wie viel sicherer und entschiedener ist er nicht in der plastischen Kunst. Am höchsten möchte das Basrelief stehen, das die Festigkeit der Plastik mit der Bewegung der Malerei verbindet.“ Tieck machte die Gegenfrage, ob sich diese Beobachtungen über den Eindruck der Farbe auch vor Correggio’s Bildern behaupteten. „Gerade hier finde ich sie am meisten bestätigt!“ antwortete Schiller. Dagegen führte Tieck aus, wie in der Vertheilung von Licht und Schatten, in dem unendlichen Wechsel und Spiel der Farbe, in den Mitteln der Zeichnung, der nicht zu erschöpfende Zauber der Malerei liege. Endlich schieden sie voneinander, ohne sich überzeugt zu haben.
Zugleich war eine andere Hoffnung im Sommer 1799 in Erfüllung gegangen. Tieck war dem Altmeister der Poesie genaht, er hatte Goethe gesehen. Schlegel, der bei Goethe als metrischer Rathgeber in Ansehen stand, und Novalis hatten es übernommen ihn einzuführen. Sicherer und unbefangener, als er selbst geglaubt hatte, trat er nun endlich jenem Dichter entgegen, dessen Gestalten ihn seit den Tagen frühester Kindheit begleitet hatten, der zu einer großen geistigen Macht in seinem Leben geworden war. Diesen Augenblick hatte er als Knabe geahnt, und ihn mit heißer Sehnsucht als Jüngling herbeigewünscht, darauf schien eine Seite seines Lebens angelegt. Jetzt endlich war er da! Goethe stand wirklich vor ihm. Das war er selbst, Götz, Faust, Tasso! Aber auch der Herrscher im Reiche der Poesie, in abgeschlossener Hoheit stand vor ihm. Ein gewaltiges, erschütterndes Gefühl erfüllte ihn beim ersten Anblicke. „Das ist ein großer, ein vollendeter Mensch, du könntest bewundernd vor ihm niederfallen!“ Zugleich erhob sich aus dem Grunde seiner Seele wie ein Wolkenschatten der leise aufsteigende Zweifel: „Könntest du ihn zu deinem Freunde, deinem Vertrauten machen?“ Und er mußte sich antworten: „Nein, das könntest du nicht!“