Auch Lafontaine, den er zur Zielscheibe seiner literarischen Satire gemacht hatte, lernte er während eines kurzen Aufenthaltes in Leipzig kennen. Eines Abends war er bei Mahlmann, dem Buchhändler und Schriftsteller, der auch zu den Gegnern Kotzebue’s gehörte. Hier traf er, außer F. Schlegel und einigen andern Bekannten, einen Mann, den nur der Zufall in diese Gesellschaft geführt haben konnte, da er mit den Wortführern unter den Anwesenden offenbar unbekannt, sich mit großer Unbefangenheit über seine eigenen schriftstellerischen Leistungen aussprach. In diesem fetten, rothen Manne hätte Niemand Lafontaine, den Verfasser so vieler thränenreicher Romane vermuthet. Endlich mußte ihm klar geworden sein, in welche bedenkliche Gesellschaft er gerathen sei, denn er entfernte sich stillschweigend. Kaum war er gegangen, als eine Flut des Gelächters und der Spottreden hinter ihm losbrach, über seine Romane, seine Persönlichkeit und Autoreitelkeit. Plötzlich aber wurde dieser Muthwille durch eine wohlbekannte Stimme mit den Worten unterbrochen: „Lieber Mahlmann, ich kann aus Ihrem Hause nicht hinausfinden!“ Es war Lafontaine, der unerwartet wie der steinerne Gast in der lustigen Gesellschaft wieder erschien. Da er die Hausthür verschlossen gefunden hatte, war er zurückgekehrt, und hatte, unbemerkt hinter den Kritikern stehend, ihre schonungslosen Reden eine Zeit lang schweigend angehört. Schnell unterbrach Schlegel die augenblickliche Bestürzung mit den Worten: „Da geht es Ihnen hier gerade so wie in Ihren Romanen, da können Sie sich auch nicht hinausfinden.“ Und nun fand Lafontaine den Weg aus dem Hause um so rascher.

Es war stets eine Erholung für Tieck, wenn er dem steifen Ernste der großen Bühne, die er in Dresden nicht besser fand als in Berlin, entfliehen und sich an den harmlos volksthümlichen, oft auch wahrhaft albernen Spielen der Bretertheater in den Vorstädten erheitern konnte. In Dresden erwies ihm das Sommertheater auf dem Linke’schen Bade, wo eine wandernde Truppe spielte, diesen Dienst. Hier sah er das in seiner hohen Abgeschmacktheit kindisch unbefangene Liederspiel „Das Donauweibchen“, welches zu den beliebtesten Stücken des Tages gehörte. Einige von diesen Gestalten faßte er auf, und suchte sie zu Trägern eines phantastischen Märchens umzubilden. Auch entwarf er den Plan zu einer dramatischen Bearbeitung der „Magelone“, die zwischen „Octavian“ und „Genoveva“ in die Mitte treten sollte, und eine Tragödie „Niobe“ wollte er im Wettkampfe mit den Schlegel, die diesen Stoff ebenfalls zu behandeln dachten, schreiben. Zugleich trug er sich seit 1797 mit dem Gedanken eines Romans „Alma“, in dem er die Liebe, wie im „Sternbald“ die Kunst, verherrlichen wollte. Rasch, wie wechselnde Bilder, gingen diese Pläne durch seine Seele.

Endlich kam ein anderer Gedanke zur Ausführung, den er schon 1800 mit A. W. Schlegel gemeinschaftlich gefaßt hatte, die Herausgabe eines Musenalmanachs. Daß dieser für das Jahr 1802 wirklich zu Stande gebracht wurde, war die Folge von Schlegel’s Thätigkeit und gewandter Geschäftsführung. Schiller’s „Musenalmanach“, der dem Werthe nach bei weitem die erste Stelle eingenommen hatte, war 1800 zum letzten Male erschienen. Hier hatten auch die Freunde Manches beigetragen. An den andern zahlreichen Almanachen fand sich Vieles auszusetzen. Bei der Art, wie man sie beurtheilt hatte, bei den hohen Anforderungen, die man machte, war es unmöglich, sich irgendeinem anzuschließen. Es entstand daher der Wunsch, einen eigenen Musenalmanach herauszugeben, zu dem nur die besten Freunde das Beste beisteuern sollten. Es lieferten außer den Herausgebern Friedrich Schlegel, Schelling unter dem Namen Bonaventura, Tieck’s Schwester und Bernhardi die hervorragendsten Beiträge. Was außer einigen Gedichten von Novalis von Andern herrühren mochte, war von geringerer Bedeutung. Zugleich ward diese Sammlung zu einem zwiefachen dichterischen Todtenopfer. Es galt nicht allein der Erinnerung an Novalis, den geschiedenen Dichter und Freund, sondern auch an Auguste Böhmer, jenes geistvolle junge Mädchen, das in hoffnungsvollster Jugend im Jahre 1800 dem Tode verfallen war. Zur Herstellung ihrer Gesundheit hatte Schlegel seine Stieftochter nach Boclet ins Bad begleitet, wo sie statt der Gesundheit den Tod fand. Ihrem Andenken widmete er unter dem Namen „Todtenopfer“ eine Reihe von Sonetten, die den Haupttheil des Musenalmanachs bildeten.

Durch das Studium der Mystiker war Tieck mit den allgemeinen Gedanken des Mittelalters vertrauter geworden, es lag daher der Uebergang zur altdeutschen Poesie in ihrer ursprünglichen Gestalt nahe. Er hatte sie von seinem Freunde Wackenroder gewissermaßen geerbt; jetzt nahm er sie, etwa 1801, selbständig auf. Es war ein Seitenweg des dichterischen Lebens, den er einschlug. In diesen Werken fand seine Richtung auf das Tiefsinnige und Eigenthümliche, die Vorliebe für das Althistorische und für literarische Gelehrsamkeit ihre Befriedigung. Bald kam es zu Versuchen der Uebersetzung, Nachbildung und Umdichtung. Die fremde Dichterkraft beschäftigte ihn, während die eigene ruhte.

Zunächst zog ihn das schwäbische Zeitalter an. In der Vergessenheit alter Drucke und Handschriften, von deren Dasein nur wenige Gelehrte Kunde hatten, und deren noch wenigere sie werthachteten, erkannte er die Schöpfungen einer volksthümlichen Dichtung, die aus dem Staube hervorgezogen, dem Verständnisse der Gegenwart wieder zugänglich gemacht werden müsse. Es kam darauf an, dem Volke die Denkmale seines Geistes, seine eigene Sprache zu deuten. Ein solches Unternehmen war damals, wo die Herbeischaffung der unentbehrlichsten Hülfsmittel mit großen Schwierigkeiten verbunden war, wo man nicht ahnte, daß sich auch hier eine Wissenschaft aufbauen könne, doppelt kühn und anerkennenswerth. Seine Begeisterung gehörte dazu, dieses Leben aus langem Schlafe wiederzuerwecken. An ihr haben sich dann jüngere Kräfte entzündet. Wie auch eine spätere, klüger gewordene Kritik über diese Versuche urtheilen möge, Tieck’s großes Verdienst ist es, den ersten einladenden Pfad durch die romantische Wildniß, durch den grünen, rauschenden Wald der ältern deutschen Poesie gebahnt zu haben, durch welchen jetzt manche befahrene Heerstraße führt. Die erste Frucht dieser Thätigkeit war die Uebersetzung der Minnelieder, die er 1803 dem Publicum übergab.

3. Ein alter Freund.

Seit er Berlin verlassen hatte, dachte er daran, eine neue Heimat zu suchen. Aber wie lange dauerte es, ehe er sie fand! Während die Schwierigkeiten des Lebens wuchsen, Leiden und körperliches Ungemach zunahmen, fehlte es ihm an einem festen Herde. Und doch wollte er sich nicht binden.

Einen Augenblick eröffnete sich die Aussicht auf eine dauernde Stellung und einen Wirkungskreis, der seinen Neigungen entsprach. Bei dem Stadttheater in Frankfurt a. M. suchte man 1801 einen Regisseur, der nicht Schauspieler, sondern dramaturgisch gebildeter Kenner des Theaters sein sollte. Brentano, seit den Zeiten in Jena ein warmer Freund Tieck’s, faßte den Gedanken, ihm diese Stelle zu verschaffen. Auch Frommann, der in Frankfurt Verbindungen hatte, nahm sich der Sache an. Durch ihn kam sie an Goethe, dessen Rath man schon bei ähnlichen Gelegenheiten eingeholt hatte. Doch wollte dieser in einem an Tieck gerichteten Briefe keineswegs zureden, die schwierige und schwankende Stellung anzunehmen. Während der Verhandlungen aber eilte eine Gegenpartei, das Amt in ihrem Sinne zu besetzen.

Bald darauf kam ihm sein alter Freund Burgsdorff wieder nahe. Seit längerer Zeit hatten sie einander aus den Augen verloren; jeder war seines Weges gegangen. Während Tieck dichtete und mit sich kämpfte, hatte Burgsdorff die innere Unruhe, die Lust am vollen Leben und seinem Genusse in die Welt hinausgetrieben; er hatte das westliche Europa durchkreuzt. Nicht auf die gewöhnlichen Gebiete des Ehrgeizes führte ihn seine Neigung, nicht Aemter oder Stellen zogen ihn an. Auch er wollte frei und unabhängig sein, Erfahrung und Studium, Bildung und Genuß miteinander vereinen, das Leben in seinen wechselnden Gestalten an den Quellen kennen lernen. Sein abenteuerndes Reiseleben erinnerte an jene deutschen Edelleute des siebzehnten Jahrhunderts, die erst dann, wenn sie den reichern Süden und Westen kennen gelernt hatten, in dem eintönigen Vaterlande, auf ihren abgelegenen Landsitzen Ruhe fanden.