Dennoch hatte er mitten in dieser reichen Welt Stunden und Tage des Kampfes, die an ähnliche Zustände seines Bruders erinnerten. Ihn erfüllte wie eine höhere Macht die Begeisterung für seine Kunst. Aber sie war zu stiller, zu friedlicher Natur, als daß sie in dem Strome großer politischer Bewegungen, in der Welt eines rastlosen Ehrgeizes sich hätte entfalten können. Die Politik widerte ihn an; er fühlte sich als einen Gegner dessen, der sie beherrschte, Bonaparte’s. Aber auch in sich selbst fand er keine Befriedigung. In das Studium der großen Meisterwerke wünschte er sich ganz zu versenken. Doch hier ergriffen ihn Muthlosigkeit, ja Verzweiflung. Er fühlte sich von ihrer Größe überwältigt, vernichtet. Seine Studien schienen ihm leerer Tand und Spielerei, ein nutzloses Ringen nach einem Ziele, das stets in weitere Ferne rückte. Er glaubte seinen Beruf verfehlt zu haben, und fühlte sich unverstanden und allein; das Heimweh ergriff ihn oft mit unwiderstehlicher Gewalt. Er sehnte sich nach dem geistigen Austausche, in dem er mit seinen Geschwistern gelebt hatte, doch nur selten erhielt er Nachricht von Hause; er glaubte sich vergessen. Seine Einsamkeit ward noch drückender, als Humboldt nach Spanien, Burgsdorff nach England reiste. Er dachte daran, die Anerbietungen Alexander’s von Humboldt anzunehmen, ihn nach Amerika zu begleiten. Sein ganzes Leben würde eine andere Wendung erhalten haben. Aber der Wunsch Italien, die Antiken auf dem classischen Boden selbst zu sehen, der Gedanke an seine Familie hielt ihn zurück.
Endlich 1801 kehrte er heim. Er ging nach Weimar und Jena, machte die Bekanntschaft der Schlegel, und schloß mit dem ältern eine enge Freundschaft. Er lernte Goethe kennen, begann dessen Büste zu modelliren, und wurde durch diese und andere Arbeiten für einige Zeit an Weimar gefesselt. Nun kam er nach Berlin zurück, um der Mutter, deren Liebling er gewesen war, die Augen zuzudrücken. Sie starb an einer entzündlichen Brustkrankheit, die zuletzt in ein Nervenfieber überging.
Der Tod der Mutter wirkte tödtlich auf den Vater. Er war in sich gebrochen. Laut klagend ging er Tage und Nächte lang im Zimmer auf und nieder. Still und lautlos folgte er dem Sarge, dann stellten sich ähnliche Krankheitszeichen bei ihm ein, bald war sein Zustand hoffnungslos. Acht Tage nach dem Tode seiner Frau that auch er den letzten Athemzug. In Folge dieses zwiefachen Todesfalls erkrankte die Tochter so heftig, daß man an ihrem Leben verzweifelte. Als Tieck in Dresden die erste Nachricht von der schweren Erkrankung der Mutter erhielt, war sie bereits gestorben. Gleich darauf folgte die Trauerkunde von dem Tode des Vaters.
Der Lebensabend des alten Tieck war nicht ohne Leiden und Sorgen gewesen. Doch eine Genugthuung war ihm geworden. Er sah das reiche Talent seiner Kinder, für deren Erziehung er gearbeitet hatte, in voller Entfaltung, und zu den berühmten Namen des Vaterlandes hörte er auch den seinen zählen. Aus den engen Schranken des Handwerks, wo man nur ängstlich für das Heute arbeitete, waren sie hinausgetreten in den weiten Kreis des geistigen Lebens, um die kleinen und stillen Freuden und Leiden mit größern zu vertauschen.
Unter diesen Eindrücken und Kämpfen ermattete bei Tieck die Kraft des dichterischen Schaffens. Auf die hochgehende Strömung der ersten zehn Jahre schien die Ebbe einzutreten. Zwar regten ihn Freunde und manche Ereignisse vorübergehend an. Aber meistens blieb es bei Entwürfen, es waren Ansätze und Versuche ohne Abschluß, ohne Lust, ohne Vertrauen.
Im Jahre 1801 sah er Steffens in Dresden wieder. In lebhaftem Umgange bildete sich erst jetzt ein entschiedenes Verhältniß zwischen ihnen aus. Steffens wohnte in Tharand, häufig kam er nach der Stadt Tieck zu besuchen, in dessen Hause er bald heimisch ward. Auch bei dem Hofsecretär Ernst, einem sächsischen Beamten, der die Schwester der Schlegel geheirathet hatte, sahen sie sich oft. Steffens’ naturphilosophische Richtung kam ihm entgegen. Die Natur und ihre Geheimnisse, Poesie, Philosophie und Religion waren Gegenstände häufiger stundenlanger Unterhaltungen. Sie trafen zusammen in Jakob Böhme und den Mystikern. Aus diesen Gesprächen bildete sich jenes schauerliche Märchen „Der Runenberg“, in dem die Natur als dunkle und unwiderstehliche Macht erscheint, die den freien sittlichen Entschluß des Menschen vernichtet. Es war das Abbild der damaligen Stimmung Tieck’s. Im Walde, in der Pflanzenwelt wehte ein verwandter Hauch, der ihn geheimnißvoll durchschauerte. Er glaubte hineinzublicken in ferne, untergegangene Riesenwelten, und sie in ihren Erinnerungen wiederzuerkennen. In sich erfuhr er die uralten Wandlungen der Natur, von der Sage und Mythos dunkel erzählten; sie waren ihm nichts Vergangenes, sondern ein Gegenwärtiges. Natur, Geschichte, Poesie floß in eins, und es blickte ihm entgegen mit einem Auge der Liebe und des Schreckens zugleich. Der „Runenberg“ erschien in einem Taschenbuche für das Jahr 1802 im Druck.
Durch Steffens war er früher in Giebichenstein mit einem jungen Landsmann desselben, Namens Möller, bekannt geworden, der ebenfalls, für deutsche Wissenschaft und Literatur begeistert, nach dem Süden gekommen war. Erzogen und aufgewachsen in dem strengsten Lutherthum, erfüllte ihn eine leidenschaftliche Abneigung gegen die katholische Kirche, welche er nur aus Büchern und den im Vaterlande herrschenden Ansichten kannte. In Gesprächen mit Tieck und Andern, ging er oft zur heftigsten Polemik über. Kaum ein christliches Element wollte er in ihr anerkennen, er meinte sie verhalte sich zum protestantischen Bewußtsein nicht viel anders als der Mythos der Griechen. Gegen so einseitige Angriffe vertheidigte Tieck die katholische Kirche von seinem Standpunkte aus. Auch sie sei eine Form des Christenthums, und zwar eine nicht minder berechtigte, außerdem sei sie die ältere. In den einzelnen Theilen des katholischen Cultus liege ein Sinn, der historisch wol anzuerkennen sei. Uebrigens werde das wahre Wesen der Frömmigkeit dadurch kaum berührt, denn zu allen Zeiten, wie auch jetzt noch, habe es unter den Katholiken fromme und wahrhafte Christen gegeben. Der junge Norweger wies diese Entgegnungen hartnäckig ab; er behauptete sogar, nur in seiner Heimat könne man das Abendmahl in voller Reinheit empfangen, und schickte sich bereits an deswegen dahin zurückzukehren.
Plötzlich erkrankte er. Eine Umwandlung ging mit ihm vor. Alles was er über die Anerkennung der katholischen Kirche gehört und gelesen hatte, kam zu einem unerwarteten Durchbruch. Mit demselben ausschließlichen Eifer, mit welchem er vorher an dem Lutherthum gehangen hatte, umfaßte er nun den Katholicismus. Nur hier war die Wahrheit, nur im Schoose dieser Kirche Friede und Seligkeit. Bald darauf trat er über, und verbannte sich dadurch aus seinem Vaterlande für immer. Er heirathete eine ältere Schwägerin Tieck’s, und zog auch diese zu sich herüber. Sein Bekehrungseifer war erwacht. Alles was er je aus Tieck’s Munde gehört hatte, wandte er nun gegen ihn. Er sah in ihm einen schwachen und unentschiedenen Anhänger des Glaubens. Mündlich und schriftlich forderte er ihn auf wiederzukehren in den Schoos der wahren Kirche, als berühmter Mann ein großes Beispiel der Bekehrung zu geben, das von den glänzendsten Folgen begleitet sein werde. Nur mit Mühe erwehrte sich Tieck dieser Zumuthungen. Auf die Anerkennung des tiefen Sinnes, der in jeder echten Frömmigkeit ruht, welche Formen sie haben möge, war es ihm angekommen. Seine Neigung zum Mystischen, ein lebhaftes Gefühl der Gerechtigkeit hatten ihn getrieben, den alten Glauben der von den Aufgeklärten geschmähten katholischen Kirche anzuerkennen. Aber weil er dies that, sollte er darum seine Freiheit dem System, das jene Schätze bewahrte, aber in drückender Weise verwaltete, unterwerfen?
Aus diesen Erfahrungen ging im Jahre 1802 der Entwurf einer Dichtung hervor, welche einen ähnlichen Bildungsgang darstellen sollte. Ein Jüngling begegnet den Verkündigungen des Wunders und der Heiligkeit der Religion, die er aus dem Munde eines Greises vernimmt, mit Spott und Zweifel. Niemals sind ihm ähnliche Gedanken gekommen. Aber seine Augen öffnen sich, die neue Offenbarung erfüllt bald sein Herz. Als ein Umgewandelter kehrt er zu dem Greise zurück, und verlangt die Aufnahme in die Kirche, welche er jetzt erst hat schätzen lernen. Aber nun eröffnet ihm der Greis zum zweiten Male ein neues Verständniß. Er klärt ihn darüber auf, wie er im Begriffe sei statt des Ewigen eine andere endliche, dem Mangel und Irrthum unterworfene Form zu ergreifen; er heißt ihn heimgehen und den gefundenen Schatz in seinem Innern bewahren.
Um diese Zeit machte Tieck auch die Bekanntschaft einiger Maler, die eine ähnliche Richtung hatten; es waren Hartmann, Fridrich, und Philipp Otto Runge. Die beiden letzten, aus Schwedisch-Pommern gebürtig, in der Malerei vornehmlich der Landschaft zugewendet, machten diese zum Träger einer mystischen Symbolik. Besonders Runge hatte einen eigenthümlichen Mysticismus der Farben ausgebildet, in dem Kunst, Religions- und Naturphilosophie ineinander verschwammen. Er war tiefsinnig, streng gläubig, doch fern von aller Kopfhängerei, jugendlich kräftig, witzig und heiter. Schon früher hatte der „Sternbald“ einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; er schätzte sich glücklich, jetzt mit dem Dichter selbst befreundet zu sein, denn so gestaltete sich bald das Verhältniß beider. Tieck bewunderte ebenso sehr seinen Tiefsinn wie sein Talent, und nahm lebhaften Antheil an den berühmten symbolischen Kupferstichen, die vier Tageszeiten, die damals eben im Entstehen waren. Später sagte er von ihm, er habe die spielende Arabeske zu einem philosophisch-religiösen Kunstausdruck erziehen wollen.