Auf sein dichterisches Schaffen hatten die letzten Zeiten hemmend eingewirkt. Durch Misverständniß und Angriffe gereizt, zwischen Zorn, Verachtung und satirischer Laune schwankend, von Zweifeln umdrängt und beunruhigt, vermochte er den Octavian, der das Erbtheil einer frischeren Zeit war, nur langsam dem Abschlusse entgegenzuführen.

2. Zweifel und Verlust.

Aber er hatte überhaupt das Behagen an seinen Schöpfungen verloren. Die lebensvollen Gestalten des Humors begannen ihm kalt und matt zu erscheinen, die Lust am dichterischen Schaffen sank, die heitere und unbefangene Freude der Jugend war von ihm gewichen. Zu Zeiten dünkte es ihm ein leeres unerquickliches Treiben, ein frevelhaftes Spiel mit dem Leben. Wenn die Schwermuth auf der Seele des Knaben und Jünglings lastete, dann war es die ihrer selbst bewußt werdende Kraft des Talentes, die Hoffnung auf die Erfolge der Zukunft, die Trost gewährten und ihn aufrecht hielten. Jetzt war die Zukunft zur Gegenwart geworden, er hatte ausgesprochen, was damals sein Herz dunkel bewegte, und nach dessen Gestaltung Sinn und Phantasie rangen; konnte er sagen, er sei darum glücklicher, mehr mit sich selbst eins und im Frieden? Bisweilen meinte er nur an bitteren Erfahrungen reicher, an schönen Hoffnungen ärmer geworden zu sein. Zu den Anfeindungen kamen Verluste, schmerzliche Todesfälle und unglückliche Verhältnisse in seiner Familie.

Gleichzeitig hatte sich die Mystik seiner Seele ganz bemächtigt. Nie hatte ihn Jakob Böhme mehr erfüllt. Das Studium des deutschen Philosophen führte ihn zurück auf die Mystiker des Mittelalters, auf Tauler, auf die Mystiker anderer Völker, endlich auf die Kirchenväter. Mit Eifer las er die Schriften des Augustinus, seine Bekenntnisse, sein Buch vom Reiche Gottes. Unmerklich hatten sich diese Kreise erweitert, immer mehr wurde er hinabgezogen in ihre Tiefen.

Wie anders zeigten sich ihm Philosophie und Religion, Welt und Leben, seit er sich gewöhnt hatte sie in diesem Lichte zu sehen! Schien sich manches Räthsel zu lösen, so kamen dafür andere und vielleicht schwierigere hervor. Die Unbefangenheit, mit welcher er hineingetreten war in das grüne, jugendliche Leben, war vorüber. Was er von seinem Sternbald gesagt hatte, war auch ihm geschehen; er hatte das Paradies der Jugend verloren. Was war er, sein Leben in diesem großen Zusammenhange? War es nicht leichtsinnig sich an einem Talente zu erfreuen, das die Kluft nicht auszufüllen, nur mit seinen Blüten zu verdecken wußte? Ja oft erschien ihm dieses Talent selbst als das Böse, als die Sünde. Er glaubte sich von einer finstern Magie umgarnt, die ihn ins Verderben reißen müsse. Vor dieser Macht sank alle Poesie unter, das Leben und Alles, was sonst als Schönheit, Glück und Liebe erschienen war. Dann aber erhob sich wieder die Frage, warum war ihm dieses Talent geworden? War es nicht das seine? Gehörte es nicht zu seinem Wesen? So drehte er sich im Kreise von Zweifeln und Fragen umher, die ihn wie Gespenster verfolgten. Er las, er studirte, er suchte Gesellschaft auf, um der innern Angst zu entfliehen, dieser fieberischen Erregung, die mit trüber Gleichgültigkeit wechselte. Es war umsonst. Wie in der Jugend wünschte er in einem stillen Kloster sich verbergen zu können. Er sehnte sich, der Welt, sich selbst zu entfliehen, nach dem Frieden der Versenkung in den ewigen Gedanken Gottes.

Und um diese Zeit trafen ihn neue, schwere Verluste. Zuerst entriß ihm der Tod Novalis, den kaum noch gefundenen Freund. Seit dem Sommer 1800 kränkelte Novalis. Neue Erschütterungen, der plötzliche Tod eines Bruders hatte seine wankende Gesundheit auf das tiefste angegriffen. Ein Blutsturz folgte; immer mehr neigte sich sein Leben abwärts. Am Neujahrstage 1801 schrieb er im Gefühle unheilbarer Krankheit zum letzten Male an Tieck. Darauf verfiel er in ein abzehrendes Fieber. Am 25. März entschlief er sanft und schmerzlos in den Armen Friedrich Schlegel’s, der gekommen war, um ihn noch einmal zu sehen. Achtundzwanzig Jahre war er alt geworden.

Nicht ganz zwei Jahre waren verflossen, seit Tieck und Novalis sich zum ersten Male begegnet waren. Sogleich verband sie die innigste Freundschaft; sie hatten das Gefühl, sich vorausahnend ohne Worte zu verstehen. Ueberraschend sprach einer oft die Gedanken des andern aus. Es war eine gemeinschaftliche Wurzel, aus der sie emporwuchsen. Vieles war bei Tieck erst in diesem Elemente lebendig geworden, er fühlte, Novalis sei seinem Wesen nothwendig. Er klagte, es sei ihm, als habe durch diesen Tod die Liebe selbst in ihm einen Riß bekommen.

In der Ahnung eines frühen Todes hatte Novalis gewisse Papiere bezeichnet, die von Tieck oder F. Schlegel eröffnet werden sollten. Ihnen allein traute er das rechte Verständniß seiner Gedanken zu. Sie waren dadurch zu Vollziehern seines literarischen Testamentes bestimmt, das freilich nur zu zeigen vermochte, was der Dahingeschiedene bei längerm Leben der deutschen Dichtung hätte werden können. Von dem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ war der erste Theil vollendet. Aus seinen Erinnerungen und den Gesprächen mit dem Freunde versuchte Tieck ergänzend auszuführen, wie ungefähr der Dichter dieses Buch abzuschließen gedachte. Dazu kamen seine nicht zahlreichen lyrischen Gedichte, und einige zerstreute Fragmente aus dem „Athenäum“ und andern Zeitschriften. Im Jahre 1802 erschien dieser Nachlaß unter dem Namen, welchen sich der Dichter nach einem Landgute, das seiner Familie gehörte, beigelegt hatte.

Um Ostern desselben Jahres starben Tieck’s Aeltern, Vater und Mutter in einer Woche, an einer Krankheit. Zwei ihrer Kinder konnten sie zu Grabe geleiten. Die Tochter Sophie, die seit zwei Jahren an Bernhardi verheirathet war, und Friedrich, der nach mehrjähriger Abwesenheit soeben zurückkehrte.

Friedrich Tieck hatte die künstlerischen Lehrjahre vollendet, und war auf dem Wege sich zu einem Meister der Kunst auszubilden. Das letzte Ziel jener Reise, welche er als Begleiter Wilhelm’s von Humboldt und Burgsdorff’s unternommen hatte, war Paris. Die großen Schätze alter und neuer Zeit, die sich hier angesammelt hatten, machten es zur Kunstschule. Zu Anfang 1798 trat er in die Akademie ein, um einen Lehrgang der Bildhauerei, dann der Malerei durchzumachen. Er arbeitete eine Zeit lang unter David’s Leitung; doch fand er in diesem Institute Eifer, Kunstsinn, Methode, ja selbst die Einrichtungen weit hinter dem zurückstehend, was er von der berliner Akademie kannte. Im Verkehre mit Humboldt und seiner Familie fehlte es ihm an bedeutender Anregung nicht. Auch lernte er manche interessante Persönlichkeit kennen. Er lebte im Umgange mit Gustav von Brinckmann, der bei der schwedischen Gesandtschaft stand, dem Baron Bielfeld, und Baggesen, der bald darauf nach Paris kam. Auch die Bekanntschaft der Staël machte er.