Soweit sich diese plumpen Ausbrüche auf literarischem Gebiete hielten, hätte Tieck sie ruhig ertragen mögen; aber man suchte den bürgerlichen Charakter der Angegriffenen verdächtig zu machen, und sie moralisch vor dem Publicum an den Pranger zu stellen. Dieser hungerige Poet war ein literarischer Gauner. Tieck erkannte bald, daß Iffland’s eigenes Spiel nicht frei von feindseliger Absicht war. Er gab den alten Grafen, der ein Bewunderer Gellert’s ist; dessen „Leben der schwedischen Gräfin“ kann er nicht oft genug lesen. Die Behauptung des Poeten, Gellert sei kein Genie, beantwortet er mit einem Wuthausbruche. „Aber er war ein ehrlicher Mann!“ schreit er, indem er mit einer ausdrucksvollen Bewegung, in der Iffland Meister war, sich auf die Taschen klopft. Um Gellert’s Manen zu rächen, will er am Ende den armseligen Kritiker mit Hunden vom Hofe hetzen lassen.

Bei diesem Acte gemeiner Rache fiel ein großer Theil der Schuld auf Iffland, unter dessen Leitung das Stück einstudirt worden war. Er hätte alle Veranlassung gehabt, die rohesten und schreiendsten Farben zu mildern. Aber er war ein glücklicher Improvisator, und der Verfasser lebte fern von Berlin. Die Vermuthung war nicht abzuweisen, manche von diesen Zügen seien ihm erst von hier aus an die Hand gegeben, oder während der Darstellung von den Schauspielern hineingelegt worden.

Bei einer so pasquillantischen Beleidigung glaubte Tieck nicht schweigen zu dürfen, obgleich man bei spätern Wiederholungen des Stücks die anstößigsten Stellen gestrichen hatte. In einem Besuche bei Iffland forderte er die Auslieferung des Manuscripts, um sich zu überzeugen, wieviel von diesen Gemeinheiten auf Rechnung des Verfassers komme. Mit unerwarteter Bereitwilligkeit ging Iffland auf dies Verlangen ein. Er gab zu, Einiges könne vielleicht auf ihn und seine Freunde gedeutet werden; er bot sogar die Unterdrückung des Stücks an, wenn er es wünsche, und lieferte ihm schließlich das Manuscript zur Durchsicht aus. Doch als Tieck darauf schriftlich eine öffentliche Ehrenerklärung verlangte, zog Iffland nicht nur die gemachten Zugeständnisse zurück, sondern stellte auch in Abrede, daß man in diesem Lustspiele auf ihn oder irgendeinen seiner Freunde habe zielen wollen.

Bisher hatte Tieck an keiner literarischen Fehde Theil genommen, doch jetzt, von den verschiedensten Seiten angegriffen, verlästert und roh geschmäht, schien es ihm an der Zeit, seine Stimme zu erheben. Er schrieb einige polemische Blätter, die unter den unverständigen und böswilligen Gegnern von Falk bis Merkel aufräumen sollten. Da man seine Sprache des dichterischen Humors nicht verstand, so wollte er versuchen, in der offenen und unumwundenen Sprache der kritischen Grobheit sich deutlich zu machen. Auch er wollte zeigen, daß er Lessing mit Erfolg studirt und gelesen habe. Und diese Blätter bewiesen, er verstehe das Schwert der Polemik zu führen. Schon näherte sich die Schrift dem Abschlusse. Bernhardi verband in dem Decemberhefte des „Archivs der Zeit für 1800“ mit dem Abschiede, den er vom Publicum als Theaterkritiker nahm, die Anzeige, daß im Namen derer, welche in dem Lustspiele „Das Chamäleon“ angegriffen worden, Tieck in einer besondern Schrift nächstens antworten werde. Dennoch kam es anders. Es widerstrebte ihm zu sehr, in den wüsten Lärm der literarischen Tageszänkereien einzustimmen, auch wenn ihn selbst diese Schmähungen trafen. Der augenblickliche Zorn verrauchte, und machte der schweigenden Verachtung Platz. Jene Blätter blieben unvollendet liegen und wurden vergessen.

Gehässiger als diese öffentlichen Schmähungen waren die geheimen Verdächtigungen und Einflüsterungen Kotzebue’s. Die einen waren darauf berechnet, Tieck in der öffentlichen Meinung zu verderben, ihn vor dem Publicum um Ehre und Ansehen zu bringen, die andern wollten den politischen Verdacht erregen, und den literarischen Gegner durch die Gewalt der Polizei zu Boden schlagen.

Niemals hatte Tieck mit den Aeußerungen seiner sittlichen und kritischen Abneigung gegen Kotzebue zurückgehalten. Auch im „Zerbino“ kamen Hindeutungen dieser Art vor. Dennoch hatte Kotzebue früher einen Versuch der Annäherung gemacht. Im Gefühle seiner unvortheilhaften Stellung in Weimar, mit allen Größen in Feindschaft zu stehen, hatte er den Wunsch, in dem Anschluß an irgendeinen bedeutenden Namen Schutz zu suchen. Freilich galt sein Lob für ein bedenklicheres Zeichen als sein Tadel, und denen, welche davon betroffen wurden, mochte gar nicht wohl dabei zu Muthe sein. Eine Zeit lang machte er Miene, auf Goethe’s Kosten Schiller zu verherrlichen. Dann schien er Tieck huldigen zu wollen, und die frühern Verspottungen großmüthig zu vergessen.

Als die „Genoveva“ erschienen war, schlug er sich unerwartet auf die Seite der Bewunderer der Romantik, und er, der Rationale und Aufgeklärte, wollte den Heiligenschein gelten lassen. Er erklärte Schiller’s Mortimer für das Abbild des Golo, und ließ durch einen Bekannten bei Tieck anfragen, ob er etwas dagegen habe, wenn man seine Tragödie in Weimar zur Aufführung bringe. Er verspreche nur solche Abkürzungen zu machen, die durch die Bühne geboten seien, im Uebrigen aber sich jeder Aenderung zu enthalten. Dies war kein unpraktischer Vorschlag, der vielleicht Tieck’s dramatischen Dichtungen den Zugang zum Theater eröffnet hätte. Später, als diese Gegensätze erloschen waren, bedauerte er selbst, ihn so entschieden abgewiesen zu haben. Der Gedanke einer Verstümmelung seines Gedichts, und zwar durch diese Hand, war ihm unerträglich. Hatte er doch einen ähnlichen Vorschlag in Betreff des „Zerbino“ abgelehnt, und der kam von Goethe! Er antwortete daher mit scharfer Betonung, sein Gedicht sei gedruckt und öffentliches Eigenthum, es könne ein Jeder damit thun was ihm gutdünke. Die Darstellung unterblieb, und Kotzebue, der sich hatte wohlwollend zeigen wollen, war doppelt gekränkt.

Im Jahre 1802 ging er auf einige Zeit nach Berlin. Er erlangte Zutritt bei Hofe, und bald schien sich eine treffliche Gelegenheit der Rache darzubieten. Er erdreistete sich, die Paradescene im „Zerbino“ nicht ohne unverschämte Andeutungen dem Könige vorzulesen. Aber der unwürdige Versuch mislang. Großartig überhörte der König die Insinuation, und sie blieb ohne weitere Folgen. Tieck hatte die Absicht, welche ihm hier untergelegt werden sollte, nicht einmal haben können. Denn jene Scene war bereits 1796 unter ganz andern Verhältnissen geschrieben. Es waren die Eindrücke seiner Jugend, die Gefühle, welche das straffe Militärwesen ihm erregte, die er hatte darstellen wollen.

Auf den unmittelbaren literarischen Streit mit seinen zahlreichen Gegnern hatte er verzichtet, die Waffen, welche hier geführt wurden, waren zu plump. Umsomehr kam ihm die Lust, die unverbesserlichen Philister mit dichterischem Scherze anzugreifen, der bisjetzt noch nie die Wirkung versagt hatte. Im Sommer 1801 entstand der Plan eines umfassenden humoristischen Lustspiels, in welchem er noch manches Andere auszusprechen dachte, was er auf dem Herzen hatte. Die Fabel war aus Ben Jonson’s „The devil is an ass“ entlehnt. Es war die Geschichte eines dummen Teufels, welcher sich vermißt, der alterschwachen Hölle, die in Folge der Bildung ihren Einfluß vollständig verloren hat, die klug gewordene Welt wiederzugewinnen, aber die Probe mit Schimpf und Schanden besteht. Er nannte diese Dichtung „Anti-Faust“. Da er sich und seine Werke nicht schonte, so konnte es für erlaubt gelten auch über Andere frei und offen zu sprechen. Und er durfte den Aristophanes selbst einführen, denn vielleicht nie hatte sich sein Witz zu dieser Aristophanischen Kraftfülle und Schlagfertigkeit erhoben. Leider verrieth er das Geheimniß zu früh. Er hatte einigen Buchhändlern von dem neuen Gedichte erzählt, doch als diese hörten, auch Herder’s Humanitätsbriefe würden nicht verschont, erschraken sie, und wiesen einen so gefährlichen Verlagsartikel ab. Verstimmt und unlustig legte er das Begonnene für bessere Zeiten bei Seite; aber die glückliche Stimmung, welche es vollenden sollte, kehrte nicht wieder.

Durch die Kämpfe mit Iffland und andere unangenehme Erfahrungen war ihm der Aufenthalt in der Vaterstadt verleidet. Nach dem reichen Leben in Jena konnte sie überhaupt nichts gewähren, was ihm genügt hätte. Die Eintönigkeit der Natur erdrückte ihn, er hielt sich für einen Gefangenen, den man bei armseliger Kost eingeschlossen habe. Nach der Poesie der Berge, Bäche und Wälder sehnte er sich. Viel mehr schon gewährte Dresden. Dorthin übersiedelte er sich im Frühlinge des Jahres 1801.