Aus diesem Spähen nach einem verborgenen satirischen Sinne ergaben sich nicht geringe persönliche Belästigungen. Zudringliche ließen keine Gelegenheit vorübergehen, um ihm vertraulich näher zu rücken und ihn auszuforschen, wen er wol mit diesen Gestalten gemeint haben könne. Inquisitorische Examina hatte er zu bestehen, die in der Regel mit dem Vorwurfe der Verschlossenheit und des Mangels an freundschaftlichem Vertrauen endeten. Nichts aber war ihm verhaßter als das plumpe und täppische Zufahren der Biedermänner, welche in ihrer treuherzigen Offenheit vertrauliche Mittheilungen und Geständnisse als Pflicht der Freundschaft in der ersten halben Stunde oberflächlicher Bekanntschaft in Anspruch nahmen.

Zu diesen kleinen Quälereien kamen auch literarische Angriffe, die einen ärgerlichen Charakter trugen. Zuerst griff Johannes Falk der Satiriker zu den Waffen. Mit einem gewissen Geräusch war dieser Schriftsteller in die Literatur eingetreten. Wieland hatte ihn als neuen Aristophanes proclamirt; sieben große satirische Geister der Vorzeit sollten in ihm versammelt sein. Seit dem Jahre 1797 speicherte er für die Freunde des Scherzes und der Satire seine Einfälle in jährlich wiederkehrenden Taschenbüchern auf. Trotz Wieland’s schützender Privilegien konnte Tieck in diesen Satiren nichts von dem finden, was darin liegen sollte. Er vermißte den pomphaft angekündigten Scherz. In seiner Kritik des „Taschenbuchs für 1798“ im „Archiv der Zeit“ führte er aus, wie schwerfällig Falk die Satire als eine überlieferte literarische Stilgattung, als ein nützliches Geschäft moralischer Besserung nach der Definition älterer Lehrbücher betreibe; sein breiter und selbstgefälliger Witz beruhe nur auf einigen allbekannten und verbrauchten Kunstgriffen, und sei der Poesie ebenso fern, als er sich dem Pasquillantischen nähere. Er greife mit seinem gewichtigen Apparate nur unwesentliche und gleichgültige Dinge auf von rein localer Bedeutung, während er den Charakter der Zeit im Ganzen weder aufzufassen noch darzustellen vermöge.

Diese Bemerkungen waren geeignet, Tieck’s eigene Scherze im rechten Lichte erscheinen zu lassen, und ihr Verständniß im Gegensatze zu der absichtsvollen sogenannten moralischen Satire zu eröffnen. Falk indeß fühlte sich durch diese ernste Kritik, wie durch die scherzhafte im „Zerbino“ gleich sehr verletzt. Es schien mit seiner Freundschaft für Scherz und Satire kein rechter Ernst zu sein. Im „Taschenbuch für 1799“ antwortete er in zornig-höhnischen Angriffen auf Rambach, den Herausgeber des „Archivs der Zeit“, der an jenem Urtheile unschuldig war. In den nächsten Jahrgängen wandte er sich gegen die Schlegel, das „Athenäum“ und ihre Freunde. Auf einem beigegebenen Bilde hatte er sogar Tieck, auf seinem „Gestiefelten Kater“ reitend, darstellen lassen.

Auch Garlieb Merkel, der vorlaute und oberflächliche Publicist, ergoß sich in seinen „Briefen an ein Frauenzimmer über die schöne Literatur“, dann später in seinem „Freimüthigen“ in den niedrigsten Schmähungen über Tieck. Zu der beliebten Anklage des Obscurantismus, der Bänkelsänger- und Sachs-Poesie kamen Verdächtigungen der gemeinsten Art.

Selbst die Uebersetzung des „Don Quixote“ wurde in diesen Parteistreit hineingezogen. Gleichzeitig mit derselben war auch die von Soltau erschienen. Dieser hatte in Schlegel’s anerkennender Beurtheilung der Tieck’schen Arbeit in der „Literaturzeitung“ von 1799 eine Herabsetzung seiner eigenen Leistungen gefunden, und es nöthig gehalten, in dem Jahrgange von 1800 sich dagegen zu verwahren. Es sollte die keineswegs unbedingte Anerkennung, welche Tieck’s Uebersetzung zu Theil geworden, ein berechnetes Verfahren einer Partei sein, deren Absicht war, kein anderes Verdienst als ihr eigenes gelten zu lassen. Auch an sonstigen gelegentlichen Ausfällen ließ er es nicht fehlen. Im nächsten Stücke des „Athenäum“ erfolgte darauf eine Gegenkritik Schlegel’s, welche nun die Schwächen der Soltau’schen Arbeit offen darlegte. Soltau war in Spanien gewesen, er kannte die Sprache aus lebendigem Gebrauche, und hatte gewiß mit bessern Mitteln gearbeitet als Tieck. Dennoch war auch er von Irrthümern nicht frei geblieben. Aber seine Uebersetzung litt an prosaischem Unverständniß des Cervantes überhaupt. Wenn er Tieck in manchen Punkten übertraf, so hatte er doch sicher nichts von dem nachdichtenden und umbildenden Geiste, der für den Uebersetzer des Cervantes unerläßlich ist.

Unzweifelhaft war unter diesen Händeln der ärgerlichste der mit Iffland.

In Berlin hatten neben Tieck’s Dichtungen und Schlegel’s Kritiken Bernhardi’s Theaterrecensionen keinen geringen Anstoß gegeben. Auch er war des scharfen, kritischen Stils vollkommen Meister, und hatte durch den bestimmten, abschreckenden Ton im „Archiv der Zeit“ die Schauspieler und den Führer der Bühne gegen sich aufgebracht. Er erkannte Iffland’s großes mimisches Talent an, aber nicht unbedingt, nur innerhalb gewisser Grenzen; auch er wollte es nur für die mittlern und gemäßigten Rollen gelten lassen. Als dramatischen Schriftsteller hatte er ihn in seiner Posse „Seebald, der edle Nachtwächter“, die ein treffendes Abbild der rührenden Familiengeschichten ist, kritisirt. Bernhardi’s Verhältniß zu Tieck war bekannt, in ihrer Verbindung mit den Schlegel galten sie als Partei, die es auf gegenseitige Lobpreisung und Erhebung, auf ein Tyrannisiren des Geschmacks und der Literatur abgesehen habe. Ein Vorwurf, der, soweit er Tieck betraf, vollkommen unbegründet war. Wiederholt war Iffland Gegenstand kritischer Zweifel und satirischer Neckereien geworden. Er war gereizt, und dachte seinerseits einen Schlag gegen die lästigen Angreifer zu führen, der nicht ihn allein, sondern zugleich alle, die überhaupt gekränkt worden waren, rächen sollte.

Gegen Ende des Jahres 1800 ward ein Lustspiel, „Das Chamäleon“, auf die Bühne gebracht, das sich in veränderter Gestalt bis in die spätern Zeiten auf den Bretern erhalten hat. Verfasser war der Schauspieler Beck, ein ehemaliger College Iffland’s. Dieses schwache Machwerk, das ursprünglich harmlos gemeint sein mochte, war zu einer persönlichen Satire gegen Tieck und seine Freunde ausersehen. Es erschien darin ein hungeriger Schriftsteller und Gelegenheitsdichter, der sich durch trügliche Annahme des Adels in das Haus eines vornehmen Mannes einschleicht, um sich satt zu essen und womöglich Bezahlung seiner Schulden zu erlangen. Er spricht in mystischen und sonderbaren Redensarten, die an ähnliche Wendungen Friedrich Schlegel’s erinnern; er ist Verfasser eines schmuzigen Romans, betitelt „Lorraine“; er hat romantische Dichtungen herausgegeben, er hat unter dem Namen Peter Walter geschrieben. Mit diesen Producten hat er einen ehrbaren Buchhändler an den Bettelstab gebracht. Er gehört einer Clique von Fünfen an, in welcher man sich gegenseitig in Sonetten preist, und in der ganzen deutschen Literatur nur einen großen Dichter anerkennt, um alles Andere desto rücksichtloser in den Staub ziehen zu können. Dies geschieht in einem Journal, das sich durch seinen impertinenten Ton auszeichnet; es heißt der Wahrheitsrachen. Aber zum Troste der Biedermänner und Freunde der ältern literarischen Autoritäten erscheint der hungerige Poet in der jammervollsten Verfassung. Er ist die Zielscheibe aller seichten Witze der Gebildeten und Ungebildeten. Willig läßt er sich als Spielball der rohesten Neckereien und Verhöhnungen gebrauchen. Er streift an der bedenklichen Grenze der Prügel hin; Nachts bringt er auf der Straße, in leeren Portechaisen und Schilderhäusern zu.

Es war nicht zu verkennen, die ganze neuere ästhetische Kritik sollte in diesem elenden Sudler der Verhöhnung öffentlich preisgegeben werden. Nur aus literarischen Anspielungen war diese Figur zusammengesetzt. Bei der Clique von Fünfen hatte man an Tieck und Bernhardi, an die beiden Schlegel und etwa noch an Novalis gedacht, der ebenfalls Beiträge zum „Athenäum“ geliefert hatte.