Das Ansehen der ältern Schule, ihrer Philosophen und moralischen Dichter war in ein bedenkliches Schwanken gerathen. Aus Kritikern und Richtern wurden sie Kritisirte und Gerichtete. Schon ihr Gegensatz gegen alle großen und glänzenden Erscheinungen der letzten Jahrzehnde mußte ihre innere und ursprüngliche Dürftigkeit klar machen. Die neue Wendung der Philosophie, Goethe’s und Schiller’s Siege, die schonungslosen Urtheile der Schlegel, die Dichtungen Tieck’s, Alles wirkte zusammen.
Aber schon ward auch die Aufklärung zum Stichwort des Spottes, Bezeichnung des Seichten und Oberflächlichen. Die Angriffe auf ihre Vertheidiger wurden zahlreicher, und die Unberufenen fingen an, von dem Tiefsinnigen und Geheimnißvollen viel zu reden. Unverkennbar hatte die „Genoveva“ großen Eindruck gemacht. Je glänzender die verklärenden Strahlen der Dichtung waren, in denen dieses Heiligenbild sich zeigte, um so ärmlicher erschien die ältere nüchterne Poesie. Das jüngere Geschlecht sah die Stellung der Parteien mit andern Augen an. Wie ganz anders wurden nicht Gefühl und Phantasie durch die neuen Dichtungen angeregt! Zunächst in Berlin bildeten sich neben den Kreisen der Freunde, der Anhänger und Bewunderer, auch die der Nachahmer und Nachsprecher.
Als Tieck im Herbste des Jahres 1800 aus Hamburg zurückkehrte, mußte er bereits mehr, als ihm lieb war, von Mystik und Wunder, von Mittelalter und Romantik reden hören. Es waren Wendungen und Formen, die man ihm und seinen Freunden abgelernt hatte. Andere, die keinen Beruf dazu hatten, stimmten in den abschreckenden Ton der neuen Kritik ein. Sie gebrauchten deren Stichworte fleißig, gleichviel ob sie passen mochten oder nicht. Eine Wendung der Schlegel vornehmlich ward zur beliebten und stehenden Redensart. Bis zur Religion sollte Alles getrieben werden, nicht allein Kunst und Poesie, sondern zuletzt auch jede Trivialität des gewöhnlichen Lebens. So entstand eine Parteisprache, die für Niemand verdrießlicher war als für Tieck selbst. Das jüngere Geschlecht, das genial und erhaben sein wollte, war um nichts besser als das ältere pedantische. Wieder waren es unwahre Gefühle, nachgesprochene Redensarten, angelernte Gedanken, denen er begegnete.
So ernst seine Stimmung damals war, so regte sich doch bei diesen Wahrnehmungen die humoristische Laune. Die freie Bewegung des Dichters hatte er gegen den alten Schul- und Parteizwang in Schutz genommen, jetzt wollte er auch des jüngern vorlauten und zudringlichen Geschlechts nicht schonen, dem er selbst die Waffen in die Hände gegeben hatte. In Jena hatte er für sein poetisches Journal eine Parodie: „Der neue Hercules am Scheidewege“, geschrieben, in welcher er seinem Unwillen, seiner Verachtung der seichten und unmündigen Bewunderer Luft machte. Er war jener Autor, der am Scheidewege zwischen dem falschen und dem wahren Ruhme steht, und dem sich die verschiedensten Stimmen und Meinungen aus dem Publicum aufdrängen. Das Gegenbild zu den kindischen Huldigungen des Bewunderers gaben die platten Einwürfe des alten Mannes, der als eifriger Vorfechter der alten Schule den Dichter mit der Autorität Lessing’s zu schrecken sucht.
Indessen erhoben sich auch die Gegner. Seit langer Zeit hatten sich infolge der kritischen Neckereien Verdruß und Aerger angesammelt, endlich mußte es zum Ausbruche kommen. Seit ihrem ersten Auftreten als Kritiker und Dichter hatten die Schlegel eine Reihe neuer Ansichten und Behauptungen aufgestellt, die durch Schärfe und Paradoxie reizten. Persönliche Angriffe, die sich damit verbanden, hatten erbittert. Zwei Namen waren es, für deren unbedingte Anerkennung sie kämpften, Goethe und Fichte. Die Beschränktheit und Engherzigkeit der Gegner vermehrte die Misverständnisse, die Furcht vor dem Neuen machte sie um ihre Stellung besorgt, das scharf Ausgesprochene, das Eigenthümliche ward lästig und unbequem.
Seit 1798 war das „Athenäum“ der Träger dieser neuen einschüchternden Kritik. Nur auf eine geringe Zahl von Mitarbeitern beschränkte man sich. Außer den beiden Schlegel hatten Novalis, Schleiermacher, Bernhardi und Hülsen Beiträge gegeben, und sie trafen schonungslos eine nicht unbedeutende Anzahl von Namen, die in der Literatur bisher gegolten hatten.
Am meisten verletzten A. W. Schlegel’s satirische Ausfälle in seinem literarischen „Reichsanzeiger“. Nicht nur Nicolai und Kotzebue, Jenisch und Schmidt von Werneuchen wurden verspottet, auch Kästner, selbst Wieland blieb nicht unangetastet, ebenso wenig als Matthisson und Voß verschont wurden. Wußte man doch, daß Schlegel auch mit Schiller nicht in gutem Vernehmen stehe. Wenn aber die Neuerer Männer, welche einen unleugbaren Einfluß auf die Literatur gehabt hatten, in dieser Weise behandelten, wenn sie Zweifel erhoben, wo man bisher nur zu bewundern gewohnt war, so lag darin für die kleinen Geister kein geringer Trost, dergleichen Mishandlungen nicht allein erfahren zu haben. Nun konnten sie die glänzenden, allgemein anerkannten Namen voranschieben. Eine noch bessere Waffe für die Gegner war die „Lucinde“. Dieser Roman machte durch seinen Cultus der Sinnlichkeit, durch die Zügellosigkeit, welche die sittlichen Schranken durchbrach, auch die Freunde irre, er drohte praktisch in das Leben einzugreifen. Jetzt appellirte man an den Richterstuhl der öffentlichen Moral. Es handelte sich nicht mehr um philosophische oder ästhetische Kritiken und Lehrmeinungen. Auf dies Buch hin glaubte man alle diese jüngern Schriftsteller als eine Sekte gefährlicher Bilderstürmer angreifen zu können.
Tieck hatte sich von dem fachmäßigen Betriebe der literarischen Kritik fern gehalten. Einige übernommene Aufträge für die „Jenaische Literaturzeitung“ hatte er später abgelehnt, und sich bei dem „Athenäum“ nicht betheiligt. Nur in einigen Jahrgängen des berlinischen „Archivs der Zeit“ hatte er die neuesten Musenalmanache besprochen. Somit blieben allein die humoristischen Scherze und Angriffe in seinen Dichtungen übrig. Hier waren viele einzelne Züge von bekannten Persönlichkeiten entlehnt, die meistens Berlin angehörten. Außer Kotzebue, Böttiger und manchem Modeschriftsteller, fand man auch Nicolai, Iffland, Gedike, Biester und Engel wieder. In der Vision „Das jüngste Gericht“, hatte Tieck eingeräumt, sie verspottet zu haben. Dennoch konnte er mit Recht sagen, nicht das Persönliche, sondern das Allgemeine in diesen Charakteren habe er dargestellt. Eine bestimmte Richtung der Zeit hatte er in ihnen angegriffen, den unverbesserlichen Prosaismus geschildert. Nicht als privilegirter Satiriker, nicht als schwerfälliger oder gallsüchtiger Moralist war er aufgetreten, als Dichter hatte er die Waffen des Spiels und der Phantasie gebraucht. In seiner rein humoristischen Laune war er des Vorrechts der Poesie, den Scherz um des Scherzes willen treiben zu können, so gewiß, daß er mit dem besten Gewissen versichern konnte, nichts habe ihm ferner gelegen als persönliches Uebelwollen; die Schuld des Misverständnisses liege zum Theil an dem schwerfälligen Ernste seiner Landsleute, die überall Räthsel suchen und lösen wollten, und nicht im Stande seien, den Scherz ohne irgendeine hinterhaltige Absicht zu denken.
Wirklich war er über die Grenzen des literarisch Erlaubten nicht hinausgegangen. Er sprach nicht von dem moralischen Charakter dieses oder jenes bekannten Mannes, sondern von Zuständen, von Ansichten, die in Büchern offen vor Aller Augen lagen. Wie harmlos seine Angriffe waren konnte ihre Vergleichung mit denen Schlegel’s am besten zeigen. Mit dem kältesten Blute und der ruhigsten Ueberlegung waren diese ausgeführt und mitunter giftig zu nennen.
Ein komischer, aber entschiedener Beweis der schlagenden Kraft seiner Dichtungen war es, wenn Personen sich für angegriffen erklärten, an welche er nicht gedacht hatte, die er kaum kannte. Durch Einiges im „Gestiefelten Kater“ war ein fernstehender Bekannter, der Maler Darbes, verletzt worden. Die eifrigsten und aufrichtigsten Versicherungen des Gegentheils hatten den Zürnenden nicht zu besänftigen vermocht. In schildaischer Weise wollten andere Ueberkluge in dem „Prinzen Zerbino“ den Kriegsrath Zerboni wiedererkennen, der infolge seiner Händel mit dem Minister Hoym als des Jakobinismus verdächtig, zur Untersuchung gezogen und auf die Festung abgeführt worden war. Freilich nur dunkle, aber für den Eingeweihten doch kenntliche Anspielungen auf diese vielbesprochene Tagesgeschichte sollten sich in Tieck’s romantischer Dichtung finden.