Also die Acten über Tieck und seine Dichtungen sind nicht geschlossen, wie oft das auch behauptet worden ist. Es lebt noch Mancher, der über die spätere Zeit auch nach diesem Buche wird berichten können. Dazu aber, daß man ihn in seiner eigenen und vielseitigen Natur kennen lerne, wollen die Erinnerungen beitragen. Von seiner Jugendgeschichte und frühesten Stellung zum damaligen berliner Leben wußte man bisher wenig oder nichts. Sie ist zugleich ein Stück der Geschichte Berlins in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, und der Vaterstadt liegt es ob, nicht allein sein Grab oder das Geburtshaus zu bezeichnen, eine Straße, wie es geschehen, mit seinem Namen zu benennen, oder sein Bild zu errichten, sondern ihn in der deutschen Geisterwelt auf seiner hervorragenden Stelle anzuerkennen. Berlin nennt keinen größern Dichter den seinen.

Hiermit gebe ich dieses Buch aus der Hand, dessen Vollendung mir eine Pflicht der Pietät war, und das einen Theil meines eigenen Lebens enthält. Mir ist am besten bewußt, daß ich nicht Alles zu leisten vermochte, was die Aufgabe erfordert. Niemals bin ich mehr davon durchdrungen gewesen als jetzt, wo mir das edle Bild, in dessen Augen ich so oft geblickt habe, wiederum klar vor der Seele schwebt. Es ist der Uebergang vom unmittelbaren Dasein zur Geschichte, den ich erlebt habe. Wie es zu den erschütterndsten Erfahrungen gehört, das Leben, welches man als ein gegenwärtiges empfunden hat, erblassen, sich auflösen und zur Vergangenheit hinschwinden zu sehen, so ist es die schwerste Probe aller Geschichtschreibung, die Grundzüge desselben im Bilde herzustellen und von neuem zu beleben. Doch in dem Geiste wohnt eine Kraft, die über Mängel und Schwächen hinweghilft. Ich habe das Vertrauen, etwas von jenem frischen Lebenshauche, der die mündlichen Erzählungen durchwehte, werde auch noch in meiner Darstellung fühlbar sein.

So mag denn heute, an demselben Tage, an welchem Tieck vor zweiundachtzig Jahren das Licht der Welt erblickte, der Schlußstein diesem Denkmale eingefügt werden, welches ich auf seinem Grabe zu errichten unternommen habe.

Berlin, am 31. Mai 1855.

Rudolf Köpke.

Erstes Buch.
Jugendbilder.

1773–1792.

1. Das Vaterhaus.