So ist es zu verstehen, wenn ich dieses Buch „Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen“ genannt habe.

Tieck’s Erzählungen waren nicht vollständig, aber durchaus glaubwürdig. Nicht von jedem Lebensabschnitte sprach er mit gleicher Ausführlichkeit und gleichem Behagen. Mit besonderer Vorliebe verweilte er bei dem Knaben- und Jünglingsalter, in allgemeinern Zügen stellte er die spätere Zeit hin. Dort war Alles neu, frisch, glänzend, er selbst noch ein Werdender, den auch der Kampf förderte; hier hatte das Leben eine festere Gestalt gewonnen, und zwanzig Jahre gleichmäßigen Daseins erschienen in der Erinnerung wie der ruhige Fluß mit sanften Ufern, den man still hinabgefahren ist. Manches, was ihn zu tief bewegte, erwähnte er selten, und dann nur mit wenigen Worten, so den Tod seiner Tochter Dorothea; Anderes mochte seinem Gedächtnisse ganz entschwunden sein. Einfach, arglos und edel erscheint er in diesen Erinnerungen; wie über seine Dichtungen, urtheilte er über sich und sein Leben durchaus unbefangen. Welchen Grund hätte er auch haben können vor Zuhörern, deren Beifall oder Misbilligung für ihn eine geringe Bedeutung haben mußte, am Rande des Grabes, in dieser absichtslosen Selbstbetrachtung sich anders darzustellen, als er im Augenblicke sich wirklich erschien? Im Einzelnen blieben sich die Grundzüge der Erzählungen immer gleich, so oft er auch auf denselben Punkt zurückkommen mochte. Führte er Personen redend ein, so geschah es in den Wiederholungen stets mit denselben Worten. Manche kleine Züge finden in den ebenso absichtslosen Aufzeichnungen Anderer eine unerwartete Bestätigung. Von dieser Seite könnte nur der übertriebene Zweifel die historische Treue und Aufrichtigkeit in Frage stellen.

Doch Tieck selbst kannte das eigenthümliche Wesen der historischen Ueberlieferung sehr wohl. Von ihr sagt er in der Einleitung zu seinem Shakspeare-Buche („Ludwig Tieck’s nachgelassene Schriften“, II, 119): „Wenn wir uns nur sichere Rechenschaft geben könnten, daß unser Standpunkt selbst nicht viel bestimmt und richtet, und doch aus unserm Auge die Perspective der Linien und der Luft sich bildet.“ Konnte der Greis die Zustände seines jugendlichen Lebens so wiedergeben, wie sie wirklich waren, oder vielmehr nur so, wie sie ihm nach vielen dazwischenliegenden Wandlungen erschienen, wie er sie aus seinem jetzigen Standpunkte sah? Es ist dieselbe Frage, welche Goethe ebenso tiefsinnig als vorsichtig beantwortete, wenn er auf dem Titel seines Buchs „Aus meinem Leben“ den Zusatz machte: „Wahrheit und Dichtung.“ Schwerlich wird der Mensch sich und die Dinge, bei denen er betheiligt ist, durch ein vollkommen reines Medium zu sehen vermögen; bald wird es zu hell, bald zu dunkel gefärbt sein. Zuerst betrachtet er sie mit Leidenschaft, nachher versteht er seine eigene Leidenschaft nicht mehr. Glücklich, wer im hohen Alter gehaltvolle Erlebnisse mit einem so treuen, durch Lust und Schmerz befestigten Gedächtnisse, mit so viel jugendlichem Feuer und Theilnahme, mit so überzeugender Gegenständlichkeit darzustellen vermag, wie es Tieck in diesen Gesprächen gethan!

Für den Nacherzähler ist es unendlich schwer, solche Mittheilungen ohne den geringsten Verlust an Zuverlässigkeit, doch mit gleicher Frische und Lebendigkeit wiederzugeben. Das Letzte wird kaum Jemand verlangen. Um wie Tieck, wenn auch aus seinem Munde zu erzählen, müßte man Tieck selbst sein. Schon das wörtlich treue Aufzeichnen eines Gesprächs, das vielleicht bei einem Bücherkatalog anfing, und bei der Resignation aufhörte, die ihm der Anfang der Weisheit war, erschien in hohem Grade schwierig. War es doch bisweilen schon, wenn die Hausthür sich schloß, kaum mehr möglich, den Faden wiederaufzufinden, der durch diese verschlungenen Gänge geführt hatte. Zwar hatte sich mir alles Wichtige, oft die Worte selbst wol eingeprägt, aber bei dieser Fülle mußte auch das treueste und willigste Gedächtniß eine gewisse Einbuße erleiden. Und wie sollte dieser Stoff benutzt werden? An Vorbildern fehlte es nicht. Am nächsten lag es, an „Eckermann’s Gespräche mit Goethe“ zu denken. Aber diese Gespräche mit Tieck waren zum großen Theil historische Erinnerungen. Sollte ich jede Unterhaltung unter ihrem Tagesdatum mit dialogischer Treue wiederzugeben versuchen, eine an die andere reihen, um so eine dennoch nur zweifelhafte Authentie herzustellen? Ich konnte mich nicht dazu entschließen. Ich hätte im Dialog als zweite Person neben Tieck treten, ich hätte eine ungeordnete Masse biographischen Materials geben müssen, in dem der Erzähler chronologisch vorwärts und rückwärts ging, Episoden einschaltete, sich häufig unterbrach, durch literarische Kritiken, durch humoristische oder tiefsinnige Beobachtungen, die an das Nächste wie an das Fernste anknüpften. Durch den Geist, mit dem der Sprechende Alles zu durchhauchen wußte, durch Ton und Blick, durch die Dramatik des Vortrags erhielt dieses scheinbar wirre Gewebe einen unendlichen Reiz, um so reizender, je mannichfaltiger es sich verschlang. Wie schwerfällig, wie breit und dennoch dürftig würde sich dies Alles in dem geschriebenen Worte des Nacherzählers dargestellt haben! Es wäre gewesen, was die kalte, harte, farblose Type ist im Vergleiche mit dem bewegten Leben. Man würde mir schließlich gesagt haben, es sei ein schätzbares Material, dessen Verarbeitung zu einem lesbaren Buche eine geschicktere Hand übernehmen müsse. Der Bearbeiter würde sich bald gefunden haben, wahrscheinlich ein solcher, der den vollen Eindruck der Persönlichkeit, wie ich ihn empfangen hatte, nicht besaß, der Tieck vielleicht gar nicht einmal gekannt hätte. Endlich eine Sonderung der Gespräche nach Stoffen wäre einer halben Verarbeitung gleichgekommen, es wäre auch damit nichts gewonnen gewesen.

Es blieb somit nur Eines übrig, den Weg zu gehen, den ich gegangen bin, erfüllt von der lebendigen und dankbaren Erinnerung an den befreundeten Dichter, geleitet von meinen Aufzeichnungen, die Bearbeitung des Stoffs selbst zu übernehmen. Dies empfahl sich umsomehr, da mir außer den mündlichen Mittheilungen Tieck’s noch andere Quellen zu Gebote standen. Ich kannte nach seinen eigenen Angaben die biographischen Bestandtheile der Dichtungen; aus den Briefen ergaben sich manche werthvolle und charakteristische Züge, und zugleich gestaltete sich aus ihnen ein chronologisches Fachwerk, in welches sich die einzelnen Erzählungen mitunter trefflich einfügten; in den letzten vier Jahren seines Lebens hatte ich ihn selbst oft genug gesehen und beobachtet, um seine Eigenthümlichkeit kennen zu lernen. Endlich über manche frühere und spätere Momente war ich im Besitze der glaubwürdigsten Zeugnisse und Notizen, die ich seinen Freunden und den Personen verdankte, die Jahre lang zu seiner nächsten Umgebung gehört hatten. Wenn ich hier von der Unterstützung und Förderung spreche, welche ich durch Andere erfahren, habe ich vor Allen Friedrich von Raumer auf das dankbarste zu nennen, der in der warmen Theilnahme an diesen Erinnerungen die treue Freundschaft, die ihn mit dem Dichter im Leben verband, auch nach dessen Tode bewahrt hat. Ihm verdanke ich die Benutzung seines höchst gehaltreichen Briefwechsels mit Tieck, eine Anzahl Briefe Tieck’s an F. Schlegel, mündliche Ueberlieferungen und Berichtigungen, Rath und Hülfe aller Art, wie sie nur der Freund und historische Augenzeuge zu geben vermag. Für Anderes bin ich einem zweiten ältern Freunde Tieck’s, F. von der Hagen, seinem Neffen G. Waagen, und seinen spätern Freunden Loebell und Carus dankbar verpflichtet. Den beiden Letzten doppelt, da sie mir verstattet haben, ihre Mittheilungen meinem Buche unmittelbar beizufügen. Auch aus diesen Quellen ergab sich eine nicht unbeträchtliche Masse des Stoffs.

Bei der Bearbeitung war es zunächst gerathen, die Gespräche allgemeinen, nicht biographischen Inhalts auszusondern und in einem eigenen Abschnitte zu sammeln. Hier habe ich Tieck’s Worte getreu wiedergegeben, wie ich sie aufgezeichnet und im Gedächtnisse bewahrte. Ich glaube nicht, daß sie durch die Umwandlung des Dialogs in den Monolog, die sich aus dem eingenommenen Standpunkte mit einer gewissen Nothwendigkeit ergab, irgendwie erheblich gelitten haben. Hoffentlich wird das sechste Buch den Reichthum dieser Unterhaltungen wenigstens ahnen lassen. Die Jugendbilder im ersten Buche ruhen ausschließlich auf Tieck’s Erzählungen. Diese bilden auch den Hauptbestandtheil des zweiten, doch kommen hier manche Ergänzungen aus den Briefen hinzu, welche bei der fragmentarischen Beschaffenheit der Erzählungen aus der spätern Zeit im dritten und vierten Buche besonders wichtig wurden. Das fünfte hat sich vorzugsweise aus mündlicher Ueberlieferung und eigener Anschauung ergeben.

Die Darstellung im Einzelnen war durch die verschiedene Natur des Stoffs bedingt. Wenn das eng begrenzte, doch tief bewegte Jugendleben, und das berliner Kleinleben jener Zeit interessiren sollte, so mußte ich es mit vollstem Eingehen, so weit es mir erinnerlich war, zu schildern versuchen, während die spätere Zeit weder nach dem vorliegenden Stoffe, noch ihrem Charakter nach ein gleiches Verfahren erlaubte. Daher die fast novellistische Haltung der ersten, die literarhistorische der letzten Bücher. Ich bemerke ausdrücklich, in jene Bilder ist kein Zug aufgenommen, der nicht von Tieck selbst angedeutet worden wäre; das gilt namentlich durchgehend von den geschilderten Seelenzuständen. Man halte sie nicht für psychologisirende Phantasiegemälde; gerade in dieser Weise pflegte er seine frühesten innern Kämpfe zu schildern. Spätere Darstellungen ähnlicher Zustände sind aus Briefen geschöpft. Wo Personen redend eingeführt sind, gehören ihre Worte Tieck an, ebenso die bisweilen vorkommenden Urtheile über mehr oder minder bekannte Charaktere seiner Jugendzeit. Dagegen die Verbindung des Einzelnen, die chronologische Gruppirung zerstreuter Bestandtheile, die oft nicht leicht war, weil Tieck bei der freien Bewegung des Gesprächs an ein chronologisches Aufreihen am wenigsten dachte, die Sammlung unter leitende Gesichtspunkte, die Herstellung eines historischen Charakterbildes, welches an einigen Stellen in einen fernen Hintergrund blicken läßt und sich zum Zeitbilde erweitert, dies Alles gehört mir ausschließlich an. Also nicht Tieck’s Denkwürdigkeiten, seine Lebensgeschichte gebe ich; ich gebe sie unter der Verantwortlichkeit, wie sie überall dem Geschichtschreiber zufällt, der einen überlieferten Stoff darzustellen versucht. Bei der abweichenden Natur des meinen, schien diese Auseinandersetzung unerläßlich.

Noch ein Wort habe ich zu sagen. Wenn ich eine Charakteristik Tieck’s zu entwerfen versuchte, konnte ich ihn nur so darstellen, wie er mir in einem mehrjährigen Umgange als Mensch, und in seinen Werken als Dichter erschienen war, deren höchste Werthschätzung seit frühen Jahren bei mir feststand, lange vorher, ehe ich eine Ahnung davon hatte, ihm jemals persönlich nahe zu treten. Diese Lebensgeschichte ist somit unbeabsichtigt zu einer literarhistorischen Würdigung und Vertheidigung Tieck’s geworden. „Oder vielmehr zu einer Verherrlichung“, werden Andere hinzusetzen. Ich habe nichts dawider, denn ich bin mir bewußt, meinen Stoff gegeben zu haben, wie ich ihn fand und wie er sich mir darstellte. Immerhin aber wird es gut sein, auch einmal den andern Theil zu hören, nachdem so manches ungerechte und verkehrte Urtheil im Namen der Kritik und der historischen Gerechtigkeit mit der Miene der Unfehlbarkeit über ihn gefällt worden ist. Seine Beurtheiler sind in vielen Fällen Verurtheiler gewesen. Es ist nicht zu viel behauptet, kein anderer großer deutscher Dichter ist härter, undankbarer behandelt worden. Es wäre wol der Mühe werth, eine Galerie der Kritiken zu sammeln, die von der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ bis auf die „Halleschen Jahrbücher“ über ihn erschienen sind, und bis auf den Augenblick, wo die Feuilletonisten ihm die Grabrede gehalten haben. Haben doch manche Kritiker erst durch seinen Tod die beruhigende Ueberzeugung gewonnen, daß nunmehr auch die Romantik wirklich todt und völlig überwunden sei!

Ein ähnlicher Ton wird in vielen Literaturgeschichten, berühmten und unberühmten, angeschlagen. Während es bei andern Dichtern eine Pflicht ist, von der man nicht gern abweicht, die Anerkennung der Kritik, das Positive dem Negativen vorangehen zu lassen, ist bei Tieck die umgekehrte Praxis zur Regel geworden. Man beginnt mit dem Tadel, man entwickelt, wie seine Richtung von Hause aus eine falsche gewesen sei, Mängel und Schwächen werden ausgemalt, bald gibt er zu viel, bald zu wenig, endlich läßt man unter neuen Clauseln eine halbe Anerkennung schmollend hinterherhinken. Den Dichterischen ist er zu kritisch, den Kritischen zu dichterisch, den Protestanten zu katholisch, den Katholiken zu protestantisch, den Aufgeklärten seiner Jugend zu religiös, den Frommen seines Alters zu aufgeklärt, den Liberalen galt er für servil, den Legitimen für einen Oppositionsmann. Sehr Wenigen hat er es recht machen können. Man sage nicht, in der Einstimmigkeit der verschiedensten Kritiker liege der Beweis für die Richtigkeit des Urtheils. Gerade die gleichlautende Verwerfung durch entgegengesetzte extreme Meinungen kann die Anerkennung enthalten.

Und woher diese auffallende Erscheinung? Ihr Grund ist nicht schwer aufzufinden. In einer von heftigen Parteikämpfen bewegten Zeit wollte er als Dichter frei bleiben, er wollte festhalten an der Poesie, die in keines Herrn äußerm Dienste steht; er verschmähte es, ein geläufiges Stichwort zu gebrauchen, um damit Anhänger und Bewunderer zu werben. „Und so fühle ich“, schreibt er im Jahre 1816 an Solger, „daß bei uns immer Alles, was ich das Rechte nennen möchte, sei es in Philosophie, Kunst oder Religion, als ein Eremit wohnt, dessen Pflicht es ist, keiner Gemeinde anzugehören“ („Solger’s nachgelassene Schriften“, I, 392). Man hätte ihm Manches verziehen, wenn er nur zu irgendeiner Fahne geschworen hätte, aber unabhängig sein, und dennoch mitreden zu wollen, das konnten Parteien, Schulen und Sekten nicht ertragen. Darum haben sie ihn schließlich selbst zu einem Parteihaupte gemacht. Er ist stets er selbst geblieben, und wie man sich auch anstellen möge, weiter als sich selbst hervorzubringen, bringt es am Ende kein Mensch, sagt der Altmeister.