Diese Aufgabe hat sich das folgende Lebensbild gestellt. Freilich sind ihm sehr fühlbare Schranken gesetzt, innerhalb deren es sich halten muß. Nicht etwa durch das, was ich von meiner Kenntniß Tieck’s zurückzuhalten hätte, dessen ist nur wenig, und dieses Wenige nicht eben erheblich; vielmehr sind es die Lücken dieser Kenntniß selbst, welche sich bemerklich machen. Die Grundlage der gegebenen Darstellung ist eine Reihe gelegentlicher mündlicher Mittheilungen Tieck’s, auf deren Vervollständigung aus andern Quellen, wenigstens für die frühern Abschnitte seines Lebens, nicht mehr zu rechnen ist. Es lebt Niemand mehr, der von Tieck’s Jugend, seinem Bildungsgange und ersten Eintritt in die Literatur aus eigener Erfahrung Kunde hätte; die Wenigen, welche von der Zeit der romantischen Dichtungen zu sagen wissen, lassen sich mit Namen aufzählen; in den Denkwürdigkeiten älterer Zeitgenossen erscheint er nur vorübergehend, und auch diese Andeutungen reichen kaum über den Aufenthalt in Jena zurück. Einige Mal erwähnt seiner Goethe in Briefen, Jahresheften, Kritiken und Gesprächen, dann Schiller, Fichte, F. Schlegel, Gries, Körner, Philipp Otto Runge, Solger, dieser allerdings ausführlich, Bettina in ihren Briefen, Steffens, Laun, Oehlenschläger, der Schauspieler Lange, Karl Förster, Carus, Holtei, Strombeck und Immermann in ihren Denkwürdigkeiten und Tagebüchern. Die letzten Fünf kannten ihn in der dresdener Zeit, die Andern begegneten ihm früher, doch fast alle erst in dem Lebensabschnitte zwischen Jena und Dresden. Zahlreicher sind die Berichte literarischer Touristen über einzelne Besuche bei Tieck und oberflächliche Berührungen mit ihm; sie gehören sämmtlich der spätern Zeit an. Nach diesen Angaben ein Bild zu entwerfen, ist nicht möglich; wer es dennoch unternehmen wollte, würde kaum einen matten Umriß erhalten.

Was Tieck’s Freunde so oft mit Bedauern ausgesprochen haben, kann auch hier nur wiederholt werden: er selbst hat keine Denkwürdigkeiten hinterlassen. Und warum gerade er nicht, in einer Zeit, die so manches Buch dieser Art aufzuweisen hat, in dem Vieles breit erzählt wird, was kaum des Erlebens, geschweige denn des Andenkens werth war? Warum er nicht, bei seiner Schärfe und Feinheit der Beobachtung, bei dieser Meisterschaft der Charakteristik und Erzählung? Die Antwort auf diese Frage liegt in seiner eigensten Natur, in der Verkettung von Umständen, die manche seiner liebsten Pläne über die ersten Versuche der Ausführung nicht hinauskommen ließ. Er war durchaus frei von der eiteln Absichtlichkeit, die von Allem, was sie thut, auch von dem Kleinsten, der Welt glaubt Rechenschaft schuldig zu sein, die spricht, um von sich zu schreiben, und schreibt, um von sich sprechen zu machen. Solange er noch dichterisch schuf, und mit jeder neuen Erfahrung immer neue Gestalten in ihm aufstiegen, solange er mit zahlreichen Freunden in ununterbrochenem geistigen Austausche stand, war ihm die Gegenwart viel zu gehaltvoll und wichtig, als daß er von der Vergangenheit hätte ausführlich sprechen sollen. Dafür hatte er noch keine Ruhe gewonnen. Aeltere Freunde bezeugen, daß er in der frühern Zeit in Dresden nur selten, und zufälliger Veranlassung oder dringender Aufforderung folgend, auf seine jüngern Jahre zurückgekommen sei, und auch dann meistens nur kurz, ohne in genauere Schilderungen einzugehen. Er war darin vielleicht zu sorglos.

Dennoch konnten Anregungen, über einzelne Lebensabschnitte zu sprechen, nicht ausbleiben. Die nächste lag in seiner Dichtung selbst. Die Novellen enthielten überall Erlebtes, sie wurden mitunter zu persönlichen Bekenntnissen; die Gespräche im „Phantasus“, ein Theil der lyrischen Gedichte waren reich an einzelnen Zügen aus seinem Leben. Aber man mußte damit bereits vertraut sein, um die Denkwürdigkeiten in dieser Gestalt zu erkennen. Auch der Briefwechsel mit Solger, den er mit dessen Nachlaß herausgegeben hatte, enthielt manches merkwürdige Zeugniß über seinen Bildungsgang. Endlich begann er seine Schriften zu sammeln, eine Durchsicht derselben und ein Rückblick auf die Vergangenheit ward nothwendig. Zu manchen hatte er sich öffentlich nie bekannt, andere waren verschollen, andere gemisdeutet worden. Von einer Gesammtausgabe der Dichtungen ließ sich die Pflicht über ihre Entstehung, d. h. über einzelne wichtige Punkte seines Lebens Erläuterungen zu geben, kaum trennen. In den Jahren 1828 und 1829 schrieb er daher die Einleitungen zu dem ersten, sechsten und elften Bande der Schriften, die auch in dieser fragmentarischen Form für Theile seiner Denkwürdigkeiten gelten können. Nur sind sie mehr literarisch als rein historisch, sie schließen sich der aufgestellten Reihenfolge der Schriften an, welche nicht die chronologische ist, man bewegt sich daher mehr im Kreise, als daß man auf der geraden Linie der Lebensentwickelung fortschritte.

Nachdem Tieck das sechzigste Jahr zurückgelegt hatte, scheint ihm der Gedanke, sein Leben zum Gegenstande besonderer Darstellung zu machen, zum ersten Male näher getreten zu sein. Die früheste Andeutung findet sich 1838 in einem Briefe an seinen Bruder, den er auffordert, zu diesem Zwecke die Erinnerungen ihrer Kindheit und der spätern Jahre zu sammeln, und ihm die darauf bezüglichen Notizen zu übersenden. Die schiefen und einseitigen Urtheile, die er zu allen Zeiten erfahren hatte, die böswilligen Verdächtigungen, die abgeschmackten Märchen, die nicht ohne Erfolg über ihn in Umlauf gebracht worden waren, wollte er durch eine einfache Darstellung des Thatsächlichen widerlegen. Leider kam es nicht dazu, nicht einmal zu einer vorläufigen Sammlung des Stoffs für eine spätere Bearbeitung. Die ihm auch damals noch näherstehende dichterische Production, häusliches Unglück, Krankheit, der Wechsel des Wohnsitzes und altgewohnter Verhältnisse, Mangel an Entschluß traten hemmend entgegen. Dennoch lag ihm dieser Plan bis in die letzten Jahre am Herzen. Immer noch hoffte er auf den Augenblick, wo er sich kräftiger fühlen werde, und zur Ausführung schreiten könne. Früher als dieser Augenblick ist der Tod gekommen.

Zum Glück reicht Tieck’s Wort über das Grab hinaus. Er hinterließ ein Vermächtniß, das wenigstens einen theilweisen Ersatz gewährt. Mag dieser immerhin dürftig und mangelhaft erscheinen im Vergleiche mit dem, was Tieck selbst hätte geben können; er wird beachtenswerth, wenn man darin die Reste eines unwiderbringlich verlorenen Reichthums sieht.

Hier ist der Punkt, wo die eigenthümliche Beschaffenheit des Stoffs, der in diesem Buche niedergelegt ist, von meinen persönlichen Beziehungen zu Tieck zu reden gebietet.

Im Anfange des Mai 1849 hatte ich das Glück, ihn zum ersten Male zu sehen. Mit allgemeiner Spannung blickte man in diesen Tagen auf den Ausgang des revolutionären Kampfes in Dresden; die gemeinsame Theilnahme für dortige Zustände hatte mich zu ihm geführt. Die außerordentlichen Verhältnisse erleichterten die Bekanntschaft; man hatte damals das Bedürfniß, über gewisse Punkte, namentlich über die politischen Tagesfragen sich in der Kürze zu verständigen, und so erfolgte auch hier die Annäherung leicht. Mehr noch that Tieck’s wohlwollendes Entgegenkommen. Ich habe erfahren, was Alle erfahren haben, die ihm ohne vorgefaßte Meinung und ohne Ansprüche genaht sind. Seine edle Natürlichkeit und Unbefangenheit, die vollkommene Freiheit von Allem, was falscher Würde ähnlich sah, oder der Absicht, ein Uebergewicht fühlbar zu machen, seine Wahrheit und reine Güte, der einfache und geistig befreiende Ton seines Gesprächs, Alles trug dazu bei, die Fesseln der Zurückhaltung, durch die der Unbekannte dem berühmten Manne gegenüber sich leicht gehemmt fühlt, bald zu lösen. Aus den ersten Berührungen erwuchs ein Verkehr, der bis zu seinem Tode ohne Unterbrechung fortgesetzt wurde, der mich vier Jahre hindurch wöchentlich mehrere Male, zuletzt fast täglich, oft Stunden lang in sein Haus führte. Als die politische Spannung sich gelegt hatte, traten in der Unterhaltung immer mehr die Gedanken und Gegenstände hervor, welche die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatten, und auch jetzt noch seine wärmste Theilnahme besaßen. Es waren Dichtung und Literatur, die heimische wie die fremde, die vergangene wie die gegenwärtige, das Verständniß und die Kritik der Dichter und ihrer Werke, die Kunst, die Wissenschaft, und alle große Fragen, die vom Tage nicht abhängen, und stets neu erscheinen, weil sie uralt sind.

Bald nahmen diese Gespräche noch einen andern Charakter an. Unbemerkt gewannen sie die Farbe historischer Erinnerungen, deren Mittelpunkt Tieck selbst war. Zufällige Veranlassungen, naheliegende Erörterungen der Novellen oder der ältern Dichtungen leiteten zuerst darauf hin, einzelne Züge in leichten Andeutungen oder humoristischen Anekdoten mitzutheilen. Allmälig gestalteten sich diese Umrisse zu festern Bildern, besonders seit er die tödtliche Krankheit im Frühjahr 1851 noch einmal überwunden hatte. Jetzt wurden ihm diese Rückblicke auf die frühere Zeit fast zum Bedürfniß, und die mündliche Erzählung vor Zuhörern, von deren aufrichtigster Theilnahme er überzeugt sein konnte, ersetzte seinem Gefühle wenigstens entfernt, was ihm eine Aufzeichnung der Erinnerungen gewesen wäre. Absichtslos, wie Stimmung und Gedächtniß den Stoff zuführten, hatte er zuerst einzelne Punkte aus seinem Leben besprochen, nun begann er auf Ergänzung und Abrundung, und nach manchen Seiten hin auf eine gewisse Vollständigkeit zu denken. Endlich hatte er in mannichfach verschlungenen Episoden eine Reihe von Bildern aus seiner Jugendzeit, seiner Aeltern und Lehrer, Gefährten und Freunde, seiner innern Kämpfe, seiner Verbindungen mit den Dichtern des vorigen und des gegenwärtigen Jahrhunderts gegeben. Es waren gesprochene Novellen, ein unendlich reiches Leben entfaltete sich in ihnen, und wie überall bei ihm paarte sich auch hier der anmuthig spielende Scherz mit dem tiefen Ernste.

Wer den Zauber der Rede Tieck’s jemals selbst erfahren hat, wird es erklärlich finden, daß im Genusse des Augenblicks die schriftliche Aufzeichnung dieser Gespräche nicht der nächste Gedanke war. Doch gemahnt durch die wiederkehrende Todesgefahr, entschloß ich mich noch zu rechter Zeit zu dem schweren Versuche, der jetzt zur historischen Pflicht ward. Während der letzten zwei Lebensjahre Tieck’s habe ich alle wichtigen Unterhaltungen mit ihm aufgezeichnet, und es wird kaum einen bedeutendern Punkt geben, der in dieser Zeit nicht wiederholt zur Sprache gekommen wäre. Ich darf behaupten, daß durch den spätern Beginn der Aufzeichnung am Stoff nichts Wesentliches verloren gegangen ist. Auf Tieck’s Erzählungen selbst hat sie keinen Einfluß gehabt, er wußte nichts davon, der Gedanke einer künftigen Veröffentlichung dieser Gespräche lag ihm bis kurze Zeit vor seinem Tode fern. Sie waren durchaus unbefangen; von einer Absicht, einem bewußten Vorbereiten oder Zurechtmachen ist nie die Rede gewesen. Aber darum entbehren diese Erinnerungen nicht der Autorisation. Als ich mir im April 1853 die wachsende Todesgefahr nicht länger verhehlen konnte, ward es Pflicht, ihm eine vollständige Mittheilung über die niedergeschriebenen Notizen zu machen. Ich sagte ihm, daß ich diese kleinsten Theile seines Lebens aufgelesen und gesammelt hätte. Lächelnd erwiderte er: „Das freut mich zu hören. Sie sind ein wahrhafter Mann, und werden es so wiedererzählen, wie ich es Ihnen gesagt habe. Es werden dadurch viele Lügen widerlegt werden, die über mich in Umlauf gekommen sind.“ In diesen Worten liegt die Berechtigung der folgenden Darstellung. Ich habe sie als einen letzten Willen, als ein Vermächtniß angesehen, dessen Vollziehung für mich nicht allein zur Pflicht der Pietät, sondern auch der historischen Gerechtigkeit ward. So faßte er es selbst auf, und schloß die Augen in der Zuversicht, daß diese Erinnerungen ein Bild seines Lebens geben würden, wenn er selbst auch über diesen letzten Wunsch hinweggehoben sei.

Schon früher hatte Tieck die mündlichen Erzählungen in anderer Weise ergänzt. Lange beschäftigte ihn der Gedanke, eine Auswahl des reichhaltigen Briefwechsels herauszugeben, in dem er während eines langen literarischen Lebens mit den verschiedensten Männern gestanden hatte. Diese Sammlung, soweit sie ihn persönlich betrifft, beginnt mit dem Jahre 1792 und enthält der großen Mehrzahl nach Briefe, die an ihn gerichtet sind. In chronologischer Reihenfolge theilte er mir die einzelnen Bände mit zur Durchsicht und vorläufigen Bezeichnung des etwa Auszuwählenden. An jeden wichtigen Brief knüpften sich Erläuterungen und häufig neue Erzählungen. Dies war in den Wintermonaten von 1852 auf 1853. Als ich den letzten Band zurückzugeben kam, war er wenige Stunden zuvor gestorben.