Zunächst beschloß Tieck, mit der Schwester nach München zu reisen, wo man dem ersehnten Lande des Südens soviel näher war. Hier verschlimmerte sich ihr Zustand seit dem Herbste 1804. Ihr Leben war in Gefahr, eine weitere Reise unmöglich; man mußte sich, so gut es gehen wollte, heimisch zu machen suchen.

Manche Bekanntschaft ward indeß angeknüpft, mit Radlof, dem wunderlichen Sprachforscher, mit Sailer, dem frommen Bischofe, endlich mit Franz Baader, der für Tieck durch seine theosophische Weisheit der Merkwürdigste war.

Als er den Philosophen zum ersten Male aufsuchen wollte, führte ihn der Zufall irre; statt zu Baader kam er zu Babo, der als Verfasser des „Otto von Wittelsbach“ damals der Bekanntere war. Früher würde ihm der Mann anziehender gewesen sein als jetzt. Er fand den Schriftsteller mitten unter den Apparaten für seine ritterlichen Dramen sitzend. An den Wänden des Zimmers hingen Waffen des Mittelalters. Nach einem gleichgültigen Gespräche verließ er ihn, um den rechten Baader zu suchen.

Selten mag Jemand ein größeres Talent für die augenblickliche Rede besessen haben als Baader, und niemals trat es glänzender hervor, als wenn es Gegenstände tiefsinniger Wissenschaft, der Religion, der Philosophie betraf. Unaufhaltsam flossen dann seine Worte, jeden Einwurf brachte er zum Schweigen, die Gewalt seiner Ueberredung riß mit sich fort. Das nächste Thema, was beiden am Herzen lag, war Jakob Böhme. In einem dreistündigen Monologe ergoß sich Baader; die Unterhaltung hörte auf. Alles Verwandte aus andern Mystikern, was er sonst über sie gelesen hatte, war ihm gegenwärtig. Er zeigte eine umfassende Gelehrsamkeit in dieser Literatur, und Fülle der Gedanken, mystischen Tiefsinn. Doch war es selbst für Tieck’s damalige Ansichten des Geheimnisses, der orakelmäßigen Dunkelheit zu viel. Er vermochte ihm in die verschlungenen Gänge seiner Speculation nicht zu folgen. Später zeigten sich auch Schwächen, Widersprüche und Sonderbarkeiten. Er war ein erregbarer, schwer zu fassender Charakter, der oft unerklärlichen Einflüssen unterlag. Philosophischer Tiefsinn und Aberglaube, Haß und Liebe verbanden und durchkreuzten sich.

Größere persönliche Wichtigkeit erhielt die Freundschaft mit Rumohr. Im Frühjahr 1805 kam dieser nach München. Enthusiastisch, rasch wechselnd in Gefühlen und Ansichten, schwankte er, weniger unentschlossen als zu lebhaft erregt, stets zwischen entgegengesetzten Richtungen. Doch für das Studium der Kunst und ihrer Geschichte hatte sich sein Talent bereits entschieden. Tieck’s Dichtungen kannte er, und als er dessen Anwesenheit in München erfuhr, eilte er ihn zu sehen. In der Begeisterung für die deutsche Kunst begegneten sie sich. Beim Abschiede schenkte ihm Rumohr als erstes Zeichen der neuen Freundschaft ein Bild Albrecht Dürer’s in altem Holzdruck.

Bei wiederholten Besuchen glaubte Tieck zu erkennen, daß auch Rumohr sich in gedrückter Stimmung befinde. Endlich erfuhr er, sein neugewonnener Freund sei im Augenblicke in nicht geringer Verlegenheit. Er habe die Heimat verlassen, um katholisch zu werden und in ein Kloster zu gehen, da er der Welt überdrüssig sei; in einem zurückgelassenen Briefe habe er dies den Seinigen angezeigt. Diese schienen sich in Folge dessen von ihm losgesagt zu haben, und er sei für jetzt mittellos. Den raschgefaßten Entschluß mochte er schon bereuen, denn er ließ sich von Tieck, der zu helfen versprach, soweit er es vermöge, bereden, durch einen versöhnenden Brief an seine Familie den Frieden herzustellen. Auch er war ein unberechenbarer Charakter. Ein Gedanke, ein Gefühl beherrschte ihn stets ausschließlich. Dann gab es für ihn kein zweites. Er schien nie anders gewesen zu sein, nie anders sein zu können. Doch eine unscheinbare Veranlassung reichte hin, ihn in die entgegengesetzte Stimmung hineinzuwerfen, und es wiederholte sich auf der andern Seite dieselbe Erscheinung. Er war gutmüthig, liebenswürdig, aufopfernd; dann plötzlich kalt, fremd, abstoßend. Es war nicht mehr derselbe Mensch. Er war bescheiden und anmaßend, nachgiebig und hochfahrend, wankelmüthig und eigensinnig, Cyniker und Elegant, Demokrat und Aristokrat zugleich. Gegen Tieck zeigte er die freundschaftlichste Ergebenheit, und bald fand er Gelegenheit, sie durch die That zu bewähren.

Noch war Tieck’s Schwester nicht hergestellt, als er selbst lebensgefährlich erkrankte. Die Gicht, die ihn seit Jena heimsuchte, trat mit nicht gekannter Heftigkeit auf. Wahrscheinlich hatte schon früher eine äußere Veranlassung die Krankheit vollständig entwickelt. Ohne ein Jagdliebhaber zu sein, hatte er einmal an einer Entenjagd Theil genommen. Mit durchnäßten Kleidern mußte er sich dem Zugwinde aussetzen; auf dem Leibe waren sie ihm getrocknet. In den verschiedensten Gestalten erschien jetzt die Krankheit, bald als reißender Gliederschmerz, bald warf sie sich auf die innern Theile.

Auch der Gesundheitszustand der Schwester verschlimmerte sich. Es hieß, nur in Italien werde sie Rettung finden, sobald irgend thunlich, sollte sie abreisen. Er selbst stimmte diesem Rathe bei. Man hatte den jüngern Bruder gebeten, ebenfalls nach München zu kommen. In dieser Hoffnung trat die Schwester die Reise an.

Jetzt nahm sich Rumohr, der mit Tieck zusammenwohnte, des Kranken mit unermüdlicher Sorgfalt an. Nicht Tag, nicht Nacht wich er von seinem Lager, er schaffte herbei, was ihm Erleichterung gewähren konnte, er bewachte und pflegte ihn mit der Treue eines Bruders. Tieck litt wie noch nie. Des Gebrauchs der Glieder war er beraubt, Schmerzen, Fieberhitze, die furchtbarsten Träume quälten ihn unablässig. Die ganze Gewalt seiner Phantasie war entfesselt. Mit zerschlagenen Gliedern, als Leiche sah er sich auf weitem Schlachtfelde, in tausendfacher, grausiger Wiederholung.

Sein Arzt war ein Brownianer, und behandelte ihn mit den stärksten Mitteln. Während den Kranken ein unauslöschlicher Durst quälte, war ihm jedes Getränk auf das strengste untersagt. Seinen lauten Klagen setzte der Arzt die Forderung der Geduld und die Vertröstung auf einen baldigen bessern Erfolg entgegen. Aber er lechzte nach einem Tropfen Wasser, er sah und träumte nichts als kühlende Getränke, Citronen und Orangen. Endlich beschloß er, der Sache auf eigene Hand ein Ende zu machen. Eines Morgens ließ er sich ein großes Glas frischen Wassers bringen, eine Limonade mußte bereitet werden. Mit unersättlicher Gier trank er in wenigen Zügen die ganze Masse aus. Ein solcher Trank konnte nicht ohne Wirkung bleiben; er fing an sich leichter, ruhiger zu fühlen. Als der Arzt erschien und seinen Zustand sah, verkündete er mit triumphirender Miene, das sei der verheißene Erfolg seines Systems. Das war dem Kranken zu viel. Nicht ohne Ingrimm erzählte er, nicht seinem Systeme, sondern der Limonade verdanke er die Erleichterung. Voll Verwunderung meinte der Arzt jetzt, in Folge der Menge genossenen Wassers hätte er eigentlich den Tod haben müssen, worauf ihm Tieck andeutete, daß er nach solchen Erfahrungen auf seinen fernern Rath mit Vergnügen verzichte.