Trotz der Schmerzen erwachte doch die Sehnsucht nach literarischer Beschäftigung. Zuerst nahm er die altdeutschen Studien wieder auf. Schon früher war er von den Minnesängern zu den Nibelungen übergegangen, er hatte sie eifrig gelesen und sich an den nationalen Heldengestalten gestärkt. Mit A. W. Schlegel war mancher Brief darüber gewechselt worden. Bei vorschreitendem Studium zog er die nordischen Poesien, die Edda, die Wilkinasage in seinen Kreis. Zuletzt war ihm der Gedanke entstanden, auch dieses Heldenlied nachzudichten. Da er Lücken zu entdecken glaubte, beschloß er nach Anleitung der verwandten Sagen zu ergänzen und abzurunden. In erneuter Gestalt sollte das alte Volksgedicht erscheinen. Schon im Winter 1804 las er in Ziebingen die ersten Proben dieser Umarbeitung dem Grafen Finkenstein vor. In München hatte er die Schätze der Bibliothek benutzt. Von dem schlechten Abdrucke bei Müller war er auf die dortige Handschrift zurückgegangen, und erkannte nun die strophische Form, auf welche A. W. Schlegel schon früher aufmerksam gemacht hatte. In der Genesung begann er die Arbeit von neuem. Noch war er zu schwach, die Feder selbst zu führen, seine Hand war gelähmt. Daher übernahm es Rumohr, nach seinem Dictate die Verse niederzuschreiben.

Aus den Unterhaltungen mit diesem ergab sich für ihn ein neuer Stoff. Viel und eifrig beschäftigte sich Rumohr mit italienischer Literatur, besonders mit der ältern Novelle. In Bandello’s Sammlung fand er eine Erzählung, die ihn anzog; sie behandelte die Geschichte Balduin’s, des ersten lateinischen Kaisers von Konstantinopel. Unter dem Titel „Der griechische Kaiser oder die hochgehängte Hoffart“ wollte er sie in Versen bearbeiten. Aber abspringend, wie er war, ward er bald des Dinges überdrüssig; dagegen fing Tieck an, diesen Stoff zu gestalten. Zuerst wollte er ihn in der Weise der spanischen Dramen darstellen. Indeß auch er kam in seinem krankhaften Zustande zu keinem bestimmten Ergebnisse, und dieser Plan blieb liegen, bis er dreißig Jahre später in ganz anderer Gestalt in der bekannten Novelle zur Ausführung kam.

Endlich traf Friedrich Tieck in München ein, und übernahm die Sorge für den Kranken, der allmälig zu genesen begann.

Jetzt trat auch der Gedanke, der Schwester nach Italien zu folgen, in den Vordergrund. Die Aerzte verordneten den Gebrauch der Bäder von Pisa, und verhießen Herstellung unter dem lauen italienischen Himmel. Längst waren Friedrich Tieck’s sehnlichste Wünsche dahin gegangen. Auch Rumohr, der den Plan mit Eifer ergriff, hoffte seine Kunststudien dort fortzusetzen. Auf seinen Betrieb gesellten sich die Gebrüder Riepenhausen, als Zeichner und Maler bekannt, zu ihnen. Eine vollständige Reisegesellschaft hatte sich zusammengefunden.

Aber unvermuthet schlug es bei Rumohr um. Er, der die Sache am eifrigsten betrieben hatte, erhob allerlei Einwendungen. Die neugeworbenen Reisegefährten misfielen ihm, er zeigte sich verletzt und empfindlich, und erklärte endlich, zur Reise jetzt keine Zeit zu haben. Längst habe er gewünscht, gründlich Hebräisch zu lernen, es biete sich nun eine treffliche Gelegenheit dar, die er nicht dürfe vorübergehen lassen; er habe einen gelehrten alten Juden kennen gelernt, der bereit sei, ihn zu unterrichten. Nun beschloß Friedrich Tieck, den Reiseplan um jeden Preis zu retten. Er besaß die Gabe eines nachdrücklichen Freimuths, der, wo es erforderlich war, in die offenste Grobheit übergehen konnte. Mit der ganzen Kraft dieser Beredtsamkeit setzte er Rumohr auseinander, wie es seine Pflicht sei, bei der getroffenen Verabredung zu bleiben, wie er sich überhaupt ändern müsse, wenn er sich durch sein unstetes, abspringendes Wesen nicht zu Grunde richten wolle. Auf diese Ermahnungen ging Rumohr wirklich in sich. Endlich waren alle Vorbereitungen glücklich beendet, und im Sommer 1805 brachen sie nach dem gelobten Lande auf, in dem sie Kunst, Heilung und Frieden zu finden hofften.

6. Der italienische Himmel.

Ihr Weg führte sie durch Tirol nach Trient, dann nach Verona, dessen Mauern schon die reichsten Erinnerungen einschlossen. Hier war die große Arena. In einem armseligen Ausschnitte, der mit Bretern abgeschlagen war, sahen sie Werther’s und Lottens Geschichte, die zum italienischen Familienstücke umgewandelt war, unter reichlichem Thränenergusse der Zuschauer darstellen. Sie sahen die prächtigen Denkmäler der Scaliger und den dürftigen Stein, welchen man als Julia’s Grab zeigt. Dann gingen sie über Mantua nach Florenz. Der Gebrauch der Bäder in Pisa mußte aufgegeben werden, da man den Aufenthalt daselbst in der heißen Jahreszeit allgemein widerrieth. Endlich betraten sie Rom. Tieck war in jener ewigen Stadt, wo die Strömungen des christlichen und antiken Lebens zu einem gewaltigen Weltstrome sich verbinden!

In Begleitung des Bruders und ergebener Freunde war er gekommen, die Schwester und andere Freunde sollte er finden; unter diesem Himmel war ihm Genesung verheißen, nach dieser Natur, nach diesen Kunstwerken hatten alle Wünsche hingedrängt, wie hatte er sich gesehnt, aus dieser Quelle des Lebens den heißen Durst zu löschen! Hier, so schien es, wenn irgendwo auf der Erde, mußte er finden, was er suchte. Noch auf der Reise hatte er mit heftigen Anfällen der Krankheit gekämpft und einige Male gefürchtet, zurückbleiben zu müssen.

Die Wohnung, welche er am Monte-Cavallo bezog, trug den heitern italienischen Charakter. Schon der Blick aus dem Fenster auf den kleinen Garten vor der Thür, wo zwischen Orangen- und Citronenbäumen friedlich und still zwei Springbrunnen rauschten, erquickte ihn. Wie anders war es hier, als unter den Kiefern der Heimat! Aber er war derselbe mit seiner Krankheit und seinem Grame. Hier im Lande seiner Sehnsucht, mitten in dem Reichthume dieses Lebens, ergriff ihn wieder ein schmerzliches Heimweh nach dem dürftigen und geschmähten Boden, an dem dennoch sein Herz hing, und auf dem so Vieles lebte, was ihm theuer war.