So ward ihm auch die erste Zeit in Rom zu einer unendlich traurigen. Mit Schmerzen ringend, schlich er am Stocke durch die Straßen, über die Plätze. Oft trat die Gicht in den Arm, in die Hand, welche, auf dem Stocke ruhend, die ganze Wucht des schweren und hinfälligen Körpers zu tragen hatte. Durch die Eindrücke, welche er erhielt, wurden ihm diese mühseligen Spaziergänge zur zwiefachen Qual. In den Straßen Roms kehrten ihm die angstvollen Empfindungen seiner Jugend wieder. Wenn er zwischen den Palästen und Ruinen hinging, von denen er oft geträumt hatte, und sich sagte, jetzt stehe er auf dem Boden Roms, wenn er auf sich und seine Hülflosigkeit sah, wie die Last der Krankheit ihn zu Boden drückte, dann erfaßte ihn eine unnennbare Angst, ein Entsetzen vor sich selbst, vor den Dingen, die ihn umgaben. Fremd, gespenstisch, traumartig erschienen sie. Alles verkehrte sich. Seine Jugend mit ihrer Sehnsucht war die Wirklichkeit, die Gegenwart ein Traum, aus dem er vergeblich zu erwachen rang. Mußte er so hier erscheinen, gebrochen, das Herz von Gram erfüllt, er, der einst kräftige, begeisterte Jüngling? War er es wirklich? Schadenfroh erhob sich aus seinem Innern eine Stimme: „Was du einst so inbrünstig gewünscht hast, ist dir jetzt zu deiner Pein gewährt.“
Qualvoller noch waren die Nächte, wenn er umsonst die Augen schloß, und der Schmerz ihn wach erhielt, bis der Morgen graute. Da murmelten die Springbrunnen so traurig, und in das Rauschen des Windes hallten eintönig klagend die Glocken der nahen Klöster hinein. Es war die schwermüthige Begleitung seiner trüben Gedanken. Jeder alte Gram stieg wieder in seinem Herzen auf, und er ward ihm von neuem zur Beute. Oft brach er in heiße Thränen aus, die doch keine Linderung brachten. War er endlich eingeschlafen, so begann eine neue schrecklichere Qual. Die gräßlichsten Bilder kamen ihm in seinen Träumen. Sie verfolgten ihn am Tage; er wagte nicht daran zu denken, noch weniger davon zu sprechen, und doch standen sie vor ihm und wichen keinem Wechsel der Gegenstände. So begann sein Tag und endete mit Schmerzen; Furcht und Entsetzen lösten einander ab, er schien gekommen um ganz elend zu werden. Und dieser grauenhafte Zustand dauerte Wochen, Monate lang.
Genesung sollte er unter dem italienischen Himmel finden! Und er fand sie trotz jener furchtbaren Angst, die ihn wieder bis zum Wahnsinn fortzureißen drohte. Seine ursprünglich starke Natur arbeitete sich durch Krankheit und Schwermuth durch. Dazu that die italienische Sonne das Ihre; allmälig erweckte sie die gesunkene Lebenskraft. Instinctmäßig suchte er sonnige Plätze und Straßen auf. Stunden lang setzte er sich mit Behagen den vollen Sonnenstrahlen aus, und ließ sich durchwärmen, niemals konnte es ihm zu heiß sein. Mit Verwunderung sahen selbst Römer dem kranken Spaziergänger nach, der an der Spanischen Treppe in der Mittagssonne unermüdlich auf- und niederging. Diese Cur schlug endlich an.
Mit der allmäligen Befreiung kehrte die Theilnahme am Leben wieder. Sein Auge, das der Schmerz geschlossen hatte, öffnete sich der großen Gegenwart, die ihn umgab. Jetzt erst sah er im Vatican die Werke Rafael’s, und alle Denkmale, zu denen er schon vor Jahren seinen Sternbald geführt hatte; Michel Angelo’s jüngstes Gericht und die Peterskirche, die er verherrlicht hatte, ohne sie gesehen zu haben. Auf dem Capitol und in den Riesenbauten des Colosseums trat ihm der alte Römergeist näher als jemals zuvor. In diesen Trümmern fand er jene Größe, welche moderne Forscher ihm bisher vergebens gepriesen hatten. Auch das Grab der Cäcilia Metella suchte er auf, jene Gegend, die er zum Schauplatz einer furchtbaren Episode im „Lovell“ gemacht, und die er als Jüngling zu beschreiben gewagt hatte. Hier mußte er staunen, wie nahe er der Wirklichkeit gekommen war, er glaubte nicht zum ersten Male unter diesen Ruinen zu stehen.
Mit der Kunst und Natur verbanden sich die Wirkungen des kirchlichen Lebens. Beruhigend und erhebend kamen sie ihm entgegen; er sah den Cultus im vollen Glanze, welchen er in der Heimat oft gegen die Angriffe der Eiferer in Schutz genommen hatte. Alle Stufen der hohen kirchlichen Feste machte er durch; die heilige Woche mit ihren Musiken und Messen bis auf den Segen, welchen der Papst vom Altan herab der gläubigen Menge ertheilt.
Auch in die gesellige Welt trat er ein. Hier fand er seine Schwester bereits heimisch. Mit bedeutenden Personen stand sie in Verbindung, obgleich auch sie noch stets leidend war. Der Erzherzogin Marianna von Oestreich, der Schwester des Kaisers, die in Rom in Zurückgezogenheit lebte, war sie bekannt geworden. Helfend und schützend hatte diese sich ihrer angenommen, und sie in die Kreise ihres Umganges hineingezogen. Tieck lernte in der Prinzessin eine edle und geistvolle Frau kennen. Auch mit einigen hohen Würdenträgern der Kirche ward er bekannt, mit dem Cardinal-Großvicar, einem angenehmen und unterrichteten Manne, und dem Cardinal Somaglio, der ihm manche Freundlichkeit erwies.
Für die Deutschen war das Haus des Prinzen von Sachsen-Gotha ein gastlicher Sammelplatz. Dieser Fürst liebte es, Gesellschaften, ausgezeichnete Reisende und Landsleute um sich zu versammeln. In seinen Cirkeln verlebte man heitere Stunden. Indeß war die deutsche Theaterliebhaberei auch hier zu Hause, und selbst in Rom, unter den mächtigsten Eindrücken, konnte man das kleine heimische Vergnügen, und den Lieblingsschriftsteller, an dessen Umgang man gewöhnt war, nicht vergessen.
So geschah denn das Unerhörte. In Rom, wo Tieck von den Thorheiten des Vaterlandes weit entfernt zu sein meinte, mußte er seinem Antipoden Kotzebue begegnen. Und nicht allein das; er mußte ihn feiern helfen, wenn er gegen den Prinzen, der ihn auszeichnete, nicht undankbar scheinen wollte. In dieser deutschen Hofgesellschaft war beschlossen worden Kotzebue’s Lustspiel, „Der Wirrwarr“, aufzuführen. In Tieck hatte man eine bühnenkundige Autorität gefunden, er wurde daher aufgefordert die Rolle des Regisseurs und Souffleurs zu übernehmen. Von der Pflicht selbst als Schauspieler aufzutreten, rettete ihn sein Leiden. Aber die wiederholten Proben wurden ihm nicht erspart, die man mit allem pedantischen Kunsteifer anstellte, um schließlich eine gewöhnliche Darstellung eines noch gewöhnlichern Stückes zu eigenem Vergnügen zu Stande zu bringen.
Sonderbar mischte sich mit der Frivolität naive Frömmigkeit. Eine Hauptrolle war einer jungen Gräfin zugetheilt. Mit sichtlicher Lust, und doch niemals ohne die unerläßliche Angst, spielte sie ihr Theil ab. So oft sie aus den Coulissen trat, unterließ sie nicht das Kreuz zu schlagen. So gerüstet glaubte sie muthiger an das Thorenwerk gehen zu können. Tieck sah es als reichliche Buße an, die er in Rom für alle literarischen Sünden zu leisten habe, daß er als Einhelfer verdammt ward, ein Lustspiel gerade dieses Mannes nicht in einer, sondern in allen Rollen auswendig zu lernen. Ihm wurde in der That eine Strafe auferlegt, die er in seinem „Jüngsten Gericht“ muthwilligerweise seinen Gegnern zuerkannt hatte.