Auch im Hause Wilhelm’s von Humboldt, der in Rom preußischer Resident war, fand er freundliche Aufnahme. Ebenso sah er Elise von der Recke wieder, die sich von ihrem Freunde Tiedge hatte nach Rom führen lassen. Auch in die Kreise der Künstler wurde er durch seinen Bruder und Rumohr eingeführt.

Doch unter allen Deutschen war ihm keiner merkwürdiger als der Maler Müller, dessen Dichtungen ihn früher in hohem Grade angezogen hatten. Als er sich nach der Vollendung der „Genoveva“ im Sommer 1800 in Hamburg aufhielt, hatte er Müller’s Manuscript zum zweiten Male zur Hand genommen. Er las die Arbeit des Vorgängers mit doppelter Theilnahme, und erkannte wie verschieden beide Gedichte seien, und daß sie darum wol nebeneinander stehen könnten. Erschien Manches in Müller’s Tragödie übertrieben, fast roh, so hatte sie dennoch große dichterische Züge, und er sah es als ein Unrecht an, ein so eigenthümliches Werk der öffentlichen Kenntniß zu entziehen. Dann war er zu den verschollenen Idyllen übergegangen. Es waren Naturbilder im kräftigsten Stile, fern von der gezierten Natürlichkeit, welche seit Geßner den sogenannten ländlichen Dichtungen eigen war. Voll Eifer, das Andenken des Dichters herzustellen, ließ er später durch den Architekten Genelli wiederholt bei Müller anfragen, ob er die Herausgabe der „Genoveva“ verstatte, ohne daß er eine Antwort erhalten hätte.

Auf der Sommerreise 1803 machte er in Erlangen die Bekanntschaft des reformirten Predigers Le Pique. Dieser Mann, der für Poesie und Literatur eine lebhafte Theilnahme zeigte, war ein Bewunderer Müller’s. Wie dieser ein geborener Pfälzer, war er mit den Verhältnissen in Manheim und der dortigen Buchhandlung, in deren Verlag die ersten Drucke erschienen waren, bekannt. Er erbot sich, die erforderlichen Schritte zu einer Erneuerung des literarischen Andenkens Müller’s zu thun. Jetzt sah Tieck in Rom den sonderbaren Mann selbst.

Hier war Müller seit fast dreißig Jahren eine bekannte Figur. Früher hatte er von einer kurpfälzischen Pension gelebt, die jedoch in Folge der Kriegswirren nicht weiter gezahlt worden war. Ohne als Künstler productiv zu sein, hatte er sich mit antiquarischen und kunsthistorischen Studien beschäftigt. In Folge seiner Bekanntschaft mit Rom und dessen Schätzen pflegte er bei angesehenen Fremden den Cicerone zu machen. Er gehörte zu den Deutschen, welche mit dem Vaterlande gebrochen hatten. Manche Hoffnungen und Erwartungen waren ihm daheim unerfüllt geblieben. Dazu waren noch persönliche Verwickelungen gekommen. Er glaubte sich zu wenig anerkannt. Ein Altersgenosse Goethe’s, selbst leidenschaftlich bewegt, ward er durch diesen in den Schatten gestellt. Verstimmt schied er vom deutschen Boden. Jetzt fast verschollen, rächte er sich durch Vergessen und Geringschätzung an der Heimat. Dennoch hatte er der Poesie und Schriftstellerei nicht ganz entsagt, nur waren seine spätern Producte von dem naturwahren Charakter der frühern weit entfernt.

In Rom kannte man Müller’s Schwächen und Sonderbarkeiten aus langer Erfahrung. Zu manchen komischen Anekdoten hatte er Veranlassung gegeben durch seine Neigung zu lächerlichen Uebertreibungen und Prahlereien; auch der Bekanntschaft, ja der Freundschaft Goethe’s hatte er sich früher gerühmt. Als nun die Nachricht kam, Goethe werde nächstens in Rom eintreffen, baten ihn einige Deutsche vorsorglich, sie mit dem großen Dichter bekannt zu machen, was er auch willig zusagte. Eines Tages hieß es, Goethe sei wirklich angekommen, man wollte ihn bereits einige Male zu einer bestimmten Stunde des Tages an der Spanischen Treppe gesehen haben. Müller wurde aufgefordert sein Wort zu lösen. Man begab sich an Ort und Stelle. Goethe kam, doch Müller, der voreilig vermuthet haben mochte, man wolle ihn irreführen, sagte mit entschiedenem Tone: „Ich kenne Goethe! Der da ist es nicht!“

In dieser Weise lernte ihn auch Tieck kennen. Er zeigte sich zuerst mistrauisch, dann absprechend und rechthaberisch; alles kannte er besser oder hätte es besser machen können. Er verfiel nicht selten in einen aufschneiderischen Ton, und die Wahrheit war schwer zu ermitteln, da es kaum zu erkennen war, ob er täuschen wolle oder sich selbst täusche. Später kam er mit seiner Ansicht über Goethe offener hervor. Er kritisirte ihn scharf, und war weit entfernt in die allgemeine Bewunderung einzustimmen; ihn erfüllte Eifersucht, seine Stimmung war herb, fast bitter. Als einst von der „Iphigenia“ die Rede war, meinte er, das sei nichts, auch er habe eine Iphigenia gedichtet, das sei ein ganz anderes Werk, da werde man erkennen, wie das antike Drama zu behandeln sei; gelegentlich werde er es Tieck einmal mittheilen. Obgleich dieser wußte, was er von solchen Reden zu halten habe, unterließ er doch nicht Müller an das gegebene Versprechen zu erinnern. Er erhielt indeß nie einen andern Bescheid, als daß er zu seiner Zeit jenes geheimnißvolle Drama schon kennen lernen solle. Doch kam diese Zeit nicht, solange Tieck sich in Rom aufhielt.

Ein anderes Mal erzählte Müller mit der größten Zuversicht, einst sei ihm in Manheim der Teufel erschienen; die Gesichtszüge des Bösen hätten sich ihm so fest eingeprägt, daß es ihm gelungen sei, ein wohlgetroffenes Porträt zu entwerfen. Zugleich brachte er die Skizze eines Kopfes zum Vorschein, der in der That eigenthümlich genug aussah.

Ein besserer Gegenstand der Unterhaltungen waren Müller’s ältere Dichtungen. Tieck erzählte ihm, sie seien in Deutschland keineswegs vergessen, vielmehr habe sich ein jüngeres Geschlecht mit Theilnahme dem Anfange der deutschen Poesie in den siebenziger Jahren zugewendet. Gewiß werde eine Sammlung derselben, da sie bereits zur literarischen Seltenheit geworden seien, mit großem Beifall aufgenommen werden. Müller ging darauf ein, und ermächtigte ihn eine neue Ausgabe zu veranstalten, und die „Genoveva“ darin aufzunehmen. Auch verwies er ihn auf eine bedeutende Anzahl alter Papiere, welche er in einen Koffer gepackt, bei der Abreise aus Deutschland auf dem Lager der Schwan’schen Buchhandlung in Manheim zurückgelassen habe.