Endlich war Tieck auch zu den eigenen altdeutschen Studien zurückgekehrt, sobald es seine Gesundheit erlaubte. Nicht ohne Unterbrechungen vermochte er zu arbeiten, aber der glückliche Augenblick förderte ihn doppelt. Auf der Vaticanischen Bibliothek fand er reiche Schätze dieser Literatur. Dem Cardinal Somaglio verdankte er eine seltene Begünstigung. Man wies ihm ein eigenes Zimmer zur Arbeit an, und verstattete ihm selbst während der Ferien den Zutritt. Seine gelehrten Forschungen wurden zum heilsamen Gegengewichte gegen körperliche und geistige Leiden. Indem er Handschriften abschreibend, vergleichend und ausziehend, eine reiche Ernte hielt, bildete sich der Gedanke aus, eine umfassende Nachricht von den deutschen Handschriften im Vatican, dann eine Geschichte der altdeutschen Poesie aus denselben zu geben. Zunächst blieb er bei dem Heldenliede und den Nibelungen stehen. Das Gedicht vom „König Rother“ und andere Stücke der Heldensage schrieb er ab; auch die karolingische Sage, „Tristan und Isolde“, den „Titurel“ und anderes zog er herbei. Als er sicherer geworden war, entwickelte er eine unermüdliche Ausdauer. Vom Morgen an konnte er nüchtern bis weit über Mittag hinaus, halbe Tage lang, unter Handschriften und alten Drucken sitzen, ohne Abspannung zu fühlen.
Neben diesen strengern Arbeiten sprach er seine Empfindungen und Erlebnisse in einer Reihe kleinerer Gedichte aus, die sich allmälig zu einem dichterischen Tagebuche zusammenschlossen.
Fast ein Jahr war um. Er mußte an die Heimkehr denken. Der wohlthuende Einfluß des italienischen Himmels hatte sich bewährt. In den letzten Monaten fühlte er sich genesen, die Schmerzen hatten ihn verlassen, die Herrschaft über den Körper war ihm wiedergekommen. Die politischen Wirren machten es unmöglich nach Neapel zu gehen. Dagegen unternahm er einen glücklichen Reiseversuch in die Romagna und das Gebirge. Zuletzt sah er Subiaco und das Kloster des heiligen Benedict; dann wurde die Rückreise vorbereitet. Bruder und Schwester ließ er in Rom zurück, aber Rumohr, der sorgsame Freund, der ihn nach Italien geleitet hatte, führte ihn im Sommer 1806 wieder der Heimat zu.
Ueber Siena gingen sie nach Florenz und Fiesole, dann nach Pisa, Bologna und Mailand. Nicht ohne Anstrengung überstiegen sie den Gotthard, aber auch dieses bestand Tieck glücklich. Er war wieder auf deutschem Boden.
7. Die Heimat.
In Deutschland war zunächst St.-Gallen wichtig wegen seiner Handschrift der Nibelungen. In Manheim nahmen Müller’s Papiere seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Er trat mit der Götze’schen Buchhandlung, auf welche der Schwan’sche Verlag übergegangen war, in Unterhandlung. Sein Freund Le Pique, der inzwischen nach Manheim versetzt worden war, unterstützte ihn dabei. Der von Müller bezeichnete Koffer fand sich. Er enthielt alte Papiere, Briefe, Entwürfe und Zeichnungen, eine Masse unzusammenhängender und schwer zu lesender Blätter, über welche in kurzer Zeit keine Uebersicht zu gewinnen war. Erst später konnte er die Sichtung und Anordnung durchführen. Das Ergebniß war kein so bedeutendes als er erwartet hatte. Unterdeß war das Vorhandensein der Müller’schen „Genoveva“ weiter bekannt geworden, und schon ließen sich böswillige Stimmen vernehmen, Tieck verdanke seine eigene Dichtung der Kenntniß derselben, und habe daher Grund mit der Bekanntmachung zu zögern, oder sie dem Publicum ganz vorzuenthalten. Nachdem er daher den Stoff geordnet hatte, überließ er die Besorgung der neuen Ausgabe seinem Freunde Le Pique. Doch die Verhandlungen mit Müller gingen nur langsam. Misverständnisse mit der Verlagshandlung kamen hinzu. Erst 1811 erschien die neue Sammlung von Müller’s Schriften in Heidelberg.
Von Manheim ging man nach Heidelberg, wo Tieck Creuzer wiedersah, und auch Voß besuchte, der kurze Zeit vorher dorthin versetzt worden war. Voß empfing seinen alten Bekannten von Giebichenstein her mistrauisch; wie er selbst später drucken ließ, sah er in ihm einen Angehörigen jenes Ordens, dessen Bekämpfung seine Lebensaufgabe war, einen Obscuranten und heimlichen Katholiken. Ueberhaupt bemerkte Tieck, daß man seinem Aufenthalte in Italien die wundersamsten Deutungen unterlegte. Glaubte man früher ihn für die katholische Kirche gewinnen zu können, so war man jetzt überzeugt, er sei wirklich übergetreten.
In Frankfurt verweilte er einige Zeit. Er sah Brentano und dessen Schwester Bettina, die eigenthümlich und excentrisch erschien. Tieck und seinen Dichtungen wie der jüngern Literatur hatte sie ihre Theilnahme zugewendet. Ihr verdankte er die Bekanntschaft mit Goethe’s Mutter. Es war eine noch im höchsten Alter regsame und theilnehmende Frau, die selbst an manchen kleinen Eitelkeiten des Lebens Gefallen fand. Von dem Sohne wußte sie natürlich vieles zu erzählen. Auf einem Bücherbrete in ihrem Zimmer habe sie lange sechs Bände Manuscript aus Goethe’s früherer Zeit bewahrt, welche die älteste, später verworfene Bearbeitung des „Wilhelm Meister“ enthielten. Von dem Inhalt theilte sie manches mit; hier sollte die Heirath Wilhelm’s und Marianens den Abschluß machen. Leider gelangte Tieck nicht zur Einsicht dieser merkwürdigen Papiere.
Von der Mutter ging er den Sohn in Weimar zu besuchen. Auch diesmal verlebte er einige Abende mit Goethe. Doch wenn er an seine Jugendliebe dachte, fühlte er sich ihm fremder geworden. Dazu hatte namentlich der erkältende Eindruck der „Natürlichen Tochter“ beigetragen. Kurz zuvor hatte Goethe Oehlenschläger kennen gelernt. Der nordische Dichter, der nach Weimar gekommen war, der deutschen Poesie seine Huldigungen darzubringen, hatte ihn ganz für sich gewonnen. Auch sprach Goethe schon von den „Nibelungen“, wie er im Vereine mit Oehlenschläger den Versuch gemacht habe, sie zu lesen, was denn freilich nicht sonderlich habe von Statten gehen wollen.