Ueberraschend war es ihm in einer Mittagsgesellschaft bei Goethe mit einem Landsmanne, dem Kapellmeister Himmel aus Berlin, dem Componisten des gefeierten Singspiels „Fanchon“ zusammenzutreffen. Die Eitelkeit und Selbstgenügsamkeit dieses Mannes war bekannt. Er schlug seinen Werth sehr hoch an, und wirkte durch die naive Art, dies auszusprechen, mitunter komisch. Auch dem Dichterfürsten gegenüber verließ ihn seine Sicherheit nicht. Er suchte zu beweisen, er sei ebenso sehr Sprachtalent als Musiker; dadurch habe er sogar die Beamten der Vaticanischen Bibliothek in Staunen gesetzt. Hebräische, chaldäische und andere orientalische Handschriften habe er in rascher Folge durchgesehen und Stellen daraus laut gelesen. Endlich fragt einer der Beamten, wer er denn sei. „Der Kapellmeister Himmel aus Berlin!“ Voll Schrecken aber ruft jener aus: „Sie mögen wol der Teufel sein, aber kein Kapellmeister aus Berlin!“ Mit stillem Lächeln, in olympischer Ruhe, hörte Goethe diese Märchen an.
Ohne zu wissen in welchen Beziehungen Tieck zu Reichardt stehe, unterwarf Himmel seinen ehemaligen Amtsgenossen als Musiker wie als Menschen einer scharfen Kritik. Auch Tieck kannte Reichardt’s Schwächen, aber er hielt es für Pflicht ihn gegen ungerechte Angriffe zu schützen. Himmel stutzte. Er lenkte ein, und gutmüthig suchte er Tieck in seiner Weise zu versöhnen. Als Tabacksraucher schätzte er ein treffliches Weichselrohr, das er besaß, ganz besonders hoch, er bot es Tieck als Friedenspfeife an. Dieser mußte des gutgemeinten Geschenks lachen, das für Niemand weniger paßte als für ihn, den abgesagtesten Feind des Rauchens.
Endlich im Herbste traf er in Dresden ein, wo er die nächsten Wochen zu bleiben beschlossen hatte. Sogleich erzählte ihm der Maler Hartmann, Oehlenschläger sei angekommen und wünsche seine Bekanntschaft zu machen, bald darauf traf er diesen selbst auf der Galerie. Oehlenschläger war eine reichbegabte und überschwängliche nordische Natur. Voll erregten Gefühls und Phantasie, jedem Eindrucke offen, ließ er sich in Verehrung und Abneigung leicht bestimmen. Doch er war auch voll starken Selbstbewußtseins, das als hoher nordischer Nationalstolz, und bald als kleinliche persönliche Eitelkeit erschien. Er überschätzte seine Originalität, und hielt manches für Eigenthum, was er deutschen Anregungen verdankte. Widerspruch konnte er nicht vertragen, noch viel weniger Tadel. Eine leise Andeutung war hinreichend, ihn in heftigen Zorn zu versetzen. Er besaß eine Beredtsamkeit, gegen die man vergeblich ankämpfte. Er hörte auf keinen Einwurf, und beachtete keinen Versuch des andern Theils, zu Worte zu kommen.
Nächst Goethe, den er schwärmerisch verehrte, hatte er Tieck’s Poesien mit Eifer studirt, und in ihnen vielleicht ein noch verwandteres Element gefunden. Am Abend desselben Tages sahen sie sich in einer Gesellschaft wieder, die Hartmann bei einem Italiener versammelt hatte. Im Sturme suchte Oehlenschläger Tieck’s Freundschaft zu erobern, und trug ihm mit leidenschaftlichem Enthusiasmus Brüderschaft an. Seitdem sahen sie sich öfter. Oehlenschläger theilte dem neuen Freunde seine nicht längst vollendete Tragödie „Hakon Jarl“ mit; obgleich Tieck sie als einen Beweis des Talents anerkannte, war er doch mit dem fünften Acte nicht einverstanden. Sogleich suchte der Dichter im Gegentheil zu beweisen, wie gerade dieser der beste sei. Bald darauf verließ er Dresden.
Während dieses harmlosen Verkehrs waren kriegerische Stürme losgebrochen, unter denen die deutsche Erde erbebte. Der verhängnißvolle October des Jahres 1806 war gekommen. Preußen war in den Sturz der ältern Staaten hineingerissen worden. Mit dem dichterischen und literarischen Stillleben war es zu Ende.
Schon von Italien hatte Tieck auf die politische Lage des Vaterlandes den Blick voll Besorgniß zurückgewendet. Man konnte sich dem drückenden Gefühle nicht entziehen, daß man einer entscheidenden Zeit entgegengehe. Während der Rückreise waren die Dinge rasch gereift. Mit jedem Schritte, weiter gegen Norden, mehrten sich die drohenden Anzeichen. Als er in Weimar eintraf, waren die Häuser mit preußischer Einquartierung gefüllt. Alles war voll ängstlicher Erwartung. Die Schlacht entschied Preußens Schicksal, und die Eroberung ergoß sich jetzt über die fernen Provinzen.
Der Sturz des Staates bedrohte die Existenz der Einzelnen; auch manche Freunde Tieck’s wurden betroffen. Zu diesen gehörte Reichardt. Von den neuen Lehren erfüllt war er nach Frankreich gegangen, und hatte die Revolution in verschiedenen Entwickelungspunkten kennen gelernt. Zuerst 1792. Die Frucht dieser Reise waren seine „Vertrauten Briefe über Frankreich“ gewesen; dann abermals 1802. In Paris hatte er mannichfache Verbindungen angeknüpft, auch mit dem Grafen Schlaberndorf, dem bekannten Sonderlinge. Wie dieser war auch Reichardt ein Gegner des neuen Herrschers. Hier entstand jenes Buch: „Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate“, zu dem ihm Schlaberndorf manche Daten gab. Es erschien 1804. Seine kühne Sprache machte Aufsehen; bald begannen die Nachforschungen französischer Agenten nach dem unbekannten Verfasser. Jetzt, da die feindlichen Truppen vorrückten, mußte Reichardt auf seine Sicherheit denken. Er hatte beschlossen nach den östlichen Provinzen zu gehen; nur mit großer Vorsicht konnte er sich in die Nähe der Franzosen wagen.
In dieser Zeit hatten sich Tieck und einige Andere in Sandow, dem Gute seines Freundes Burgsdorff, vereint. Hier traf auch Achim von Arnim ein. Er brachte einen Begleiter mit, der für seinen Bedienten gelten sollte. Es war Reichardt. Solche Vorkehrungen schienen um so nothwendiger, da auch dieses Gut mit französischer Einquartierung belegt worden war. Man hatte einen Husarenoffizier als Gast erhalten. Es war ein Mann von straffer, militärischer Haltung; des Deutschen schien er nicht mächtig zu sein.
Man saß bei Tische und unterhielt sich unter so eigenthümlichen Umständen gut genug. Tieck fand, daß Herr Richard, so hieß der französische Offizier, ein ganz angenehmer Mann sei. Da fiel ihm eine häufig wiederkehrende Bewegung des Fremden auf. Lachend hatte er im lebhaften Gespräche mit der Hand auf die Lende geschlagen. Mit voller Gewißheit trat eine alte dunkle Erinnerung vor seine Seele. Der Franzose war Niemand anders als Hensler, Reichardt’s Stiefsohn, sein Jugendfreund, der seit Jahren für ihn verschollen war.
Auch Hensler’s Lebensgang war kein gewöhnlicher. Ein Jahr früher als Tieck, 1791, hatte er Gedike’s Schule verlassen, als Reichardt mit seinen berlinischen Verhältnissen unzufrieden, sich nach Halle übersiedelte. Hier begann er die Rechte zu studiren; doch begleitete er schon zu Anfang des folgenden Jahres seinen Stiefvater nach Frankreich. Er sah Lyon und Paris, und obgleich diese Reise nur wenige Monate dauerte, waren diese Eindrücke doch hinreichend, ihn in einen französischen Demokraten umzuwandeln. In Kiel setzte er seine Studien fort, aber bald ward es ihm zu eng in Deutschland; 1796 ging er abermals nach Paris. Er brach mit dem Vaterlande, um sich dem neuen politischen Leben ganz hinzugeben. Obgleich Schlaberndorf und andere Freunde sich seiner mit Rath und That annahmen, zeigte sich doch, wie schwer es einem Fremden sei, eine Stellung zu gewinnen. Endlich warf er alle deutschen Träume hinter sich, und trat als Commis in ein Handelsgeschäft. Sogar den deutschen Namen legte er ab, nannte sich Richard, und ward zum Franzosen. Mit dem gesammten Frankreich machte er den Uebergang vom revolutionären Freiheitsschwindel zum militärischen Despotismus durch. Er ward mit dem nachmaligen General Guilleminot bekannt, und trat in die Armee. Als sein Stiefvater 1802 nach Paris kam, hatte er eben das Patent als Offizier erlangt. Vier Jahre später kehrte er mit dem Heere des Eroberers in das Vaterland zurück.