So führte ein gewaltiges Weltgeschick nach langer Trennung die Freunde zusammen, die in der Jugend dichterisch und künstlerisch miteinander geschwärmt hatten, und dann ihre verschiedenen Wege durch die Welt gegangen waren. Bald schlug die Stunde der Trennung wieder; Hensler mußte dem Commando weiter folgen. An den spätern Feldzügen nahm er Antheil. Er ging nach Spanien, stieg durch Avancement, und starb nach geschlossenem Frieden als Oberst im Hôtel der Invaliden.
Jener Aufenthalt in Sandow im Spätherbste 1806 führte auch zu einer nähern Beziehung zwischen Tieck und Arnim, die sich schon früher in Halle gesehen hatten.
Um mehrere Jahre jünger als Tieck, gehörte auch Arnim zu denen, welche der neuen Richtung der Poesie folgend statt des Ideales Volksthümlichkeit und Natürlichkeit verlangten. Er hatte zuerst in Halle Naturwissenschaften studirt, nicht ohne Hinneigung zur mystischen Seite; dann war er zur Poesie übergegangen. Später hatte er in Göttingen gelebt und im Hause des jüngern Buchhändlers Dietrich viel verkehrt. Im Verlage desselben erschienen 1804 die „Offenbarungen Ariel’s“ in denen er seine naturphilosophischen Ansichten mit den Ergebnissen der Studien der germanischen Urzeit verband. Denn er beschäftigte sich lebhaft auch mit der ältern deutschen Dichtung.
Während des Aufenthalts in Sandow ward sie in wiederholten Gesprächen zwischen Tieck und Arnim eine Quelle der Kräftigung und Hoffnung für die Zukunft, deren man in dieser schmerzlichen nationalen Niederlage doppelt bedurfte. Tieck theilte seine Bearbeitung der Nibelungen mit. Dagegen verhieß Arnim ihn mit einem Werke der ältern Literatur bekannt zu machen, über das er staunen werde. Ohne sein Geheimniß zu verrathen, suchte er Tieck’s Neugier aufs höchste zu spannen. Erst am folgenden Tage kam er mit dem verheißenen Schatze zum Vorschein. Es war das Trauerspiel des Andreas Gryphius „Cardenio und Celinde“, welches er später zur Grundlage seiner phantastischen Dichtung „Halle und Jerusalem“ machte. Für Tieck war diese Mittheilung keine überraschende, denn die Anfänge des deutschen Dramas hatten längst seine Aufmerksamkeit erregt.
Die sorglich vorbereitete Bearbeitung der Nibelungen hatte inzwischen für ihn die erste Frische verloren. Je nachdem ihm neue Hülfsmittel zugekommen waren, hatte er sie mit unermüdlichem Eifer umgestaltet. Er hatte sie auf fünf Bücher berechnet, die in eine Reihe von Gesängen zerfielen. Die Klage sollte das letzte Buch beschließen. Mit dem jüngern Dietrich waren Verabredungen über den Verlag getroffen, der Meßkatalog für 1805 kündigte bereits die neue Bearbeitung an, und A. W. Schlegel sprach in der „Jenaischen Literaturzeitung“ öffentlich darüber. Dennoch gab Tieck den Plan auf. Ein anderer Bearbeiter war ihm zuvorgekommen. Im Jahre 1807 erschien F. v. d. Hagen’s Uebersetzung der Nibelungen. Mit gleicher Begeisterung für älteres deutsches Volksthum und Dichtung, und mit allen Mitteln der damaligen Gelehrsamkeit ausgerüstet, war auch dieser an die Bearbeitung des alten Heldenliedes gegangen.
Im Herbste sah Tieck die Vaterstadt wieder, nachdem der zerschmetternde Schlag gefallen war. Auch jetzt fehlte es nicht an Bewegung und bedeutenden Persönlichkeiten.
Johannes Müller hatte dem preußischen Ruhme die Grabrede gehalten. Tieck lernte den berühmten Geschichtschreiber kennen, und auch den damals nahe mit ihm verbundenen Karl von Woltmann, einen Gelehrten von vornehmer und anspruchvoller Haltung, der sich als Diplomat und Weltmann zu bewegen versuchte. Dieser pflegte ungemein graciös und kostbar zu thun, und ward dadurch für Andere verletzend. Beide Geschichtschreiber hatten an den Gesellschaften des Prinzen Louis Ferdinand Theil genommen, der dem Kriege als eines der ersten Opfer gefallen war. Tieck hatte den genialen und unglücklichen Prinzen früher aus der Ferne gesehen. Im Theater saß er zu Zeiten seiner Loge gegenüber. Es war eine glänzende und doch wehmüthige Erscheinung.
Ein dauernder Gewinn war Hagen’s Bekanntschaft, die durch die Nibelungen vermittelt worden war. Ein literarischer und freundschaftlicher Verkehr entspann sich, und beide beschlossen auf ihrem gemeinsamen Wege miteinander zu gehen. Später ergab sich daraus ein neuer literarischer Plan, den sie im Vereine ausführen wollten, eine Erneuerung der gesammten Heldensage, wie sie in dem jüngern Heldenbuche vorlag. Zu diesem Zwecke gab Tieck seine früher angefertigte Bearbeitung des „König Rother“, und fügte den kleinen „Rosengarten“ und andere Theile der Dietrichssage hinzu. Schon 1808 erschien ein Bruchstück des „König Rother“ in Arnim’s Einsiedlerzeitung. Indeß ließen Krankheit und wechselnde Verhältnisse auch dieses Unternehmen nicht zum Abschlusse kommen.
Um diese Zeit tauchten noch einmal Erinnerungen an den „Zerbino“ und die kleinen Plagen auf, die ihn begleitet hatten. Der holländische Gesandte in Berlin, Goldberg, wünschte durch Hagen’s Vermittelung Tieck kennen zu lernen. Bei diesem trafen daher Diplomat und Dichter eines Abends zusammen, man unterhielt sich angenehm, und als man aufbrach, machte der Gesandte Tieck das Anerbieten, ihn in seinem Wagen nach Hause zu fahren. Arglos nahm dieser es an, doch fiel ihm auf, daß der Kutscher die Weisung erhielt, eine andere Richtung als die gewöhnliche einzuschlagen. Als beide im engsten Raume nebeneinander saßen, begann der Diplomat: „Jetzt habe ich Sie sicher! Nun müssen Sie mir ausführlich erzählen, wen und was sie in Ihrem ‚Zerbino‘ gemeint haben; ich lasse Sie nicht los!“ Und zugleich nahm der Staatsmann, der in dem literarischen Scherze politische Satire witterte, den Dichter in ein scharfes Kreuzverhör. Von Allem, was jener meinte, war Tieck weit entfernt gewesen. Als er daher mit der Forderung antwortete, einen Scherz doch einfach nur als solchen zu nehmen, setzte ihn der Gesandte nach einer langen und peinlichen Fahrt endlich vor seinem Hause ab.