Fast wäre Tieck hier an das Theater gefesselt worden. Collin wünschte für ihn eine Anstellung am Burgtheater zu gewinnen, und that dafür einige vermittelnde Schritte. Auch der Graf Palfy, der eine entscheidende Stimme hatte, war ihm günstig. Dennoch war dieser Plan nicht sogleich durchzuführen. Man hatte kurze Zeit zuvor Iffland die Leitung der kaiserlichen Bühne unter vortheilhaften Bedingungen angetragen. Seine Antwort mußte abgewartet werden, und die Entscheidung verzögerte sich. Schon vorher war Tieck nach München gegangen, wo man ihm einen ähnlichen Antrag machte. Gleich darauf erkrankte er von neuem, und so scheiterten auch diese Verhandlungen.

Im Herbst 1808 sah er in München Baader und Rumohr, seinen treuen Pfleger, wieder; auch Bruder und Schwester trafen ein. Zu diesen gesellten sich noch Friedrich Jacobs, Wiebeking und Jacobi, in deren Familien er die gastfreundlichste Aufnahme fand.

In Jacobi begegnete er einem Meinungsgenossen. Aehnlich, wie er selbst, stand dieser zur systematischen Philosophie. Auch Jacobi war bei den Thatsachen des Bewußtseins stehen geblieben. Die Schilderungen, welche man Tieck von dem Philosophen gemacht hatte, waren ungünstig. Ein empfindlicher und krankhaft reizbarer Mann war ihm angekündigt. Er war erfreut, weder das Eine noch das Andere zu finden. Einfach und natürlich kam ihm Jacobi entgegen. In ihren Gesprächen herrschte der Ton der ruhigen und offenen Erörterung, die der Sache gilt, und jedes zeigte den Denker, den wahrhaft gebildeten Mann. Nie war Tieck bis jetzt einem Philosophen näher gekommen als diesem. Mit vollster Unbefangenheit sprach Jacobi von seinen Schriften; ruhig hörte er Einwürfe und Bedenken an.

In spätern Unterhaltungen war die Rede von Baader und F. Schlegel. Mit jenem stand Jacobi in keinem guten Vernehmen, obgleich es an Berührungspunkten nicht fehlte. Baader konnte in Jacobi den Fremden und Protestanten nicht vergessen, und dieser glaubte Veranlassung zu haben, seine Aufrichtigkeit zu bezweifeln. Einst erzählte Tieck, mit welcher Verehrung Baader zu ihm über Schlegel gesprochen habe, wie er ihn eine prophetische Natur, einen zweiten Apostel Paulus genannt habe. Ruhig erwiderte Jacobi: „Halten Sie mich für einen ehrlichen Mann? Nun wohl, treten Sie hierher“, sagte er, indem er auf einen Punkt hindeutete. „Sehen Sie, auf dieser Stelle hat Baader zu mir gesagt, Schlegel sei ein wahrer Judas Ischarioth!“

Bald war Tieck in Jacobi’s Hause heimisch. Er las dramatische Dichtungen vor, machte Mittheilungen aus seinen Papieren, und verlebte hier manche angenehme Stunde. Zugleich hatte er auch Gelegenheit zu sehen, wie Jacobi Gegenstand feindseliger Angriffe und Verdächtigungen ward.

Von einer andern Bewegung war indessen Rumohr ergriffen worden. Die Gährung, welche Deutschlands Befreiung herbeiführen sollte, hatte begonnen. Es glühte unter der Asche. Die Bewunderung, welche man früher Napoleon’s dämonischer Größe zollte, wich der steigenden nationalen Erbitterung. Tieck hatte nie in jenen Ton eingestimmt. Er konnte das Genie nicht für eine Berechtigung zur Tyrannei halten. Der eiserne Druck, der alles Eigenthümliche zermalmte, empörte ihn. Das deutsche Volksleben schien geknickt und zerbrochen.

Leidenschaftlicher hatte Rumohr ähnliche Gesinnungen kundgegeben. Dazu war München, wo französische Politik herrschte, nicht der Ort. Uebereilte Aeußerungen, welche an Revolution erinnerten, brachten ihn in den Ruf eines Demokraten; er galt für verdächtig und gefährlich. Als unruhiger Kopf sollte er verwiesen werden. In dieser Bedrängniß riefen seine Freunde die Vermittelung des östreichischen Gesandten, Grafen Stadion, an, mit dem auch Tieck bekannt war. Erst auf dieses mächtige Fürwort ward es Rumohr verstattet, in München zu bleiben.

Bald zeigte sich, daß Tieck das wechselnde Klima nicht ertragen könne. Im Winter 1809 erkrankte er zum zweiten Male schwer. Doch standen ihm dieses Mal seine Geschwister zur Seite. Es traten Augenblicke vollständiger Lähmung ein, in denen er kein Glied zu regen vermochte, ja selbst die Sprache verlor. Es war ein Starrkrampf, auf den nervöse Abspannung und Schwäche folgte.

Als er so weit hergestellt war, um an der Unterhaltung Theil zu nehmen, dachte man auf Zerstreuungen. Erfinderisch benutzte Friedrich Tieck das Nibelungenlied. Er fertigte ein Spiel Karten an, in dem jedes der zweiundfunfzig Blätter einen Charakter aus dem Heldenliede darstellte, während der Spielwerth der Karte am Rande angedeutet war. Zu den Freunden, welche in dieser Krankheit um Tieck Sorge trugen, gehörte auch Brentano’s Schwester, Bettina. Oft besuchte und unterhielt sie ihn in ihrer humoristischen Weise.

Langsam erholte er sich. Aber welche Veränderung war in dieser schweren Zeit mit ihm vorgegangen! Kaum kannte er sich selbst wieder. Der jugendfrische Dichter hatte sich zum entsagenden Leidensträger umgewandelt. Die Hand des Schmerzes hatte seinen Körper vor der Zeit gebeugt und niedergedrückt. Erst jetzt fühlte er sich krank, schwach und elend. Ein Leiden hatte begonnen, das fortan mit seinem Leben Eins sein sollte.