Endlich war der Kranke in erträglicher Weise hergestellt. In Begleitung seines Bruders erprobte er die wiederkehrenden Kräfte in weitern Spaziergängen. Auch die alten Liebhabereien erwachten, und er hatte Muth genug gewonnen, ihnen selbst mit Gefahr für seine Genesung nachzugehen.

Auf einem Volkstheater in der Vorstadt spielte ein Hanswurst, oder wie man ihn kurzweg nannte, der Lipperle, mit großem Beifall. Tieck konnte der Versuchung nicht widerstehen, diese gerühmten Späße kennen zu lernen. An einem heißen Sommertage wallfahrtete er daher mit seinem Bruder zum Lipperletheater hinaus. Während er sich in der Bude an dem Witze des Lipperle mit Behagen ergötzte, kam ein drohendes Gewitter herauf. Es war in vollem Anzuge, als die Vorstellung endete. Eilig machte man sich auf den Weg. Aber schon brach es los. Nach einigen Stößen heftigen Wirbelwindes ergoß sich unter steigender Finsterniß ein rauschender Regen. Tieck vermochte sich im Sturme nicht aufrecht zu halten, er mußte sich an den stärkern Bruder anklammern, der ihn mehr trug als führte. Nirgends gab es ein Obdach. Endlich erreichte man das Haus. Der Kranke wurde in ein erwärmtes Bett gebracht; man wandte alle Mittel an, um der vielleicht tödtlichen Erkältung zu begegnen. Während der Bruder diesen Dienstleistungen sich mit ängstlichem Eifer unterzog, machte er zugleich seinem Zorne in einer Flut von Vorwürfen Luft. Er schalt auf die thörichte Vorliebe für abgeschmackte Theaterpossen, denen Tieck am Ende noch sein Leben opfern werde. Diese Scheltworte standen zu der sorglichen Hülfe in einem so komischen Contraste, daß der Kranke trotz der eigenen Besorgniß, sich des Lachens und der Lust an seinem unbesonnenen Streiche nicht erwehren konnte. Zum Glücke ging die Erkältung ohne schlimmere Folgen vorüber.

Während er zwischen Genesung und Rückfällen schwankte, kam der Winter in München zum zweiten Male heran; auch der Frühling des folgenden Jahres fand ihn leidend. Schon zwei Jahre war er von den Seinen getrennt, und noch war an die Heimreise nicht zu denken. Für den Sommer 1810 sollte der Gebrauch eines nicht allzu fernen Bades eintreten. Er ging daher nach Baden-Baden. Auch der Kronprinz von Baiern hielt sich hier auf. Schon in München war er von diesem ausgezeichnet worden, jetzt sah und sprach er ihn fast täglich, und freute sich seiner Begeisterung für deutsche Kunst und Dichtung. Auch mit Sulpice Boisserée trat er hier in nähere Verbindung. Endlich im Herbste kehrte er nach Ziebingen zurück, wo indessen die Seinen gelebt hatten.

Der Zustand seiner Gesundheit war kein besserer. Er war empfindlicher und schwerfälliger geworden, er bedurfte der Hülfe und des Beistandes. Bald ward es klar, es werde auf die Cur in der Fremde eine zweite daheim folgen müssen. Ein frankfurter Arzt rieth ihm im Sommer 1811 den Gebrauch von Warmbrunn. Aber dies vermehrte seine Leiden. Die gichtischen Schmerzen behaupteten sich hartnäckig, und das Bad führte neue Gebrechen herbei, von denen er früher nichts gewußt hatte.

Kraft und Gesundheit waren für das Leben dahin, sein Körper schwach und gebrechlich, von jedem Luftzuge abhängig. Von der Natur, mit der er von Jugend auf im innigsten Verkehr gelebt hatte, mußte er Abschied nehmen. Die Tage des dauernden Leidens und der Entsagung waren gekommen.

9. Phantasus.

Seit dem Abschlusse des „Octavian“ war beinah ein Jahrzehnd verflossen. Wie verschieden war es nicht von dem ersten, in dem jene Werke entstanden waren, welchen er seine Stelle unter Deutschlands Dichtern verdankte. War das frühere reich gewesen an Muth und Zuversicht, an Streben und Erfolg, und vor allem an dichterischen Schöpfungen, so war das zweite reich an Zweifeln, Schmerzen und Krankheit, an bittern Erfahrungen und Entsagung. Der Dichter war zum Dulder geworden. Die Poesie, welche ihm sonst tröstend zur Seite gestanden hatte, schien verstummt.