Die begonnene Sichtung der ältern Gedichte führte zu dem Plane, auch die größern einer nachträglichen Kritik zu unterwerfen. Eine zweite Ausgabe des „Lovell“ erschien im folgenden Jahre. Nahe lag die Frage, ob auch der „Zerbino“ einer Erneuerung bedürfe. Die Zustände der literarischen Welt, welche damals Bedeutung gehabt hatten, waren vorübergegangen, und die alten Thorheiten fast verschollen. Es konnte gerathen scheinen, das ganze Gedicht in die Gegenwart zu übersetzen. Auch hier gab es reichen Stoff. Aber das würde eine völlige Umgestaltung erfordert haben; das Gedicht selbst wäre ein anderes geworden. Herausgerissen aus dem natürlichen Boden, in dem es gewachsen war, hätte es Ursprünglichkeit und historischen Charakter verloren. Daher schien es besser es bestehen zu lassen, wenn auch nicht ohne Commentar verständlich, doch eigenthümlich. So war es ein Zeugniß der Zeit, in welcher es entstand.
10. Auswanderung.
Während Tieck in ländlicher Stille sich mit seinen Jugenddichtungen beschäftigte, rückte der große Kampf der Entscheidung näher. Die Zeit der Befreiung war gekommen. Geräuschlos hatte sich ein großer Umschwung vorbereitet.
Als die mittlern Provinzen im Sommer 1813 zu Schlachtfeldern wurden, hielt er es bei seinem unbehülflichen Zustande gerathen, sich und die Seinen den Wechselfällen des Kriegs, die nothwendig auch den nicht kriegerischen Theil treffen müssen, nicht zum zweiten Male auszusetzen. Wie viele Andere beschloß er nach Prag zu gehen. Durch Wilhelm von Humboldt, der preußischer Gesandter in Wien war, hatte er einen Paß und Empfehlungen an den Oberst-Burggrafen Kolowrat erhalten. Dort verlebte er den größten Theil des Sommers.
Die alte Stadt hatte ihren Charakter geändert. Der Friedenscongreß war eröffnet worden. Sie war der Sammelplatz der verschiedensten Personen, ihrer Hoffnungen und Befürchtungen. Wer dem unmittelbaren Drange des Krieges sich entziehen, wer den Ausgang in der Nähe beobachten, oder auf die weitere Entwickelung der Dinge einwirken wollte, Alles floß hier zusammen. Hohe Staatsmänner, Diplomaten, Agenten aller Art, Schriftsteller, Künstler und Auswanderer bewegten sich durcheinander, alle von gleicher Spannung beherrscht.
Einzelne bedeutende Erscheinungen erregten allgemeine Aufmerksamkeit und Theilnahme. Auch Tieck kam der staatsmännischen Welt näher. Er sah Stein, Humboldt kam von Wien, Niebuhr’s Bekanntschaft, mit dem er schon früher zusammengekommen war, erneuerte er. Doch die weiten Kreise dieser Männer waren nicht die seinen; es blieb bei gelegentlichen und vorübergehenden Berührungen.
Niebuhr’s stark ausgeprägter Charakter, seine Sicherheit, Gelehrsamkeit und umfassendes Gedächtniß, welches ihm in jedem Augenblicke Massen des verschiedensten Wissens darbot, erregten Tieck’s Bewunderung. So theilnehmend und freundlich sich auch Niebuhr zeigte, trat doch die Verschiedenheit der Naturen und Anschauungsweisen bald hervor. Es war der Gegensatz des strengen, realistischen Geschichtsforschers, des Staatsmanns und des Dichters. Wo dieser Phantasie und Kunst voranstellte, setzte jener die Anforderungen der praktischen Moral entgegen. In den Gesprächen und Kritiken über Dichter ward dies deutlich. Tieck schloß einmal eine Vorlesung des „Macbeth“ mit einer Darlegung seiner Ansicht der beiden Hauptpersonen, wie sie ursprünglich edle und großartig angelegte Charaktere seien. Eine Verkettung eigenthümlicher Umstände wandelt ihre Naturen um, und sie verfallen in eine Bösartigkeit, die sich zum Wahnwitze steigert. Diese Darstellung, welche den Entwickelungsgang Macbeth’s erklären wollte, schien seine Frevel zu entschuldigen. Niebuhr dagegen legte den historisch moralischen Maßstab an, und sah in Macbeth nur den verwerflichen Usurpator und Tyrannen. Er brach in die Worte aus: „Ich bitte Sie, liebster Freund, sprechen Sie doch nur so nicht! Es sind die abscheulichsten Charaktere, die es geben kann!“
Unter den ältern Freunden, welche Tieck wiedersah, war auch Brentano, mit dem er nach langer Unterbrechung hier in vertrauterem Umgange lebte. Brentano hatte sich in seiner Weise ausgebildet. Einige phantastische Dichtungen hatte er herausgegeben, im Geschmacke der romantischen Poesie, für deren bedeutendsten jüngern Vertreter er bereits galt. Ebenso geistvoll als sonderbar, war er doch eine ursprüngliche Natur. In Tieck sah er seinen Meister, mit ihm fühlte er sich in mehr als einem Punkte in Uebereinstimmung. Durch wiederholte Versuche, für ihn eine Stellung ausfindig zu machen, hatte er seine Freundschaft thatsächlich bewährt.
Brentano’s erster Eindruck war ein liebenswürdiger und gewinnender. Er war frisch, heiter, voll des besten Humors; schlagende Einfälle, unerwartete Wendungen standen ihm in Fülle zu Gebote. Es war schwer seinen Scherzen auf die Dauer Unmuth entgegenzusetzen. Er wußte trefflich zu erzählen, und hatte die anmuthig überredende Beredtsamkeit in seiner Gewalt; alles trug den Charakter der natürlichen Aufrichtigkeit, der man unmöglich zürnen konnte. Sah er sich des Irrthums überwiesen, so war Niemand bereitwilliger zu bereuen als er. Laut und heftig klagte er sich der Verkehrtheit an, und versprach mit sichtlicher Bewegung sich zu bessern. Bei längerem Umgange fielen indeß wiederholte Erfahrungen dieser Art auf. Er war weder so einfach, noch so unbefangen, als viele meinten. Er pflegte sonderbare Geschichten zu erzählen, die er erlebt haben wollte. Im Anfange glaubte man ihm, dann stiegen Bedenken auf, endlich kam man dahinter, er habe seinen Zuhörern Märchen aufgebunden. Ward er zur Rede gestellt, so erfolgten jene bewegten Versicherungen der Besserung, die nicht länger vorhielten als bis zur nächsten Geschichte derselben Art.
Für den Kundigen, der Brentano’s Verfahren kannte, war dieses Spiel eine Probe glänzenden Talents, aber auch eine merkwürdige psychologische Erscheinung. Tieck glaubte nie einen bessern Improvisator gesehen zu haben, aber auch Niemand, der graziöser und anmuthiger zu lügen verstanden hätte. Diese Verbindung von Witz und Schelmerei erinnerte ihn an die Charaktermasken des italienischen Lustspiels. Dies schien Truffaldin in seiner Urgestalt zu sein.