Schon in Jena als Student hatte Brentano dergleichen Geschichten aufgetischt. Er erzählte von einer kostbaren Ausgabe des Shakspeare, die er besessen und durch einen sonderbaren Zufall verloren habe. Eines Abends habe er eifrig in einem Bande gelesen, die übrigen standen vor ihm aufgereiht. Vom Lesen ermattet fallen ihm die Augen zu, er schläft ein. Plötzlich weckt ihn ein heller Lichtschein, er ist in Gefahr zu verbrennen. Das Licht hat die Bücher ergriffen, und sein kostbarer Shakspeare geht in Flammen auf. Ruhig ließ sich Tieck die Geschichte erzählen, dann fragte er: „Heißen Sie etwa davon Brentano?“

Bedenklicher ward es, wenn diese Abenteuerlichkeiten mit dem Anspruche sittlichen Ernstes, oder als moralische Beichte auftraten. Nirgends brachte er dergleichen lieber an als bei Frauen. Gern und viel unterhielt er sich mit gebildeten und empfindungsvollen Frauen, dann entfaltete er mit Behagen alle glänzenden Seiten seines Talents, man hing an seinem Munde, und bald war er der erklärte Liebling der Damengesellschaften. Er wußte nicht nur zu unterhalten, sondern auch das Herz leicht zu rühren, und die Thränen in Fluß zu bringen. Nichts that er lieber als das. Das nächste und bequemste Thema für solche Gespräche war er selbst. Er begann mit Selbstanklagen, er schilderte seine Seelenzustände. Viele Vorwürfe habe er sich zu machen, und vieles zu bereuen, er sei ein schlechter Mensch. Aber es habe ihm an der nöthigen Leitung gefehlt; wie ganz anders würde sein Leben geworden sein, wenn er immer in so trefflicher Gesellschaft hätte sein können. Doch noch sei es nicht zu spät; er werde sich bessern, wenn es edle Frauen übernähmen ihn auf den rechten Weg zu leiten. Ein solcher Aufruf an den Tugendeifer verfehlte selten die Wirkung. War es endlich zur Rührung gekommen, so brach er ab und ging seines Erfolges froh von dannen. Er lachte seiner weichherzigen Zuhörerinnen und rief im nächsten Augenblicke aus: „Nun glauben die Gänse dort wirklich alles, was ich ihnen erzählt habe!“

Tieck hielt es für gerathen, sein Haus durch ein bestimmtes Abkommen vor diesen magischen Einwirkungen zu schützen. „Lügen Sie den Frauen vor, soviel Sie wollen, nur eine Bedingung mache ich, lassen Sie es heiter sein!“ Brentano versprach die Rührung nicht in Anwendung zu bringen. Dennoch konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Eines Tages benutzte er Tieck’s Abwesenheit, um seine gewöhnlichen Künste spielen zu lassen. Als dieser nach Hause kam, fand er die Frauen in Thränen, und Brentano in ihrer Mitte. „Plagt Sie denn der Teufel?“ rief er dem Improvisator zornig zu. „Sie haben ja unsere Verabredung vergessen!“

Dieses Talent bewährte sich auch in anderer Weise. Später als gewöhnlich kehrten beide eines Tages vom Spaziergange zurück. Brentano hatte die Entschuldigung übernommen, und sich anheischig gemacht, die absonderlichsten Dinge vorzubringen und Glauben zu finden. Er erzählte mit dem Anscheine reinster Wahrheit eine abenteuerliche Geschichte, die ihnen widerfahren sein sollte. Als er die Zuhörerinnen überzeugt sah, wendete er um. Er wolle es eingestehen, er habe sich einen Scherz erlaubt, doch jetzt werde er ihnen sagen, wie sich die Sache in der That verhalten habe. Nun begann ein zweites Märchen, dem endlich noch ein drittes folgte, und alle drei fanden Glauben, obgleich eines das andere Lügen strafte. Jedes Mal war seine Erfindung neu und eigenthümlich, und endete mit einem vollständigen Siege, bis er selbst dieses Spiels müde ward.

Es war ein gefährliches Talent, denn oft spann er sich so in seine Erfindungen ein, daß er selbst daran glaubte. Dämonisches Wesen, Phantasie, Reizbarkeit des Gefühls, Selbsttäuschung und Lust an der Täuschung gingen ineinander über; es war schwer, seinen Seelenzustand klar zu erkennen. Später wurden die wiederkehrenden Vorwürfe und Anklagen bei ihm stehend. Diese Gemüthsanlage bekam eine andere Richtung, er war in einem Zustande dauernder Selbstpeinigung, und suchte endlich Ruhe in streng kirchlicher Frömmigkeit und katholischer Ascetik.

Auch Ludwig Robert aus Berlin näherte sich Tieck freundschaftlich. Flüchtig hatte er diesen jungen Mann früher in den Gesellschaften seiner Schwester Rahel gesehen. Jetzt führten die Kriegswirren auch ihn nach Prag. Es war eine kleine, feine Gestalt, das Gesicht häßlich, aber charakteristisch. Er besaß Geist und Talent, doch seine dichterischen Versuche hatten etwas Hartes, Sprödes. Er war mehr reflectirt und absichtsvoll als einfach und unmittelbar. Früh war er mit den Wortführern der neuern Schule bekannt geworden. Doch diese phantastische Richtung, in der er sich anfänglich bewegte, entsprach seinem Wesen nicht. Dann ward er ein entschiedener Anhänger Fichte’s. Eine gewisse Herbigkeit blieb ein Grundelement seines Charakters; Sarkasmen und schneidende epigrammatische Schlagworte waren in Rede und Schrift seine Lieblingsform. Diese Bitterkeit wuchs durch seine persönliche Stellung. Obwol zum Christenthum übergetreten, war doch ein Stachel in ihm zurückgeblieben. Vergebens suchte er einen Punkt, wo er die Kräfte angemessen entfalten konnte. Die Formen des öffentlichen Lebens genügten ihm nicht. Er sagte wol von sich, er mache Opposition gegen Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft. Seine Stimmung war unbefriedigt und ruhelos; er ward mistrauisch und empfindlich, gereizt und bitter.

Als Dichter hatte er sich dem Drama mit Vorliebe zugewendet, und suchte nach einer realistischen Poesie; zugleich ward sie der Ausdruck seiner Verstimmung. So entstand das bürgerliche Trauerspiel „Die Macht der Verhältnisse“, welches er in Prag Tieck vorlas, auf den es den peinlichen Eindruck eines Tendenzstücks machte.

Zu den merkwürdigsten Bekanntschaften gehörte die Beethoven’s. Mozart hatte einen Nachfolger gefunden, um den sich zahlreiche Bewunderer reihten. Nicht unbedingt vermochte Tieck einzustimmen, er gehörte der ältern Richtung an. Wenngleich er die Genialität, die gewaltige und erschütternde Kraft des jüngern Meisters in der Instrumentalmusik erkannte, so sprachen ihn doch weder seine Liedercompositionen noch selbst seine Oper an. Er vermißte in beiden das eigentlich Gesangmäßige, die einfachsten Töne der Musik, jene hohe und klare Heiterkeit, die den Tonwerken Mozart’s den Charakter der abgeschlossenen und vollendeten Kunst verlieh. Auf Beethoven’s Musik lastete der Druck der Schwermuth, der Schmerz einer gewaltigen Natur.

Er selbst machte einen unheimlichen Eindruck. Er war finster, auffahrend, jähzornig und unberechenbar in den Ausbrüchen seines Gefühls. Dennoch gestaltete sich das Verhältniß zwischen ihm und Tieck freundlich; dieser besuchte ihn nicht selten. Dann setzte er sich an das Instrument, phantasirte Stunden lang, und entfaltete eine staunenswerthe Gewalt. Doch plötzlich ergriff es ihn wie eine fremde, dämonische Macht, mitten im Takte sprang er auf, und stürmte zur Thür hinaus. Heftiger noch brach ein anderes Mal die Leidenschaft hervor. Tieck hatte auf dem Schreibtische einen zierlichen Gypsabguß bemerkt. Es war der Porträtkopf eines vornehmen östreichischen Magnaten, mit dem Beethoven in Verbindung stand. Er machte einige gleichgültige Bemerkungen über die Arbeit; da springt Beethoven zornig auf, ergreift die Statuette, stürzt in den Vorsaal, und schleudert sie unter lauten Verwünschungen über das Geländer der Treppe, daß sie zerschellend auf dem gepflasterten Boden der Hausflur niederfällt. An eine Fortsetzung der Unterhaltung war für heute nicht zu denken.

Gemüthlicher war der Umgang mit Liebich, dem Director des ständischen Theaters. Er gehörte zu den maßvollen und verständigen ältern Schauspielern. Künstlerische Einsicht verband sich bei ihm mit Anspruchslosigkeit und Einfachheit. Im bürgerlichen Schauspiele und feinern Lustspiel war er ausgezeichnet. Er besaß Iffland’s sicheres und wirksames Spiel, ohne in dessen Manier zu verfallen, und auch als Mensch war er achtungswerth.