Diese Erörterungen hinterließen einen unangenehmen Eindruck. Es wurde beschlossen, Tieck sollte ein anderes Zimmer beziehen. Doch er widersprach, er fing an auf den weitern Verlauf der Geschichte begierig zu werden. Nicht ohne Schauer betrat er am Abend das spukhafte Zimmer, doch die Nacht verging ohne Störung, er schlief nach allen Anstrengungen trefflich, und hat den alten Beeren nie wieder gesehen.

Es schien damals in Berlin eine geisterhafte Atmosphäre zu herrschen. Die Erscheinungen des thierischen Magnetismus fingen an Aufsehen zu erregen. Sie setzten Aerzte, Naturforscher und Philosophen in Bewegung. Man hatte Beobachtungen und Erscheinungen, zu denen man kein Gesetz auffinden konnte. Man stritt und haderte, und Gläubige und Zweifler theilten sich in feindliche Heerlager. Es hatte sich ein früher nicht geahntes Geheimniß aufgethan. Die berufene berlinische Aufklärung war alterschwach geworden, sie wußte mit diesen Dingen nichts anzufangen.

Auch für Tieck waren diese Wunder anziehend; immer hatte er die geheimnißvolle Seite der Natur im Auge gehabt. Dennoch stand er diesen Dingen kühler gegenüber. Ohne über die Erscheinungen an sich aburtheilen zu wollen, waren die Ergebnisse derselben häufig sehr geringfügig. In der Mitte der Gläubigen stand ein als Magnetiseur bewunderter und gesuchter Arzt, der Medicinalrath Wolfardt. Als Tieck ihn einst besuchte, sah er ein junges Mädchen im magnetischen Schlafe auf dem Sopha liegen, mehrere beobachtende Personen standen umher. In einem entfernten Nebenzimmer war Wolfardt; er suchte nach einem Recepte, dessen er im Augenblicke bedurfte. Da erschien die Hellseherin unerwartet an der Schwelle des Zimmers. „Sie suchen rechts!“ sagte sie, „das Recept liegt in dem Schubfache links, oben.“ Und wirklich fand es sich hier.

Bisweilen konnte Tieck sich kaum des Gedankens erwehren, dieser Mann übe auf ihn selbst einen magnetischen Einfluß aus. Von heftigen Kopfschmerzen geplagt, mußte er eine Gesellschaft besuchen. Als er eintrat, stand der Magnetiseur in der Mitte aufmerksamer Zuhörer, er sprach eifrig und unter lebhaften Bewegungen der Hände. Tieck trat hinzu und blieb längere Zeit in seinem Bereiche. Die Schmerzen verschwanden allmälig, und er fühlte sich frei und leicht.

Ueberhaupt gehörte sein Aufenthalt in Berlin diesmal zum großen Theil den Aerzten. Er sah Hufeland, Behrens und Reil. Als er Behrens wegen seines Leidens befragte, gab ihm dieser den praktischen Rath, viel Burgunder und Champagner zu trinken, dann werde er ohne Zweifel das Podagra bekommen, und von allen andern Uebeln befreit werden.

Anders fiel seine Unterredung mit Reil aus, dessen Scharfblick und Originalität bekannt war. Beobachtend und ohne ihn zu unterbrechen, hörte dieser die Geschichte seiner Krankheit an. Dann sagte er: „Gehen Sie im Zimmer auf und nieder, aber fest und schnell!“ Tieck folgte dem Befehle. „Nun sprechen Sie so laut Sie können!“ Es geschah. „Holen Sie tief Athem, und hauchen Sie mich an!“ „Jetzt lesen Sie eine halbe Seite aus diesem Buche!“ So folgte eine Weisung der andern. Endlich schwieg er und sah Tieck durchdringend an. „Ich habe in meinem Leben viel unverschämte Kranke gesehen“, begann er, „aber keinen der unverschämter gewesen wäre als Sie. Alle diese Bewegungen können Sie sicher ausführen und sind noch nicht zufrieden? Was verlangen Sie denn noch mehr bei Ihrem Zustande? Danken Sie Gott, daß Sie soviel Kraft und Gesundheit haben!“ Es war der Trost der Trostlosigkeit, den ihm der große Arzt gab, doch er erschien im Gewande des Humors und verfehlte seine Wirkung nicht.

12. Neue Freunde.

Einen Wendepunkt in Tieck’s Leben bezeichnete die Freundschaft mit Solger. Dieser war fast um acht Jahre jünger. Ursprünglich Kameralist lebte er doch allein dem Studium der Philosophie, der alten Sprachen und der neuen Literatur. In der Zeit des ersten Eindrucks der Kritik der Schlegel und der Dichtungen Tieck’s hatte er sich gebildet. Wie er Goethe verehrte, entschied er sich auch für Tieck, dessen weitere Entwickelung er mit Theilnahme verfolgte. Endlich begann er in der Philosophie nach Schelling einen eigenen Weg zu gehen. Er wurde als Professor nach Frankfurt an der Oder berufen, und von da an die neu begründete Universität zu Berlin versetzt.

Im Frühjahr 1808, vor seiner Reise nach Wien, sah ihn Tieck zum ersten Male bei dem gemeinschaftlichen Freunde Hagen. Zwei Jahre später, als er nach dem Norden Deutschlands zurückkehrte, besuchte er ihn in Frankfurt. Es kam zu einer Annäherung, und aus allgemeinen literarischen Berührungen entstand ein geistiger Verkehr, der durch Briefwechsel und Besuche unterhalten und gesteigert wurde. Entscheidend war eine gemeinsame Reise im Jahre 1811. Tieck hatte soeben seine Badecur in Warmbrunn beendet, als Solger auf einer Gebirgsfahrt begriffen dort eintraf. Bis Schmiedeberg reisten sie zusammen, und seit diesen Gesprächen stand ihre Freundschaft fest.

In keinem entscheidendern Augenblicke hätte sie eintreten können. Tieck fühlte, die frühere Richtung in Poesie und Wissenschaft konnte er nicht mehr verfolgen, er suchte nach einer andern, neuen. Noch schien es zweifelhaft, wohin seine Natur ihn führen werde. Durch das Studium Jakob Böhme’s war das Dunkle und Mystische in ihm, dem er früher unbewußt, als einer ursprünglichen Kraft seines Wesens gefolgt war, zur Entfaltung gekommen. Immer mehr hatten ihn diese wunderbaren Gedanken umsponnen, sie erwuchsen zu einer furchtbaren Macht, welche alles Andere zu verschlingen drohte, sie beherrschten Talent, Gefühl und Stimmung. Aus ihm selbst hatte sich etwas erhoben, das nicht mehr er selbst war.