Während seiner Krankheit in Italien fing er an sich den alten Zauberkreisen zu entziehen. Hatte Jakob Böhme in der That die letzten Räthsel gelöst? Wie wollte er seinen Lucifer mit Gott ausgleichen? Gerieth er nicht in die Gefahr eines furchtbaren Dualismus? Mit diesen Zweifeln kehrte auch die alte Unsicherheit zurück, aber nicht der jugendliche Muth, der früher siegreich darüber hingegangen war, und in seinen Schöpfungen Genüge gefunden hatte. Es war ein festes geschlossenes System, das ihn beherrschte, ein philosophischer Glaube, den er aufgeben mußte, wenn er frei werden wollte. Aber nun wurden Zweifel und Schwankungen doppelt quälend.

Da trat ihm Solger entgegen, ein Charakter wie er ihn suchte; klar und vielseitig, gelehrt und tiefsinnig, forschend und sicher ohne absprechend zu sein, offen und voll Antheil an jeder Seite menschlichen Daseins. Er sah die Welt in Religion und Geschichte, in Kunst und Poesie, er wollte sie nicht construiren, nicht von neuem schaffen, er suchte nach den gestaltenden Principien. Er war ein Bewunderer der alten, aber nicht minder der großen modernen Dichter. Mit Shakspeare und der spanischen Literatur war er vertraut. Hier war nichts von dem, was Tieck bei Philosophen und Philologen fürchtete, und weshalb er sie stets mit einer Art Scheu betrachtet hatte; nichts von der herrschsüchtigen Zuversicht des Systems, von einseitiger Schärfe und zersetzender Splitterrichterei, keine fertige Schulmanier, die für Alles ein Schlagwort in Bereitschaft hat; es war überall Erlebtes. Er fand wieder, was ihn selbst erfüllte. Mit keinem seiner Freunde vermochte er ein so offenes, eingehendes und allseitiges Gespräch zu führen als mit Solger. Es war ein ruhiges Versenken in den Gegenstand, ein wahres Zwiegespräch, ein Austausch der Geister. So große persönliche Anregungen hatte Tieck seit Novalis nicht empfangen.

Aus dem „Erwin“ und den „Dialogen“ machte er ein Studium. Der Genuß wurde für ihn dadurch erhöht, daß ihm Solger die eben beendeten Gespräche im Manuscript zuschickte, und seine Bemerkungen darüber erbat. Stets sah er diesen Sendungen mit Spannung entgegen. Mit derselben Begeisterung, wie in der Jugend die Dichter, las er jetzt den Philosophen. Ergänzend kamen Solger’s Briefe hinzu. In diesen Werken erkannte er seine innersten Gedanken und Erfahrungen.

Mit keinem Philosophen war er so weit gekommen, auch mit Jacobi nicht, der ihm noch am nächsten gestanden hatte. Immer war es ihm gewesen, als wenn sie über eine trennende Kluft zueinander hinübersprächen. Das unmittelbare Leben, welches er bei großen Dichtern und Mystikern fand, das er in seinen Dichtungen darzustellen suchte, von dem er sprach als von etwas Geheimnißvollem, hatten manche als Träume seiner Poesie behandelt, und wollten es nicht kennen. Hier war ein Philosoph, der ihn verstand; nicht in unsichern Umrissen, oder versetzt mit fremden und trüben Mischungen, sondern in festen Formen fand er seine Gedanken wieder. Es war die innere Blutsverwandtschaft der Religion, der Philosophie, der Kunst, an welche er stets geglaubt hatte, und die ihm in andern Systemen im abstracten Gegensatze, in feindlicher Trennung erschienen waren. Seine Ahnungen wurden zum gesetzmäßig Gedachten, und die Denkformen erfüllten sich mit einem realen Inhalte. Jetzt war ihm die Philosophie weder eine bloße Gymnastik des Denkens, noch ein Construiren und Entstehenlassen Gottes. In einen neuen Zusammenhang rückte Alles ein, er lernte im wahren Sinne des Worts.

Bisher hatte er in einem instinctiven Zustande gelebt, und sich dem Eindrucke der Kunst und des Schönen hingegeben, ohne das philosophische Bedürfniß zu haben, sich über das Wesen desselben klar zu werden. Was es an sich war, was es in ihm wirkte, war ihm unterschiedlos Eins; er nahm Eines für das Andere. Aus dieser Quelle war in seinen Phantasien und Dichtungen manches entsprungen.

Der unmittelbare Verkehr mit Solger hielt diese Bewegung in stetem Flusse. Kein Jahr verging, wo sie sich nicht gesehen hätten, wo Tieck nicht auf einige Tage in Berlin gewesen, oder der Freund ihn nicht im Frühlinge oder Herbste besucht hätte. Oft begannen ihre Unterhaltungen am frühen Morgen, und nach kurzen Unterbrechungen fand der späte Abend sie noch im tiefen Gespräche. Einzelne, oft nur leichte Andeutungen Solger’s durchzuckten ihn mit der Gewalt des Blitzes, und warfen vor- und rückwärts auf ganze Gedankenreihen ein neues, helles Licht. So wirkte eine Aeußerung über das Böse als das reale Nichts wie eine plötzliche Offenbarung auf ihn, und von hier aus entwickelten sich ihm neue fruchtbare Gedanken, die er später mannichfach verarbeitete.

Kein Gedanke aber ergriff ihn tiefer vom ersten Augenblicke, wo er ihm bei Solger begegnete, und beschäftigte ihn länger als der der Ironie, über die am Schlusse des „Erwin“ einige Andeutungen gegeben waren, und von der Solger ihm später einmal im Jahre 1818 schrieb: „Die Mystik ist, wenn sie nach der Wirklichkeit hinschaut, die Mutter der Ironie, wenn nach der ewigen Welt, das Kind der Begeisterung oder Inspiration. Sie haben das, was ich Mystik nenne, Poesie genannt; ich nenne es auch so, auch Religion, je nachdem sie sich ihrer nach beiden Seiten bewußt oder unbewußt ist. Was ich aber Mystik für sich nenne, ist die lebendige und unmittelbare Einsicht, die sie auf allen Stufen in sich selbst hat, und deren Entwickelung wieder die Philosophie ist.“ Das waren Gedanken, die ihn seit früher Zeit dunkel erfüllt hatten, und denen er bei seinen ersten Dichtungen unbewußt gefolgt war; schon beim „Lovell“, dann bei seinen satirischen Dramen. Um die unmittelbare Gegenwart des Göttlichen zu offenbaren, mußte die menschliche Wirklichkeit verschwinden; dies war die tragische Seite der Ironie, während das Göttliche aufgehend in das Leben der Zerstückelung und Widersprüche, in die menschliche Sphäre verpflanzt, zum Gegenstand der Komödie wird; darum ist auch in dem Komischen von der Ironie der Ernst unzertrennlich.

Zu ihnen gesellte sich auch Friedrich von Raumer, der früher schon mit Solger in freundschaftlicher Verbindung gestanden hatte. Unter der Leitung des Staatskanzlers Hardenberg hatte er im Fache der Verwaltung gearbeitet; doch entsagte er dieser Laufbahn, um eine Professur der Geschichte und Politik in Breslau anzunehmen. Schon 1810 besuchte er Tieck in Ziebingen. Auch hier ergab sich aus den ersten Unterredungen ein näheres Verhältniß, das durch Briefe und Besuche fortgesetzt wurde, und zu einer wahren und dauernden Freundschaft führte. Mit Interesse verfolgte Tieck die historischen Forschungen Raumer’s. Er sah das Werk über die Hohenstaufen entstehen, und las es, nicht ohne eine bedeutende Rückwirkung zu erhalten, zum großen Theil bereits im Manuscripte. So traten ihm Politik, Geschichte, die historische Gegenwart ebenfalls näher.