Ausschließlich hatte er früher der Vergangenheit gelebt, soweit sie der Sage und Literatur angehörte, die thatsächlichen Zustände der Gegenwart im Einzelnen beschäftigten ihn wenig. Andere Kräfte und Elemente kamen jetzt hervor, und indem der Dichter in der Mitte zwischen dem Philosophen und Geschichtsforscher stand, und in ein neues Verhältniß zur idealen und realen Welt trat, vollendete sich seine Umbildung. Der Verkehr der drei Freunde war der innigste und reichste. Sie ergänzten und förderten sich gegenseitig, da jeder eine eigenthümliche Seite des Lebens darstellte. Daraus ergab sich der Gedanke einer Zeitschrift für Philosophie, Poesie und Geschichte, deren Herausgeber Solger sein sollte, und in der sie die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Thätigkeit niederlegen wollten.
Aber auch in der engern Umgebung fehlte es nicht an Freunden, bei denen Tieck in seinen Studien und Dichtungen Anregung und Theilnahme fand. Außer seiner Familie waren Graf Finkenstein, Burgsdorff und dessen Angehörige, und Wilhelm von Schütz, einer seiner frühesten Schulfreunde, der seit einiger Zeit in Ziebingen lebte, die nächsten; selbstthätig nahm dieser an der romantischen Poesie Theil. Nach spanischen Musterbildern war sein Trauerspiel „Lacrimas“ gearbeitet, das eine Zeit lang neben F. Schlegel’s „Alarcos“ unter den Dramen der Romantiker einen gewissen Ruf hatte. Er war enthusiastisch aber unklar. Auch in Kadach, dem Prediger in Ziebingen, einem verständigen und wissenschaftlichen Manne, hatte Tieck einen Freund gefunden.
So lebte er in diesen Jahren ein einfaches Stillleben, das ohne bedeutende äußere Unterbrechung zwischen Freunden, dichterischen Productionen, geistiger Arbeit, und körperlichen, niemals ganz ruhenden Leiden, sich auf- und abbewegte. Es war ein enger Kreislauf, von dem die Welt nur selten wie von einem fern entlegenen Dasein Kunde erhielt. Fast schien er in einem zeitlosen Zustande zu leben. Mit Befriedigung sah er Auf- und Niedergang der Sonne, Frühling und Herbst an sich vorüberziehen, und was er einst als Knabe über ländliche Einsamkeit geschrieben hatte, erfüllte sich hier. Wenn er die Mitwelt vergaß, so blieb ihre Rache nicht aus, indem sie ihn als einen Verschollenen zu betrachten anfing, der schon mehr der Literaturgeschichte als dem gegenwärtigen Leben angehöre. Sonderbare Gerüchte waren über ihn in Umlauf gekommen. Früher hatte es geheißen, er denke daran in Ziebingen Prediger zu werden. Ein anderes Mal übersandte ihm ein Durchreisender einen Zettel mit der Aufforderung, durch die Kraft seiner Muse das vergessene Ziebingen wieder in Ruf zu bringen.
Seit dem Erscheinen des ersten Theils des „Phantasus“ waren mehrere Jahre verflossen. Jetzt kam diese Sammlung zu einem gewissen Abschlusse. In den Jahren 1815 und 1816 vollendete er den „Fortunat“. Es war ein alter, im Jahre 1800 entworfener Plan, der endlich ausgeführt wurde. Zum letzten Male behandelte Tieck einen dem Mittelalter entlehnten Sagenstoff dramatisch. Aber schon dieses Werk gab Zeugniß von der eingetretenen Umwandlung, es war weder so mittelalterlich gläubig wie „Genoveva“, noch so bunt wie „Octavian“. Er suchte sich in den Grenzen der Bühne zu halten; auf eine mehr dramatisch wirksame Concentrirung war er ausgegangen. In dem zweiten Theile, den er für den vollendetern ansah, bewältigte die Dichterkraft den Märchenstoff. Hier hielten sich Humor und Tragik das Gleichgewicht; hier wehte der Geist Shakspeare’s. Zugleich gab die 1817 erscheinende Sammlung „Altdeutsches Theater“ und die Vorrede dazu einen neuen Beweis seiner allseitigen dramaturgischen Studien.
13. London und Paris.
Längst hatte er gewünscht das Vaterland seines Dichters kennen zu lernen, den Boden, der zugleich Schauplatz der meisten und gewaltigsten Tragödien desselben war. Es war von Wichtigkeit, in die Hülfsmittel Englands für diese Literatur Einsicht zu gewinnen. Im Verlaufe einer fünfundzwanzigjährigen Erforschung Shakspeare’s und des englischen Dramas, hatte er eine umfassende Kenntniß dessen erworben, was die deutschen Bibliotheken darin aufzuweisen hatten. Aus eigener Anschauung oder durch Vermittelung von Freunden wußte er was Göttingen, Dresden, Berlin und Kassel besaß. Viele ältere englische Dramen, selbst solche, die unter Shakspeare’s Namen gingen, suchte man hier vergeblich. Es schien nicht möglich sie in Deutschland herbeizuschaffen. Mit Freuden ergriff er daher auch diesmal einen Plan seines reisefertigen Freundes Burgsdorff, ihn 1817 nach England zu begleiten.
Endlich war ein allgemeiner und dauerhafter Friede gewonnen. Mit dem Gefühle der Sicherheit kehrten auf allen Lebensgebieten die alten, lang zurückgedrängten Neigungen wieder. Es war anziehend, jetzt im ersten Augenblicke friedlicher Beruhigung London und Paris, denn auch dieses sollte besucht werden, zu sehen.
In den ersten Tagen des Mai 1817 traten sie die Reise an. Sie nahmen ihren Weg durch das nördliche Deutschland nach den Rheingegenden und den Niederlanden, die Denkmäler der alten Kunst wurden zunächst Gegenstand der Betrachtung, soweit es die Eile verstattete. Die Augen des lebenden Geschlechts hatten sich für die Größe nationaler Vergangenheit geöffnet, die Kunstwerke der deutschen Vorzeit, über die man kalt und gleichgültig hinweggesehen hatte, erschienen jetzt in neuem, glänzenden Lichte.
Die Freunde betraten zuerst die alten Dome in Magdeburg und Halberstadt, und rasteten dann in Göttingen. Es war ein bewegtes Wiedersehen nach der Studienzeit, die nun schon ein Vierteljahrhundert hinter ihnen lag. Sie besuchten die Bibliothek, die jetzt unter der Leitung des in der neuen Literatur gelehrten Beneke stand, sie sahen Hugo, Heeren und einige andere Notabilitäten der Universität, auch Fiorillo, ihren alten Lehrer. In Marburg erfreuten sie sich der alten Kirche, dann der herrlichen Lage Wetzlars und Limburgs und der dortigen Alterthümer. In Koblenz verweilten sie bei Görres, der auch der altdeutschen Kunst lebte. Er besaß nicht unbedeutende Sammlungen, mit denen er seine Wohnung geschmückt hatte, und hielt es für Pflicht den Dichter der „Genoveva“ zur Kapelle der heiligen Genoveva bei Andernach zu führen, die sammt der Quelle beim Volke im Rufe heilbringender Kraft stand. Wichtiger war es für Tieck Max von Schenkendorf kennen zu lernen, den Dichter der Freiheitskriege, dessen schönes lyrisches Talent er achtete. Görres begleitete sie nach Köln, dem deutschen Rom, wo sie mit Walraf, Grote und andern Alterthumsforschern bekannt wurden.