Weiter ging es nach Brüssel, Mecheln, Antwerpen, Gent und Brügge. Es waren zum Theil die Kunstwanderungen seines Sternbald, welche Tieck zwanzig Jahre später nachholte. In diesen Städten war noch das alte deutsche Leben in ursprünglicher Fülle zu Hause. Hier gab es Kathedralen, Bilder von Eyck, Hemlink, Rubens. Auch der Menschenschlag trug den festen, sichern Zuschnitt eines wohlgegründeten, althistorischen Daseins.
Von Calais gingen sie über den Kanal. Am Morgen des 29. Mai sahen sie die Küste von England. Im Nebel, zwischen grauer See und Wolken, lagen die Kreidefelsen von Dover vor ihnen. Es war trübes Wetter, und der erste Anblick kein heiterer. Doch für manche Unannehmlichkeiten entschädigte schon der Besuch der Kathedrale von Canterbury. Tages darauf waren sie in London. Bald fanden sich alte und neue Bekannte zusammen; Burgsdorff’s alter Freund, der Baron von Bielfeld, Leopold von Buch, der geniale Naturforscher und Reisende, der durch sein schroffes, aber immer originales Wesen anzog.
Für Tieck gab es in London zwei Punkte, die vor andern seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, das Museum und das Theater. Bald überzeugte er sich, wie unentbehrlich die Kenntniß der Schätze des ersten für seine Shakspearestudien sei. Aus Handschriften und seltenen Drucken copirte er manches alte Drama. Eine freundliche Unterstützung dieser Arbeiten fand er bei dem jüngern Schlichtegroll, der auf dem Britischen Museum beschäftigt war, und auch später manchen Auftrag für ihn ausführte.
Auf der Bühne war es Tieck vergönnt, Kemble und Kean nebeneinander zu sehen. Der erste war im Begriffe, seine theatralische Laufbahn zu schließen. Tieck sah ihn in den größten Rollen Shakspeare’s, als Brutus, Percy, Wolsey, Hamlet, endlich als Coriolan, worin man sein Spiel stets am meisten bewundert hatte. Lange war er der Liebling des Publicums gewesen. Unter ausbrechenden Thränen nahm er nach der letzten Vorstellung von den Zuschauern und der theatralischen Wirksamkeit Abschied. Wahrhaft wüthende Ausbrüche der Verehrung folgten, mit denen das Publicum den berühmten Schauspieler überschüttete. Es war eine Scene des ungeheuersten Lärms und Tumults. Kemble war ein bedeutender Schauspieler, dennoch entsprach er nicht dem, was Tieck von der Kunstvollendung forderte, und selbst gesehen hatte. Früher mochte Kemble’s Spiel wirksamer gewesen sein; jetzt im vorgerückten Alter hatte er an Kraft und Stimme eingebüßt. Für jugendliche Rollen reichten beide nicht mehr aus. Er declamirte mehr als er spielte. Doch in der Herrschaft über Sprache und Ton zeigte er sich als Meister. Seine Rede glich einem klaren, gleichmäßigen Flusse, der aber endlich ermüdet. Um so größer war die Wirkung, die er durch einzelne, unerwartet und selten angewendete Accente hervorrief. Oft glaubte Tieck Iffland wieder zu hören.
Mit andern Mitteln wirkte Kean als Hamlet und Richard III. Er war der vollendete Gegensatz Kemble’s, und bei weitem mehr Manierist. Sein Ton war scharf, eindringend, zum Humoristischen neigend. Er zerschnitt und zerriß die Rede, er war in steter Unruhe; heftig fuhr er auf der Bühne hin und her. Die wirklich bedeutenden Momente waren bei ihm seltener. Man kam nicht zum ruhigen Genusse. Talma zu sehen gelang nicht. Mit der George gab er einzelne Scenen auf dem Theater der großen Oper bei einem nach deutschen Begriffen ungeheuer hohen Eintrittsgelde. Im Ganzen stand das englische Theater tiefer als das heimische. Die Manier herrschte, der letzte Ton der Naturwahrheit war verloren gegangen. Ohne Verständniß und Achtung des Dichters verarbeitete man Shakspeare’s Dramen durch Abkürzungen und Zusammenziehungen wahrhaft barbarisch, oft bis zur Unkenntlichkeit. Von der Bedeutung und Wirkung des Ganzen hatte man keine Idee.
Was neben den Studien an Zeit übrig blieb, gehörte den Kirchen und Galerien, dem Tower, der Stadt, dem Leben im Allgemeinen. Auch bei der Einweihung der neuen Waterloobrücke waren sie zugegen. Doch war für Tieck dies Treiben nicht eben leicht. Oft seufzte er über die weiten Entfernungen in der großen Stadt, und die Eigenthümlichkeiten der Sitte gaben ihm, der an deutsche Hausordnung gewöhnt war, in Scherz und Ernst zu mancher Aeußerung des Unmuths Gelegenheit. Er fand, das Leben werde bei allen Vorrichtungen zur Bequemlichkeit wieder unbequem; und wer Deutschland in seiner Weise wolle schätzen lernen, müsse ins Ausland gehen. Auch London wollte ihm nicht gefallen. Der alterthümlichen Reste waren weniger als er geglaubt hatte, und diese wurden durch neue Bauwerke, und das Handels- und Fabriktreiben der modernen Welt verdrängt.
Doch mußte er die Freundlichkeit der Engländer, deren Bekanntschaft er machte, rühmen. Man wußte mehr von ihm, als er erwartet hatte. Das Lob, welches ihm die Staël ertheilt hatte, war nicht ohne Wirkung geblieben. Seine Schriften waren bekannt, und die Arbeiten über Shakspeare konnten auf Zustimmung und Förderung rechnen. Unter den englischen Schriftstellern fand er einen Bekannten wieder, Coleridge, den Kenner der deutschen Literatur und Uebersetzer des „Wallenstein“. Er hatte ihn zehn Jahre früher in Rom gesehen, und in freundlichen Beziehungen zu ihm gestanden. Auch schätzte Coleridge Tieck als Dichter und Kritiker.
Shakspeare war Gegenstand ihrer häufigen Unterhaltungen. Coleridge kannte seine Ansichten über die englischen Commentatoren, und daß er über den Entwickelungsgang des Dichters und die Reihenfolge der Stücke eine andere Meinung aufgestellt habe. Eines Abends bat er ihn um ausführliche Mittheilung derselben. Tieck erklärte sich bereit, wenn er sie im Zusammenhange und ohne Unterbrechung vortragen könne. Es war zehn Uhr Abends, als er begann, Mitternacht vorüber, als er schloß. Schweigend hatte Coleridge zugehört; ohne ein Wort der Erwiderung sagte er gute Nacht. Am andern Abende kam man wieder zusammen. „Ich habe“, fing er an, „Ihre Ansichten die ganze Nacht hindurch überlegt; und Neues daraus gelernt. Ich finde, Sie haben in vielen Punkten Recht.“ Auf eine so unumwundene Zustimmung hatte Tieck nicht gehofft. „Dennoch“, fuhr er fort, „kann ich sie nicht annehmen!“ „Und warum nicht?“ fragte Tieck überrascht. „Weil ich sie nicht annehmen will, denn sie widersprechen Allem, was man bisher in England über Shakspeare gedacht und geschrieben hat.“ Gegen einen so nationalen Gesichtspunkt auch in der Kritik war schwer anzukämpfen. Doch erwies sich Coleridge freundlich und behülflich, und durch seine Vermittelung kam Tieck in Berührung mit Southey und dem Novellisten Godwin.
Endlich wünschte man England außerhalb Londons kennen zu lernen. Wohin anders konnte dieser Ausflug gehen, als nach dem Geburtsorte Shakspeare’s? Zuerst nach Oxford. Aber auch der Natur konnte Tieck keinen Geschmack abgewinnen. Es war ein üppig grünendes, ein herrlich bestelltes Land, durch das sie fuhren; aber es war eine gemachte, eine zugeschnittene Natur, den Charakter der Ursprünglichkeit hatte sie verloren. Es fehlte ihr die Unmittelbarkeit, jene Heiligkeit, wie er es nannte, welche das Gefühl anspricht, und die ihn selbst in den ärmlichen Gegenden der Heimat oft gerührt hatte. Durch die Industrie war sie des dichterischen Duftes beraubt worden.
In Warwickshire standen sie auf dem Boden Shakspeare’s und seiner Helden. Herrlich war die Wirkung des alten Schlosses von Warwick, mit seinen Mauern, von dichtem Epheu umsponnen. Die reiche Sammlung alter Waffen, die hier aufbewahrt wurde, erhöhte den lebendigen Eindruck. Man bestieg einen der mächtigen Thürme, der einen überraschenden Blick auf das Land gewährte. Dann besuchten sie die Ruinen des einst glänzenden Schlosses Kenelworth, an dessen Namen sich viele bedeutende Erinnerungen knüpften. Zuletzt waren sie in dem kleinen Stratford am Avon, das ein Dichter zum berühmten Wallfahrtsorte gemacht hatte. So waren die Dinge in Erfüllung gegangen! Er, der Dichter, stand in frommer Verehrung an der Wiege des Dichters, an dessen Geiste im fernen Lande und nach Jahrhunderten sich der seine entzündet, dessen Namen er im Herzen getragen hatte, seit er seiner selbst bewußt geworden.