Ueber die Felder von Glocestershire, wo die blutigen Schlachten der beiden Rosen geschlagen worden waren, über Bristol und Bath, reisten sie nach Salisbury, wohin sie außer der alten Kathedrale auch das fabelreiche Feld von Stonehenge zog, welches die Sage zum Schauplatze Merlin’s macht. Mit diesem Ausfluge schloß ihr Aufenthalt in England.
In den ersten Tagen des Juli trafen sie in Paris ein, wo sie von Alexander von Humboldt, Oelsner und Andern freundlich empfangen wurden. Die eigenthümlichste Erscheinung unter den Deutschen in Paris war Schlaberndorf, der seine heimischen Verhältnisse zum Opfer gebracht hatte, um hier als Einsiedler und Weltmann zugleich zu leben. Seine Sonderbarkeiten hatten die Revolution überdauert. Von den herkömmlichen Gesetzen des geselligen Lebens befreit, beschränkte er sich auf den Raum eines dürftigen Zimmers, das er nicht mehr verließ. Schon aus dem Bette aufzustehen, war ihm eine wichtige Veränderung; oft blieb er Tage lang liegen. Dennoch war er mitten in den Dingen. Es fehlte ihm nicht an Berichten aus der politischen und literarischen Welt. Die ausgezeichnetsten Personen besuchten den Sonderling. Er war eine lebendige Chronik der französischen Revolution, und überschaute die politische Lage mit dem Blicke eines Staatsmanns und der Ruhe eines Diogenes. Tieck suchte ihn in seiner Einsiedlerhöhle auf. Er fand einen alten Mann mit starkem grauen Barte, von verwildertem Ansehen. Das Hauptstück seines Anzugs war ein zerrissener Schlafrock, der die Blöße des Körpers, und den Mangel der gewöhnlichsten Unterkleider nur unzureichend bedeckte. Es war das Bild eines Anachoreten; aber seine volle Theilnahme gehörte dem Leben und der Gegenwart. Beredt sprach er von der Revolution. Er ging mit dem Gedanken um, seine Erinnerungen aufzuzeichnen. In seinem Kopfe war das Buch fertig. Auch hatte er es auszuführen angefangen. Zum Beweise brachte er einige Bogen Papier zum Vorschein, auf deren erster Seite der zierlich geschriebene Titel des Buches stand. Weiter war er noch nicht gekommen. Tieck wiederholte diese merkwürdigen Besuche, erregte aber dadurch den Zorn Leopold’s von Buch, der nur spottend und verwerfend von dem sonderbaren Manne sprechen konnte, der in seinen Augen ein vollkommener Revolutionär war.
Auch in Paris war die Bibliothek das Wichtigste, über deren Besitz in der ältern deutschen und dramatischen Literatur Tieck sich zu unterrichten suchte; dann die Theater. Hier ereignete sich ein merkwürdiges Abenteuer. Wiederholt bemerkte er, daß er unter den zunächst Sitzenden eine gewisse Aufmerksamkeit und eine Bewegung hervorrief, die sich weiter verbreitete, so oft er eintrat. Was konnte es sein? Als deutscher Dichter war er sicherlich nicht Gegenstand der Neugier. Endlich kam es an den Tag. Es bestätigte sich, was ihm früher schon Freunde gesagt hatten; seine auffallende Aehnlichkeit mit dem Kaiser war es, die Aller Blicke auf ihn lenkte. Diese großen dunkeln, schwermüthigen Augen, die hohe Stirn, die obere Hälfte des Gesichts erinnerte lebhaft an Napoleon in späterer Zeit. Ein Nordamerikaner, der den König Joseph persönlich kannte, meinte, diesem sähe er noch ähnlicher. Tieck, kein Bewunderer Napoleon’s, hatte dergleichen scherzende Bemerkungen immer halb unwillig abgewiesen, jetzt mußte er sich von ihrer Wahrheit überzeugen. Aeltere Offiziere des Kaiserreichs nahten sich ihm forschend, selbst auf der Bibliothek umgab man ihn, sodaß es ihm zuletzt lästig ward, Gegenstand dieser neugierigen Betrachtung zu sein.
Nach einem Aufenthalte von mehreren Wochen trat man die Rückreise an. Durch das Lothringische und über Trier gingen sie nach Koblenz, wo sie bei Görres den Präsidenten von Meusebach, den bekannten Sammler für ältere deutsche Literatur, sahen. In Frankfurt a. M. trafen sie F. Schlegel. Unerwartet begegneten sie darauf in Heidelberg Jean Paul. Zu den ältern Freunden, Daub und Creuzer, kam noch der Mediciner Nägele, ein heiterer, humoristischer Mann, und Hegel, dessen Ruf als Philosoph um diese Zeit begann. Auch bewunderten sie Boisserée’s Sammlung altdeutscher Gemälde, die an Werth und Umfang Alles übertraf, was sie auf der Reise an Denkmälern alter Kunst gesehen hatten.
Endlich verwandten sie noch einige Tage auf das südliche Deutschland. Ueber Karlsruhe gingen sie nach Baden-Baden, Stuttgart und Würzburg, dann durch Thüringen nach Weimar. Wie konnte Tieck hier sein, ohne Goethe wenigstens begrüßt zu haben? Denn mehr verstattete dieses Mal der kurze Aufenthalt nicht, da er noch an demselben Tage weiter reiste. Goethe meinte später von Tieck’s Besuche, es sei ja diese Zusammenkunft ganz gut abgelaufen.
In Weißenfels besuchten sie Müllner, einen Dichter neuen Schlages, dessen schnell erworbener Ruhm für ein Zeichen der Zeit gelten konnte. Tieck hatte ihn früher einmal gesehen, jetzt wünschte auch Burgsdorff, den Schicksalstragöden kennen zu lernen. Im Gefühle reichlich genossener Anerkennung war Müllner so zuversichtlich, daß er einen komischen Eindruck machte. Man unterhielt sich einen ganzen Abend lang. Tieck wagte einige Zweifel über „Die Schuld“ zu äußern. Müllner überhörte sie, oder fertigte sie mit der wiederholten Versicherung ab, in der Vorrede zur bevorstehenden vierten Auflage werde er diese und andere Einwürfe widerlegen. Dies kehrte so häufig wieder, daß es klar ward, er hielt die vierte Auflage seiner „Schuld“ für eine Waffe, an der alle Kritik zunichte werden müsse. Nach einem flüchtigen Besuche bei Adam Müller in Leipzig langten sie im September in Berlin an.
Hier sah Tieck viele Freunde älterer und neuerer Zeit, Brentano, Arnim, Solger, Schinkel, mit dem er in froher Gesellschaft zusammenkam, auch F. A. Wolf und Schleiermacher. Seit seiner Studentenzeit war er Wolf hin und wieder begegnet. Er fand den schlagfertigen, epigrammatischen Alterthumsforscher wieder, der die Alten auch praktisch wohl studirt hatte. Schleiermacher besuchte er in seiner Kirche. Mit Bewunderung hörte er den großen Redner. Seine Predigt war einfach, klar, treffend, belehrend. Dennoch genügte sie dem, was Tieck von kirchlicher Erbauung forderte, nicht ganz. Am Mittage desselben Tages war er in einer Gesellschaft bei seinem Verleger Reimer. Im eifrigen Gespräche begriffen, fühlte er einen leichten Schlag auf der Schulter. Es war Schleiermacher, der ihn am Morgen von der Kanzel aus bemerkt hatte. Originell rief er ihm zu: „Wie Teufel, Tieck, kommen Sie denn in meine Kirche?“
Auch Oehlenschläger hielt sich in Berlin auf. Ueber Wien war er aus Paris zurückgekehrt, wohin er einen vornehmen jungen Dänen begleitet hatte. Er war ganz der Alte, gutmüthig, aber reizbar und blindlings zufahrend. Dies führte zu einer komischen Täuschung. Er war ein Bewunderer Shakspeare’s, und „Hamlet“ nahm bei ihm auch darum die erste Stelle ein, weil er darin eine Verherrlichung des skandinavischen Nordens sah. Kühn trat ihm Tieck mit der Behauptung entgegen, eben in dieser Tragödie habe der Dichter mit klaren Worten ausgesprochen, daß die Dänen keine Vernunft besäßen. Aufbrausend rief Oehlenschläger, das sei unmöglich. Tieck versprach den Beweis zu führen, und zeigte ihm jenen Vers, in dem der König sagt: „Ihr könnt nicht von Vernunft dem Dänen reden.“ Oehlenschläger brach in eine Flut von Verwünschungen aus. Solche Einseitigkeit, ja Barbarei sei unerhört! Ein ganzes Volk der Vernunftlosigkeit anzuklagen! Wer so spreche, sei gewiß kein Dichter! Aber er sage sich jetzt von Shakspeare los; öffentlich werde er die leichtgläubige Welt darüber aufklären, welchen Götzen sie angebetet habe. Sein Zorn steigerte sich zur Berserkerwuth, der die Freunde umsonst Einhalt zu thun suchten.
Am andern Tage, als man wieder zusammenkam, schalt er in demselben Tone weiter, als wenn er soeben erst aufgehört hätte. Jetzt mußte der Sache ein Ende gemacht werden. Solger und Schleiermacher, die zugegen waren, ergriffen den Widerstrebenden an den Armen, und drückten ihn auf den Stuhl nieder. Den Shakspeare in der Hand, trat Tieck vor ihn und schrie ihm in die Ohren: „Mensch, bist du unsinnig geworden? Höre an! Laß dich bedeuten!“ Schon der folgende Vers erkläre ja, wie es zu verstehen sei; nur aus dem Zusammenhange gerissen, gebe jener Vers einen so verkehrten Sinn. Der Däne sei der König, dieser bestimmte König von Dänemark, nicht die Dänen, das Volk überhaupt. Allmälig ward Oehlenschläger stiller, er fing an zu begreifen, warum es sich handle. Erschöpft saß er auf dem Stuhl; der Schweiß lief ihm von der Stirn. Endlich sagte er: „Böses Volk ihr! Einem so zuzusetzen!“ Doch seine Gutmüthigkeit ließ ihn nicht lange zürnen, und bald stimmte er in das Gelächter der Freunde ein.