Die Muhme empfing ihn wieder mit mürrischem Gesicht, aber als sie ihm keine Vorwürfe machte, meinte Peter, er habe sie versöhnt.

Seine Annahme aber war ein Irrtum. Kaum graute der Morgen, so erschien die Alte vor seinem Bett und rief laut: „Stehe fix auf und fang’ ein Gericht Fische im Teiche, daß ich sie deinem Vater, der krank geworden ist, kochen kann. Kommst du mit leeren Händen zurück, so kann ich ihm nichts zu essen geben und die Krankheit verschlimmert sich.“

Peter nahm sein kleines Fischnetz und ging hinaus zum Teiche. Die Krankheit des Vaters hatte ihn traurig gestimmt und er nahm sich vor, fleißig zu fischen, um dem kranken Vater ein Gericht zu seiner Stärkung zu verschaffen. Aber Stunde um Stunde verging, der Mittag kam und das Netz blieb leer. Vor Angst weinend schaute er nach dem alten Jäger aus und richtig! — da stand er wieder am Bachesrand, der alte freundliche Mann.

„Schon wieder Kummer, Peterchen, und Tränen im Auge, scheinst nahe ans Wasser gebaut zu haben, oder hat dir die hartherzige Muhme wieder einen Auftrag gegeben, der dir mißfällt,“ begann der Jäger.

„So ist’s,“ entgegnete der Knabe, „dies Netz voll Fische nach Hause zu bringen, ist diesmal ihr Begehr.“

Da pfiff der Jäger wieder auf seinem Pfeifchen. Da kam ein großer Hecht herangeschwommen und trieb eine Menge kleiner Fische vor sich her, die schlüpften alle in das Netz und Peter mußte es mehrmals ausleeren. Helle Freude ging über sein Gesicht und mit inniger Freude dankte er seinem Wohltäter.

„Kennst du aber dort den großen Fisch nicht mehr? Es ist derselbe, den du aus dem Fischkasten genommen und in den Bach getragen hast.“

Verwundert schaute Peter dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt langsam im Teiche hinschwamm. Wieder war der rätselhafte Jägersmann verschwunden und Peter lief glücklich und hocherfreut nach Hause; von dem Fange konnte sich der Vater viele Tage lang satt essen.

Als der Knabe die Aufträge der Muhme pünktlich ausgeführt hatte, beschlich sie tödlicher Haß auf den Knaben und schon am andern Morgen hatte sie eine neue Bosheit ersonnen. Sie wollte den Knaben gar zu gern los sein. Darum herrschte sie ihn an: „Flugs, eile dich, deines Vaters Krankheit ist ernster geworden, hier kann nur noch eine Pflanze, das Wurzelmännchen genannt, helfen. Aber es wächst nur auf jenem Teil des Gebirges, wo der Herr des Gebirges, Rübezahl, haust. Ruf’ ihn und wenn er erscheint, so bitte ihn um das Wurzelmännchen für deinen kranken Vater. Bleib aber so lange im Gebirge und ruf ihn, bis er deine Bitte gewährt.“ Dabei dachte sie in ihrem arglistigen Herzen: „Nun bin ich den verwünschten Jungen los, denn Rübezahl wird ihm den Hals umdrehen, wenn er ihn bei seinem Spottnamen ruft.“

Peter ergriff seinen Stab, pfiff sich ein lustiges Liedlein und trabte wohlgemut dem Gebirge zu. Wohl hatte er von seinen Schulkameraden allerlei Schauergeschichten von „Herrn Johannes“, wie sich Rübezahl selbst bezeichnete, gehört, doch tröstete er sich mit der Überzeugung, daß auch der Berggeist ihn nicht mehr Leides antun könne als die böse Muhme daheim.