So sehr sich’s auch der Bauer Veit, dessen Erlebnis wir früher behandelten, hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Glückes zu verhehlen, um nicht ungestüme Bittsteller anzureizen, den Berggeist um ähnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort, wie eine Seifenblase vom Strohhalm. Veits Frau vertraut’s einer verschwiegenen Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem Dorfbarbier, dieser allen seinen Bartkunden; so kam’s im Dorfe und hernach im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die Lungerer und Müßiggänger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, reizten den Berggeist durch Zurufe und beschworen ihn, zu erscheinen. Zu ihnen gesellten sich Schatzgräber und Landstreicher, die das Gebirge durchkreuzten, allenthalben in die Erde gruben und den Schatz in der Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ sie eine Zeitlang ihr Wesen treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mühe nicht wert, sich über die Kerle zu erzürnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, ließ zur Nachtzeit da und dort ein blaues Flämmchen auflodern und wenn die Laurer kamen, ihre Hüte und Mützen darauf warfen, ließ er sie manchen schweren Geldtopf ausgraben, den sie mit Freude heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermüdeten sie nicht, das alte Spiel wieder anzufangen und neuen Unfug zu treiben. Darüber wurde der Geist endlich unwillig, stäupte das lose Gesindel durch einen kräftigen Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so barsch und ärgerlich, daß keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch selten ohne Staupe entrann und der Name Rübezahl wurde nicht mehr gehört im Gebirge seit Menschengedenken.

Eines Tages sonnte sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam ein Weib ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an der Brust liegen, eines trug sie auf dem Rücken, eines leitete sie an der Hand und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem Rechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter, dachte Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier Kindern, wartet dabei ihres Berufs ohne Murren und wird sich noch mit der Bürde des Korbes belasten müssen.

Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den Büschen; indes wurde den Kleinen die Zeit lang und sie fingen an, heftig zu schreien. Alsbald verließ die Mutter ihre Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern, nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit.

Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre Schreierei von neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie lief ins Holz, pflückte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel Rübezahl ungemein wohl. Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich durch nichts beruhigen lassen, er war ein störrischer, eigensinniger Junge, der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf und dazu schrie, als wenn er am Spieß stäke. Darüber riß ihr doch endlich die Geduld: „Rübezahl,“ rief sie, „komm’ und friß mir den Schreier!“

Sofort stand der Berggeist in der Gestalt eines Köhlers vor dem Weibe und sprach: „Hier bin ich, was ist dein Begehr?“ Die Frau geriet über diese Erscheinung in großen Schrecken; da sie aber ein frisches, herzhaftes Weib war, sammelte sie sich bald und faßte Mut. „Ich rief dich nur,“ sprach die Mutter Ilse, „meine Kinder schweigsam zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen.“ „Weißt du auch,“ entgegnete der Geist, „daß man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte dich beim Worte, gib mir deinen Schreier, daß ich ihn fresse; so ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.“

Darauf streckte er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.

Wie eine Gluckhenne, wenn der Hühnerhabicht hoch über dem Dache in den Lüften schwebt oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit ängstlichem Glucksen vorerst ihre Küchlein in den sichern Hühnerkorb lockt, dann ihr Gefieder emporsträubt, die Flügel ausbreitet und mit dem stärkeren Feinde einen ungleichen Kampf beginnt, so fiel das Weib dem schwarzen Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und rief: „Ungetüm, das Mutterherz mußt du mir erst aus dem Leibe reißen, eh’ du mir mein Kind raubst.“

Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich gleichsam schüchtern zurück; dergleichen handfeste Erfahrung in der Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich an: „Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du wähntest, will dir und deinen Kindern auch kein Leides tun; aber laß mir den Knaben; der Schreier gefällt mir, ich will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Samt und Seide kleiden und einen wackern Kerl aus ihm ziehen, der Vater und Brüder einst nähren soll. Fordere hundert Schreckenberger,[*)] ich zahle sie dir.“

[*)] Eine alte sächsische Silbermünze, nach heutigem Gelde etwa 25 Pfennige im Werte.

„Ha!“ lachte das rasche Weib, „gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein Junge wie’n Daus, der wäre mir nicht um aller Welt Schätze feil.“