Da versuchte er es, ein Spinnrad zu schnitzen, wie es Susi in Gebrauch hatte und siehe da! In wenigen Tagen war das Werk gelungen und Else konnte nun mit Susi um die Wette spinnen. Christophs Kunst wurde im Dorfe bekannt und in kurzer Zeit wollten die Frauen nur noch mit der „neuen Erfindung“, wie sie die Spinnräder nannten, spinnen. Durch die Anfertigung der Räder verdiente Christoph so viel Geld, daß schon ein gewisser Wohlstand in die arme kleine Hütte einkehrte.
Der Gedanke, daß ihr liebes Pflegekind noch immer auf Stroh und Heu schlafen müsse, beunruhigte Mutter Else indessen so, daß sie beschloß, auf dem Jahrmarkt in der Stadt ein Federbett zu kaufen. Bald hatte sie eins gefunden, das ihr gefiel, aber die kleine Summe, die sie dafür bestimmt hatte, reichte nicht aus, so daß sie von dem Kaufe Abstand nehmen mußte.
Gar traurig ging sie von dannen. Plötzlich stand der gute Kräutermann vor ihr, überrascht erfaßte sie seine Hand, erzählte ihm, daß ihr Mann gesund geworden sei und dankte ihm für seine Hilfe. Der Fremde aber antwortete nicht, sondern drückte ihr ein Geldstück in die Hand, welches so viel galt, daß sie das Federbett als Eigentum erwerben konnte.
Mit fröhlichem Herzen kaufte die gute Else noch mancherlei Gerätschaften und Bedürfnisse für den Haushalt ein und trug alle in ihre Herberge, von welcher aus ein junger Bauer aus ihrem Dorfe sie und ihre Einkäufe auf seinem Wagen nach Hause fuhr. Am offenen Fenster saß Susi, drehte ihr flinkes Rädchen und sang ein munteres Liedchen, als der junge Bauer vor dem Häuschen hielt. Verwundert hörte er dem Gesange der fleißigen Spinnerin zu. Als sie die Base bemerkte, sprang sie fröhlich aus dem Hause und schickte sich an, das Bett in das Haus zu tragen.
Da ging dem jungen Landmann der Gedanke auf, wie glücklich er sein würde, wenn einmal das liebevolle, muntere und fleißige Mädchen sein Weib würde. Dem Gedanken folgte die Tat. Eines Sonntags kehrte er im Feiertagsgewand in der Hütte des alten Christoph ein und bat ihn und sein Weib um die Hand Susis. Er war ein guter, ordentlicher Bursche und darum erhielt er ihre freudige Zustimmung. Susi knüpfte an ihr Jawort nur die eine Bedingung, daß ihre lieben Pflegeeltern mit ihr zogen, um in ihrem neuen Heim einen sorgenfreien Lebensabend zu verbringen. Darin willigte der junge Bauer mit Freuden und die Hochzeit ward auf das Osterfest festgesetzt.
Nur ein Gedanke trübte Susis Freude über ihr Glück; sie brachte keinen Heller Geld, kein Heiratsgut, ja nicht einmal eine Webe Leinwand in die neue Wirtschaft ein. Alles, was sie durch Spinnen verdient hatte, war für die leibliche Pflege der alten Leute aufgewandt worden.
So saß sie eines Tages in Nachdenken versunken am Fenster, als es leise an die Scheiben pochte und draußen der Garnhändler stand, welcher ihr freundlich zunickte. Eben wollte sie ihn einladen, einzutreten und mit ihr die künftige Wirtschaft im Dorfe zu besichtigen, da war er verschwunden.
Draußen aber im Hausflur lagen sechs Ballen feiner Leinwand und obenauf ein Zettel, worauf geschrieben stand: „Der fleißigen Susi zum Brautschatz.“ Unter Lachen und Weinen zugleich zeigte Susi den Pflegeeltern das reiche Hochzeitsgeschenk des Garnhändlers. Vor Freude fiel sie ihnen um den Hals und jubelte wie ein Kind.
So war der Hochzeitstag herangekommen. Es war ein lieblicher, sonniger Ostertag. Wie die Erde draußen im sonnigen, jungfräulichen Frühlingskleide prangte, so anmutig und überraschend lieblich war die Erscheinung der jugendlichen Braut. Auf ihrem kunstvoll geflochtenen Haar lag ein blühender Myrtenkranz, zur Seite ging der stattliche Bräutigam und ein stilles Wohlgefallen ging über seine Züge, wenn er auf seine liebliche Braut herabsah.
Als die Trauung vorüber war und das Paar seinen Weg rückwärts nahm, da stand plötzlich der alte gute Kräutermann vor ihnen und reichte Susi einen frischen, blühenden Strauß, indem er sprach: „Die schönsten Tugenden eines Weibes sind Fleiß, Gottvertrauen und Demut. Sie sind köstlicher und wertvoller als alle Schätze der Welt. Sie bilden die beste Aussteuer, die du deinem Mann in dein neues Heim einbringen kannst. So lange du dir die Beobachtung dieser Tugenden angelegen sein lässest, wird dieser Strauß nie welken und dein Glück wird stets vollkommen sein.“ —