Nach diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutermannes in Luft und „Rübezahl“ erscholl es durch die Reihen der Hochzeitsleute. Denn der Berggeist war es gewesen, der in wechselnden Gestalten Kummer und Sorgen armer Menschen in Glück und Freude verwandelt hatte.
9.
Der geizige Bäcker.
Noch mehr als den Hochmut haßte Rübezahl den Geiz. Denn der Hochmut ist vielfach erst die Folge des Geizes, wie denn das Schriftwort zu allen Zeiten recht behalten wird: „Der Geiz ist eine Wurzel alles Übels.“
In der Stadt Hirschberg lebte ein reicher Bäcker. Bei der Bürgerschaft stand er in hohem Ansehen und mancherlei Ämter der Stadt vereinigte er in seiner Person. Bei den Beratungen der Stadtbehörde gab seine Stimme oft den Ausschlag, und wenn er im Ratskeller an dem großen, runden Bürgertische saß, dann führte er das große Wort. Aber an seinem Gelde hing sein ganzes Herz; es war ihm gleichgültig, wenn die Handwerker, welche für ihn arbeiteten, oft empört auf ihn schalten, wenn er ihnen Abzüge von ihrem Tagelohn machte. Zum Heizen seines Backofens gebrauchte er viel Holz, welches die Bauern aus den benachbarten Dörfern lieferten. Von diesen suchte er sich immer die ärmsten aus, machte ihnen einige Vorschüsse und forderte dann das Geld zurück. Konnten sie dann nicht zahlen, dann stellte er den Preis für das Holz möglichst niedrig und schädigte so die armen Leute mit solch schändlichem Handel.
Einst brachte ihm ein Bauer ein Fuder Holz, das er bei ihm bestellt hatte. Es wurde im Hof abgeladen und der Bäcker zog ihm, wie das oft geschah, einen Taler ab.
„Lieber Herr,“ bat da der arme Bauer, „zieht mir diesmal nichts ab. Der Holzhandel bringt heuer so wenig ein. Ich bin arm und jeder Groschen ist zu Ausgaben bestimmt. Meine Gläubiger warten schon auf die Zinsen und ich kann den Verlust unmöglich tragen.“
Was tat der Geizhals? In aller Ruhe erklärte er dem Bauer, er möge sein Holz auf dem Hofe aufladen und wieder nach Hause fahren. Was tun? Ging der Bauer darauf ein, dann hatten er und die Pferde einen Tag Arbeit verloren, auch brauchte er das Geld zur Zinszahlung, deren Termin nahe bevorstand. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich den Abzug gefallen zu lassen. Traurig fuhr er aus der Stadt zurück. Unterwegs holte er einen Handwerksburschen ein, der ermüdet seines Weges zog. Er ließ ihn aufsitzen und nun hatte er jemand gefunden, dem er seinen Ärger erzählen konnte. Der Handwerksbursche war kein anderer als der Berggeist. Aufmerksam hörte er die Geschichte an und beschloß in seinem Innern, dem herzlosen Geizkragen einen gründlichen Denkzettel zu verabfolgen. „Wenn er nur einmal in mein Gehege käme,“ dachte er bei sich, „ich wollte ihm schon beikommen, daß er Zeit seines Lebens daran denken sollte.“ Bald darauf stieg der Fremde ab, dankte dem Bauer und schenkte ihm einen Taler.
Am andern Morgen saß unser Bäcker behaglich in seinem Polsterstuhl, rauchte sein Pfeifchen und blickte zufrieden und behäbig durch die Fensterscheiben auf das geschäftige Treiben des Marktes. Da klopfte es an die Tür und auf sein „Herein“ erschien ein großer, kräftiger Mann vor ihm und sagte:
„Ich habe gehört, Ihr habt Holz, das klein gehackt werden soll. Ich biete Euch meine Dienste an. Zwar bin ich kein Holzhacker, der sein Handwerk geschäftsmäßig betreibt, sondern ein Bürger aus Schweidnitz. Mir liegt nicht am Geldverdienen, sondern daran, daß mir das Holzhacken meine Gesundheit wiederbringen soll. Ich leide an der Leber und der Arzt hat mir tüchtige Bewegung verordnet. Ich will kein Geld für die Arbeit von Euch, wenn Ihr mir erlaubt, so viel gespaltenes Holz mit heimzunehmen, als ich in einer Hocke forttragen kann.“
„Das muß ein närrischer Kauz sein,“ dachte der Bäcker im stillen und freute sich schon, solch billigen Kaufs davonzukommen. Großmütig lud er den Fremden ein, mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Dieser bewunderte die Ausschmückung der Stube und war besonders voller Erstaunens über die prächtige Decke.