Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies geschehen, so ging’s auch flott durch die Luft über die Wipfel der Bäume hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind.

Leopold meinte, er sei der wilde Jäger geworden, welcher zur Strafe durch die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa über Land und Meer dahinrasen muß; schauerlich gähnten die Abgründe unter ihm und von Minute zu Minute glaubte er abzustürzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als sich aber seine Befürchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger, ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Pläne, wie vorteilhaft sich für die Zukunft auf diesem Wege seine Botengänge gestalten würden.

Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab plötzlich die Richtung auf die Stadt Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Roß und Reiter vom Himmel herab mitten zwischen die Buden, Käufer und Verkäufer zur Erde herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und brachten ihn in sicheren Gewahrsam.

Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den Hexenstab übergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob, durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn über die Häuser der Stadt entführte. Da gab’s eine große Aufregung unter den biederen Bürgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den Wolken schwebte — aber sieh da! — kurze Zeit später setzte der Hexenstab seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab.

Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzählt hatte, da ließ ihn das Gericht frei. Das Volk aber jubelte fröhlich und ausgelassen auf den Straßen: „Ein Schelmenstreich von Rübezahl! Es lebe der Berggeist!“ Mit den Schmiedebergern hat’s auch Rübezahl immer gehalten, weil sie seine Macht fürchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten.

Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen.

12.
Der arme Weberlieb.

Der Winter schien in diesem Jahre kein Ende zu nehmen. Wochenlang lag eine dichte Schneedecke auf der Erde und zwischen den Dörfern des Riesengebirges hörte jeglicher Verkehr auf. Da ging für die Weberfamilien eine große Not an und Entbehrung und Armut waren die beständigen Gäste des Hauses. Diese Notlage der Weber benutzten gewissenlose Kaufleute in den Städten, indem sie ihnen für die gelieferte Leinwand geringeren Lohn boten. Sie wußten genau, daß die armen Leute unter allen Umständen Geld brauchten und brachten so die Waren für einen Spottpreis an sich.

„’s fast zum Verzweifeln,“ so sprach eines Abends der Webergottfried zu seinem Weibe, „erst muß man in Schnee und Kälte den jetzt so gefahrvollen Weg zur Stadt machen und dann erhält man einen Hungerlohn, der kaum uns beide sättigen kann, während doch noch acht Kinder wie die Orgelpfeifen um den Tisch stehen und sehnsüchtig nach der spärlichen Mahlzeit ausschauen.“

„Das wird ein trauriges Weihnachtsfest werden,“ versetzte seufzend die Frau, „Gott gebe nur, daß die Krankheit, welche in einigen Häusern eingekehrt ist, nicht ansteckend ist und über alle Familien kommt.“