Keinem gingen die Sorgen der Eltern mehr zu Herzen als dem ältesten Sohn, dem Gottlieb, oder wie er im Dorfe von andern Trägern seines Namens unterschieden wurde, dem Weberlieb. Das war ein braver, munterer Junge mit einem Herzen voll Mitleid, der sein Stückchen Brot mit dem armen Manne teilte, der hungrig und elend sich durchs Dorf schlich. Den Eltern ging er unermüdlich zur Hand. Im Sommer suchte er im Walde Beeren und Pilze, im Winter trug er trockenes Holz für den Ofen aus dem Walde herzu oder verdiente sich ein paar Pfennige durch kleine Botenwege. Aber wie sollte er nun bei diesem strengen, eiskalten Winter Arbeit sich verschaffen?
Weihnachten stand vor der Tür, aber im Dorfe sah es nicht weihnachtlich aus, denn wo die Armut wohnt, muß die Festfreude weichen. Dazu kam, daß die Krankheit sich als die rote Ruhr entwickelt hatte, wohl als Folge des Genusses von unnatürlicher Nahrung. Da standen die Webstühle still und fast in jedem Hause lag ein Kranker.
Auch den Weberfriedel hatte die Krankheit aufs Lager geworfen und eine entsetzliche Not herrschte im Hause. Hungernd und frierend saßen die Kinder um den Ofen herum. Das jammerte unsern Gottlieb so sehr, daß er vor seine Mutter trat und sprach:
„Hat nicht der Vater noch fertige Leinwand übrig, Mutter, welche wir verkaufen könnten?“
„Freilich, Lieb,“ entgegnete diese, „dann hätten wir wohl auf einige Zeit Brot, aber wer will denn die schwere Webe vier Stunden weit über das verschneite Gebirge in die Stadt tragen?“
Gottlieb war sogleich bereit.
„Das geht nicht an,“ antwortete die Mutter, „du bist schwach und ausgehungert, Zehrung kann ich dir nicht auf den Weg geben und in deinem dünnen Röckchen pfeift dir der kalte Wind bis auf die bloße Haut, daß du zitterst und bebst.“
„Aber es wird uns allen geholfen, liebe Mutter, laß mich in Gottes Namen ziehen.“
Gottlieb band sich ein Tuch über Kopf und Leib, legte den Reisesack mit der Leinwand auf die Schulter und sagte seiner Mutter herzlich Lebewohl. Hinaus ging’s durch den schneidenden Nordwind; oft hatte der Schnee eine Bank über den Weg geweht und der Knabe mußte sie Schritt für Schritt durchqueren, oft glitt er am Rande mit Schnee bedeckter Gräben aus und sank tief ein, oft mußte er sich ermüdet auf einen Stein setzen, um Atem zu schöpfen. Endlich nach unsäglicher Mühe und Anstrengung schleppte er sich an sein Ziel und kam in das Haus des Kaufmanns. Der kam ihm eben mit einem Reisepelz entgegen und wies ihn aus seinem Hause.
„Hat man nicht einmal am Heiligabend Ruhe vor dem Webergesindel. Marsch, daß du hinauskommst, ich kann dir deine Leinwand nicht abnehmen,“ so klang’s aus dem Munde des harten Mannes und dem armen Weberlieb liefen die Tränen über die Backen.