Da ich nun keinen Grund hatte, noch mehr Zeit zu verlieren, so packte ich meine Sachen bald ein, um dann am 11. Juli meine Reise nach der Sanga-Mündung den Congo hinunter anzutreten. Ich hatte ein großes Canoe mit zwölf Ruderern bekommen, welches mich zunächst bis Irebu bringen sollte. Gern hätte ich selbst hier ein größeres Canoe käuflich erworben, doch das war leider nicht möglich, da die sämtlichen großen Canoes der Eingeborenen von der Regierung in Beschlag genommen waren und die Leute nun natürlich keine großen Canoes mehr bauen wollten, um sich nicht noch einmal derselben Gefahr auszusetzen.
Nach etwa 1½stündiger Fahrt erreichten wir die amerikanische Missionsstation bei Wangata, wo ich bei den sehr liebenswürdigen Missionaren mich eine kurze Zeit aufhielt. Auf der Weiterfahrt ging es über einige Stellen hinweg, welche infolge der starken Strömung eine große Zahl von Strudeln bildeten. Hier wurde dann immer das Kommando gegeben „koruka makessi“ (schnell rudern), um darüber hinwegzukommen und nicht von den Strudeln mitgerissen zu werden. Längs der Ufer waren Kopalbäume in riesigen Mengen vorhanden. Der hier helle Kopal, welcher einer geringeren Qualität angehört, wird von den Eingeborenen meist im Wasser gesammelt oder bei niedrigem Wasserstande auf den Sandbänken, wo er oft in ziemlichen Mengen angeschwemmt wird. Man hat hin und wieder versucht, größere Quantitäten nach Europa zu schicken, doch sollen die Transportkosten zu hoch sein, so daß der Export den jetzt noch durch die hohen Verdienste am Kautschuk und Elfenbein verwöhnten Handelsgesellschaften noch nicht rentabel genug erscheint. Der Frachtsatz für diesen sogenannten „weißen“ Kopal ist auf der Congo-Eisenbahn vom Stanley-Pool bis Matadi auf 18 Ctms. pro Kilo angesetzt worden; da hierzu noch die nicht unbedeutenden Transportkosten auf den Dampfern bis Stanley-Pool kommen und ferner auch noch die Fracht von Matadi nach Europa nicht gering ist, so läßt sich natürlich verstehen, daß ein großer Verdienst bei minderwertigem Kopal nicht herauskommt.
Landolphia florida Bth.
A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch den unteren Teil der Blüte. E Kelch und Griffel, F Querschnitt durch den Fruchtknoten, G Griffelkopf, H Anthere.
Die keinen Kautschuk liefernde Landolphia florida, welche hier im Congo in einer besonders schönen, großblütigen Varietät auftritt, war allenthalben längs der Ufer reichlich vorhanden. Ich stellte sowohl hier wie später in Bonga die möglichsten Versuche an, um Kautschuk davon zu gewinnen, doch alles war vergeblich, obgleich die Standorte häufig recht verschieden waren. Für mich ist die Frage für Kamerun und für den Congo so weit erledigt; Landolphia florida giebt daselbst keinen guten Kautschuk; wo andere Angaben vorhanden sind, dürften sie sich wohl auf einen Irrtum, sei es in der Art, sei es in der Bezeichnung des Produktes, zurückführen lassen; da viele Landolphien einander sehr ähnliche Blätter haben, so kann man sich leicht in der Art täuschen, zumal in den Wäldern häufig Kautschuk liefernde Arten mit anderen vermischt wachsen. Als Kautschuk sind mir häufig Produkte gezeigt worden, welche besser als Vogelleim bezeichnet werden würden; außerdem neigt der Laie dazu, gern eine jede in den Tropen weißen Milchsaft liefernde Pflanze, wie z. B. Ficusarten etc., als Kautschukpflanze anzusehen. Auch Asclepiadaceen stehen häufig bei Laien im Verdachte, Kautschuk zu liefern. So giebt Baillon nach aus dem Congo kommenden Notizen bei einer seiner neuen Tacazea-Arten an, daß eine nicht geringe Quantität des Congo-Kautschuks von dieser Pflanze herstammen solle. Ich habe nach eigenen Versuchen sowie trotz eifriger Erkundigungen keine Tacazea-Art zu Gesicht bekommen, welche wirklich Kautschuk lieferte.
Der Congo und seine Nebenflüsse sind ungeheuer reich an Fischen, doch wird von den Eingeborenen, deren einzige Fleischnahrung lange Zeit hindurch die Fische bilden, der Fang derselben ziemlich vernachlässigt. Ein jeder kleine Wasserlauf bietet den Leuten eben eine so reichliche Ausbeute, daß sie sich gar nicht dabei anstrengen brauchen. In vielen Gegenden wäre es für die Handelsgesellschaften vielleicht von großem Nutzen, wenn sie zur Ernährung ihrer eingeborenen Arbeiter durch Leute, welche den Fischfang wirklich kennen, täglich die nötigen Mengen fangen lassen würden, ganz besonders in solchen Gegenden, wo man von den Eingeborenen nur schwerlich Nahrung erkaufen kann, wie z. B. im Sanga-Ngoko-Gebiete.
Am 11. Juni gegen Mittag erreichten wir Ikenge, einen Holzposten des Staates, wo ich für meine Ruderer etwas Mais erstehen konnte, denn dieselben hatten seit dem Morgen noch nichts gegessen. Der Uferwald, welcher nur wenige Fuß über dem Niveau des jetzt ausnahmsweise tiefen Wasserstandes lag, war äußerst interessant. Wir hielten uns immer, soweit nur irgend möglich, an dem Ufer des Flusses, um uns nicht in den vielen Kanälen und Armen des Stromes zu verfahren. Affen und Wasservögel (Reiher, Enten und Wasserhühner) gab es in großen Mengen. Es gelang mir, verschiedene derselben für die Leute zu schießen, ebenso einige Affen, von denen ich auf der Fahrt bis Irebu allein fünf verschiedene Arten beobachtete. Im Wasser gab es viele Krokodile, doch konnte ich nicht zum Schuß kommen, da die Tiere ungemein scheu waren. Nilpferde sahen wir gar nicht. Es war mir übrigens schon vorher aufgefallen, daß wir auf der Reise von Irebu bis Coquilhatville nichts von den sonst so häufigen Tieren gesehen. An vielen Stellen, wo ich anlegen lassen konnte, benutzte ich die Gelegenheit, den Wald etwas zu untersuchen, fand aber immer dieselben Zustände: die Kautschuklianen waren alle ausgeschlagen. Calamusarten waren häufig, besonders am Flußrande bildeten sie nicht selten undurchdringliches Gestrüpp. Ein jeder Versuch, sich ohne Cutlas durch diese Gebüsche hindurchzuarbeiten, würde scheitern, die zurückgebogenen Haken an der verlängerten Blattspitze halten einen jeden Eindringling zurück. Da ich, wenn irgend möglich, am folgenden Tage in Irebu eintreffen wollte, so ließ ich bis gegen 7 Uhr abends rudern. In der bereits eingetretenen Dunkelheit war es dann nicht leicht, einen geeigneten Landungsplatz zu finden, außerdem machen die vielen Baumstämme im Strome eine Canoereise bei der Dunkelheit sehr gefährlich. Als wir eben das Zelt aufstellen wollten, fing es plötzlich an in Strömen zu regnen, so daß noch alle Lasten nass wurden, ehe wir sie bergen konnten. Auch mein bereits draußen aufgestelltes Feldbett wurde derartig durchnäßt, daß ich an Schlaf nicht denken konnte, da mir keine trockenen Decken zur Verfügung standen. Nachdem ich mich daher selbst trocken umgezogen hatte, ließ ich ein Feuer im Zelte unterhalten, um mich zu erwärmen und die in Scharen erscheinenden Moskitos durch den Rauch fortzujagen.
Am nächsten Morgen ließ ich bereits um 5½ Uhr weiterfahren. Nach dem Regen hatte sich die Temperatur gehörig abgekühlt, auch lag ein feiner Nebel auf dem Flusse, der sich erst mit Aufgang der Sonne hob. Es war ein herrlicher Morgen. Nach einer Stunde erreichten wir das Nachtlager eines Inspektors der Telegraphenlinie, welche längs des rechten Ufers vom Stanley-Pool nach Coquilhatville im Bau begriffen war. Der Herr war am Tage vor mir von Coquilhatville abgefahren und wollte auch nach Irebu zurückkehren. Da sein Canoe schneller lief als das meinige, lud er mich ein, mit ihm zu fahren und mein Canoe nachkommen zu lassen. Wir machten unterwegs einige Fahrtunterbrechungen, er, um die Linie zu inspizieren, ich, um mir die Zusammensetzung des Waldes anzusehen. Als wir gegen 12½ Uhr in Irebu anlangten, war von meinem Canoe noch nichts zu sehen, dasselbe traf erst gegen 2 Uhr ein; natürlich hatten sich die Leute, da ich nicht dabei war, auch nicht übermäßig angestrengt. Da in Irebu zur Zeit kein größeres Canoe zu finden war, wurde ich leider gezwungen, daselbst einige Tage Rast zu machen, bis ein solches eintraf. Kommandant Jouniaux versuchte, mir den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen; er führte mich auf der Station umher und gab mir Aufklärung über die verschiedensten Dinge, welche mich interessierten. Auf einigen kleinen Exkursionen, welche ich in der Umgegend unternahm, hatte ich Gelegenheit, den Charakter der Wälder in der Umgegend kennen zu lernen. Da es ziemlich ausgedehnte Grassteppen in Fülle hier gab, in denen diese Wälder, selten größere Komplexe bildend, zerstreut umherlagen, so war natürlich auch die Vegetation dieser Buschwälder eine ganz andere, als ich sie im Congo vorher kennen gelernt hatte. Landolphien waren hier und da vereinzelt anzutreffen, aber nur in dünnstämmigen Exemplaren, welche von den Eingeborenen noch nicht angeschnitten wurden. Landolphia florida war längs der Flußufer sehr verbreitet. Die orangegelben Früchte werden von den Affen gern gefressen, da die Samen von einer süßen Pulpa umgeben sind. Costus- (Bossassanga-) Arten waren allenthalben am Rande der Wälder und Gebüsche reichlich vorhanden. Da wo frisch Urwald geschlagen wird, stellen sich die Pflanzen gewöhnlich sehr bald ein. Ein nicht unerheblicher Teil der Grassavannen war mit Borassuspalmen bedeckt, was der ganzen Landschaft einen recht imposanten Anblick verlieh. Die Früchte der Borassuspalme werden nur selten von den Eingeborenen gesammelt, da sie von einem süßlichen Fruchtfleische umgeben sind, doch wird in vielen Gegenden der Stamm direkt unterhalb der Krone angebohrt zur Gewinnung von Palmenwein. Nicht selten sieht man Strecken, in denen die Borassuspalmen durch dieses Anbohren getötet sind.
Endlich, am 17. Juli, traf das langersehnte Canoe ein, so daß ich am 18. Juli abreisen konnte. Das Canoe war sehr dick gebaut und hatte vorn und hinten eine kleine Plattform, auf welcher noch einige Ruderer stehen konnten; es ist dieses eine Eigentümlichkeit der Ubangi-Canoes, von denen die größeren sogar Plattformen für sechs bis sieben Ruderer vorn und hinten besitzen sollen. Infolge langjährigen Gebrauches war das Fahrzeug an den Seiten etwas defekt geworden, so daß ich zweifelte, meine sämtlichen Lasten unterbringen zu können. Als wir dann am Nachmittage abfuhren, ragte, nachdem sich noch meine zehn Ruderer (Congostaat-Soldaten und ein Sergeant) hineingesetzt hatten, eben nur noch der oberste Rand an den Seiten empor, so daß ich sehr bezweifelte, richtig in Lukulela anzukommen. Noch länger in Irebu warten wollte ich auch nicht, da das nächste größere Canoe, welches man mir zur Verfügung hätte stellen können, erst nach einer weiteren Woche erwartet wurde. Das Wetter war für die Reise in dem defekten Canoe nicht gerade das beste, denn es wehte eine ziemlich steife Brise auf dem Strome. Von Insel zu Insel weiter zur Mitte des Flusses fahrend, machten wir allmählich schnelleren Fortschritt, je mehr wir in den Strom hineingelangten. Wir waren kaum eine Stunde von Irebu fortgefahren, als sich plötzlich ein riesiges Nilpferd etwa zehn Schritte vor dem Canoe aus dem Wasser hob und brüllte. Da wir inmitten des Flusses waren, war die Lage nicht sehr angenehm, um so mehr, als ein Stoß des Tieres genügt hätte, uns mit sämtlichen Lasten umzuwerfen. Ich ließ den Kurs etwas ändern und hielt mein Gewehr in Bereitschaft. Das Tier tauchte sogleich wieder unter und erschien kurz darauf wieder hinter dem Canoe. Nun glaubte ich feuern zu müssen, denn das wütende Tier hatte offenbar die Absicht, uns anzugreifen. Ein Schuß ertönte, und mit furchtbarem Geheul tauchte der Riese wieder unter, ohne sich zu einer zweiten Salve sehen zu lassen, denn nun hatte ich den Soldaten befohlen, auch ihre Gewehre in Bereitschaft zu halten. Die Leute meinten zwar, daß ich das Tier tödlich verletzt habe und daß es nach etwa einer Stunde wieder oben an der Wasserfläche erscheinen würde, doch war ich nicht meines Schusses sicher genug, um deshalb Zeit zu verlieren, zumal, da es dann sehr fraglich gewesen wäre, ob wir noch einen Lagerplatz für die Nacht gefunden hätten, und in meinem Canoe mir die Fahrt die Nacht hindurch zu gefahrvoll vorkam. Von Insel zu Insel weiter vordringend, kamen wir gegen Abend in Sicht des französischen Congo-Ufers, auf dem mir meine Leute bald die Missionsstation Lironga zeigten. Da es bereits zu dunkeln anfing, ließ ich auf die Station zusteuern und traf auch gegen 6½ Uhr wohlbehalten daselbst ein. Die französischen Missionare luden mich ein, bei ihnen über Nacht zu bleiben.