III. Kapitel.
Sanga-Ngoko-Reise und Rückreise nach Kamerun.

In Bonga hatte ich nun einen Ort erreicht, in dem ich die ersten Nachrichten aus der Südostecke unseres Kamerun-Gebietes einziehen konnte. Ein Angestellter der Société Anonyme Belge war gerade vom Ngoko heruntergekommen und konnte mir die Verhältnisse daselbst schildern. Wie sich später herausstellte, hatte er allerdings Vieles übertrieben, doch waren einige seiner Erzählungen für mich von Nutzen. Von Herrn Oberleutnant Dr. R. Plehn hatte ich einen Brief in Bonga vorgefunden, in dem er mich auf seinen Mangel an Leuten und die Unmöglichkeit aufmerksam machte, am Ngoko Träger zu engagieren. Er riet mir, Leute vom Congo mitzubringen. Das war nun leider nicht mehr ausführbar, da im Congostaate erst vor kurzem ein Erlaß des Gouverneurs erschienen war, wonach die Ausfuhr von Arbeitern aus dem Gebiete des Staates verboten war. Hätte ich nicht in Kamerun den Schilderungen des Herrn Oberleutnants v. Carnap entnehmen müssen, daß die Trägerfrage im Ngoko-Gebiete leicht zu lösen sei, so hätte ich vom Congostaate mir die Erlaubnis erbeten, Träger nach dem Ngoko hinaufnehmen zu dürfen; nun war das hier im Innern nicht mehr möglich, denn eine solche Erlaubnis konnte mir nur der Gouverneur in Boma geben. Die Verhältnisse lagen also für einen guten Fortgang der Expedition denkbar ungünstig. Dazu kam noch, daß die Aussicht auf eine Gelegenheit, den Sanga hinaufzukommen, immer bedenklicher wurde, um so mehr, da das Wasser ganz bedeutend gefallen war.

Am 29. Juli traf der „Frédéric“, ein Dampfer der „Nieuwe Afrikaansche Handels-Vennootschap“ mit Elfenbein vom oberen Ubangi ein. Der Kapitän dieses Dampfers führte ein großes Canoe bei sich, welches er am Stanley-Pool zu verkaufen gedachte. Da ich schon seit längerer Zeit nach einem solchen gesucht hatte, so nahm ich denn auch die Gelegenheit wahr und erwarb mir dasselbe für 250 Frcs. Nun versuchte ich alles mögliche, um Ruderer für das Canoe anzuwerben, damit ich dann die Fahrt nach dem Ngoko im Canoe unternehmen könnte. Da der französische Beamte, welcher in Bonga stationiert war, unter den Eingeborenen sehr wenig Einfluß besaß, so verzögerte sich die Sache immer mehr, so daß ich mich schließlich an das holländische Haus wendete, um von deren Leuten eventuell einige für kurze Zeit zu erhalten. Schließlich war denn auch alles so weit vorbereitet, daß ich schon einen bestimmten Tag zur Abreise in Aussicht nahm, als am 2. August ein Boot aus Wesso am Sanga eintraf, mit der Nachricht, daß der von der „Südkamerun-Gesellschaft“ gemietete Dampfer bereits in zwei bis drei Tagen eintreffen würde. Schon am nächsten Tage erschien derselbe mit dem Direktor der Gesellschaft, Herrn Langheld, und dem Hauptagenten der „Société Anonyme Belge“ am Sanga, Herrn van Beers, an Bord. Herr Langheld war direkt vom Ngoko gekommen und wollte nun versuchen, im Congo Leute für die Gesellschaft anzuwerben. Da er noch nicht von dem neuen Erlasse des Gouverneurs des Congostaates gehört hatte, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß er dort wenig Erfolg haben werde; doch glaubte er, in den Gegenden, in denen er früher als Agent einer belgischen Handelsgesellschaft thätig gewesen war, sehr leicht wenigstens genügend Leute zur Equipierung seines Dampfers zu finden. Er gedachte, in wenigen Tagen wieder zurückzukehren, um dann wieder nach dem Ngoko hinaufzufahren. Natürlich zog ich vor, in diesem Falle auf die Canoereise zu verzichten und bis zur Rückkehr des Dampfers zu warten. Meine Zeit füllte ich, soweit es hier in Bonga möglich war, durch Exkursionen und Nachholen laufender Arbeiten aus.

Ich hatte in einem kleinen Buschwalde in der Nähe meines Hauses ein Exemplar der [Landolphia Klainei] entdeckt, welche einen sehr guten Kautschuk liefert. Leider sind die Stämme dieser Art verhältnismäßig dünn, so daß es immer eine geraume Zeit dauerte, ehe ich genügend Saft zum Experimentieren einsammelte. Diesen koagulierte ich in der verschiedensten Weise. Durch Zusatz von Bossassangasaft erzielte ich eine sofortige Koagulation zu einer flockigen Masse, welche dann zusammengepreßt einen Kautschuk ergab, welcher ähnlich wie der „Kassai-rouge“-Kautschuk fast durchsichtig war. Da Landolphia florida in der Nähe vorhanden war, sammelte ich auch von dieser Latex ein und versuchte, auf alle mögliche Arten einen brauchbaren Kautschuk daraus zu gewinnen, mußte die Hoffnung darauf aber bald aufgeben. Es gelang mir nur nach Vermischung mit dem Safte der Landolphia Klainei ein Produkt zu erzielen, welches bedeutend schlechter war als das von der reinen Milch der L. Klainei gewonnene, sich aber doch verwerten lassen würde. Es ist übrigens auffallend, daß die Milch der L. florida sofort gerinnt, sobald sie mit der Luft in Berührung kommt; um sie mit der der Landolphia Klainei zusammen koagulieren zu können, hatte ich sie vorher mit Wasser zu verdünnen, damit auf diese Weise eine bessere Verbindung der beiden Milcharten hergestellt werden konnte. Es wäre sehr wünschenswert, daß derartige Versuche, Milch einer kautschukliefernden Pflanze mit der verwandter Arten, welche keinen Kautschuk geben, zu koagulieren, weiter fortgesetzt würden. Ich konnte diese Experimente leider damals nicht fortführen, da ich bald die vorhandenen Pflanzen der Landolphia Klainei derartig angezapft hatte, daß ich nicht mehr genügend Latex erhielt.

Die in der Umgebung von Bonga vorhandenen Ficusarten prüfte ich auch alle auf ihren Kautschukgehalt, konnte aber unter den sämtlichen Arten keine ausfindig machen, welche sich hätte verwenden lassen; stets war das Endresultat ein gleiches, man erhielt selbst bei Anwendung der schärfsten Säuren eine äußerst harzreiche, vogelleimähnliche Masse. Bei den großblättrigen Arten aus der Verwandtschaft der [Ficus Vogelii] und Ficus Preussii war diese meist dicker und weniger von Harzen durchsetzt als bei den Arten aus der Verwandtschaft der Ficus salicifolia, während alle rauhblättrigen Arten überhaupt nicht in Betracht kommen konnten, da sie derartig harzreich waren, daß man nur mit Mühe die Masse von den Händen freimachen konnte. Bossassangasaft hatte bei der Ficusmilch entweder gar keinen oder nur sehr geringen Einfluß. Die Bossassangapflanze, welche ich nun allenthalben antreffen konnte, heißt in ihren sämtlichen Arten bei den Bangalas und Wangatas übrigens auch Makabo, ja sogar in einigen Gegenden im Mittelcongo-Gebiet ist sie unter letzterem Namen bekannter.

Landolphia Klainei Pierre.

A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch die Blüte, E Durchschnitt durch den Fruchtknoten, F Fruchtknoten und Griffel, G Anthere von vorn, H dieselbe von der Seite.

Tag für Tag verging unterdessen, und doch war noch nichts von Herrn Langheld mit dem „Major Cambier“ oder von anderen Dampfern, welche den Sanga hinauffuhren, zu sehen. Nach dem Ubangi schien die Verbindung bedeutend günstiger zu sein, denn es trafen nicht weniger als drei Dampfer auf dem Wege dorthin in Bonga ein. Diese Dampfer kommen in Bonga meist ganz unerwartet an und gehen schon nach ein- bis dreistündigem Aufenthalte häufig weiter flußaufwärts. So ist man denn gezwungen, sich stets fertig zu halten, damit man beim Eintreffen eines Dampfers die Chancen nicht verliert, mit demselben mitfahren zu können. An längere Exkursionen ist bei diesen Zuständen dann natürlich auch nicht zu denken. Die Umgebung von Bonga speziell war auch nicht besonders interessant, da das Land mehr oder minder kultiviert war oder aus Steppen mit vielen Sümpfen bestand. Ich bereute natürlich sehr, nicht länger in Lukulela geblieben zu sein, denn dort wäre ich persönlich viel besser aufgehoben gewesen, und hätte auch mehr zur Erreichung der Ziele der Expedition thun können. In Bonga waren die Lebensmittel auch noch sehr spärlich, so daß wir sogar Adler und Papageien mit Genuß zum Abendessen verzehrten. Ich teilte von den von mir mitgenommenen Lebensmitteln, soweit dies möglich, mit den Agenten der Handelsgesellschaft, kaufte auch noch verschiedenes von dem holländischen Hause, mußte aber auch etwas für die Sanga-Reise mitnehmen, da ich dort erst gar nichts zu erwarten hatte. In Ngoko hatte ich wieder genügend, da ich vorsichtigerweise vier Trägerlasten dorthin hatte voraussenden lassen. Auch an Aufhetzungen ließ man es in Bonga nicht fehlen; so wollte ich mich z. B. eines Tages bei einem Unteragenten des holländischen Hauses, welcher den gerade abwesenden Herrn van Zoysten vertrat, erkundigen, ob denn nicht bald einer ihrer Dampfer den Sanga hinauffahre, als ich zu meinem nicht geringen Erstaunen hören mußte, er könne mir nicht die Erlaubnis geben, da ihm von einem der Angestellten der Société Anonyme Belge mitgeteilt sei, ich reise unter falschen Angaben, sei in Wirklichkeit aber nur ein Agent der Südkamerun-Gesellschaft, und könne somit als ein Angestellter einer Konkurrenzfirma natürlich nicht die Erlaubnis bekommen, die Dampfer des holländischen Handelshauses zu benutzen. Selbst wenn man also zu einem gemeinnützigen Zwecke in eine Gegend entsendet wird, in der das Reisen äußerst strapaziös und aufreibend, ja sogar nicht ungefährlich ist, muß man sich diesen gehässigen Neidern und Reden aussetzen. Es ist dieses nicht das einzige derartige Beispiel, welches ich anführen könnte, ich habe deren in Menge; ja selbst nach meiner Rückkehr nach Europa hatte ich noch einmal ein solches kennen zu lernen.

Glücklicherweise traf der „Major Cambier“ am 20. August in Bonga ein. Herr Langheld hatte auf seiner Reise keinen Erfolg gehabt und kam nun mit derselben sehr schwachen Besatzung zurück. Da er erst noch den Dampfer laden lassen mußte, so wurde unsere Abreise auf den 23. August festgesetzt. Die beiden noch übrigen Tage benutzte ich nun noch dazu, meine sämtlichen Lasten gründlich durchtrocknen zu lassen und dann alles fertig zu verpacken. Von der belgischen Gesellschaft kaufte ich noch einige Handelsartikel, welche im Ngoko-Gebiete am meisten Absatz finden sollten. Herr Langheld war auch so freundlich, mir zu versprechen, etwaige noch fehlende Sachen mir später abzulassen.