Am frühen Morgen des 23. August war die Fracht auf dem „Major Cambier“ fertig gestaut, und somit stand unserer Abfahrt nichts mehr im Wege. An der einen Seite führten wir einen großen Leichter mit, an der anderen mein großes Canoe, welche beiden Fahrzeuge dazu dienen mußten, das zur Heizung der Maschine nötige Holz aufzunehmen; außerdem hatten die eingeborenen Passagiere und die Holzschläger, sofern sie nicht direkt auf dem Dampfer gebraucht wurden, sich dort aufzuhalten. Ein am Abend vorher ausgebrochener Tornado hatte die Luft bedeutend abgekühlt, so daß der Morgen mit der eben aufgehenden Sonne eine wirkliche Erholung nach den heißen Nächten und Tagen war. Bald waren wir um eine vorspringende Landzunge in den wirklichen Sanga eingebogen, und Bonga entschwand unseren Blicken. Nach kurzer Zeit passierten wir die Ausmündung des Likensi-Kanals, dessen ganze Umgebung aus sumpfigen Grassavannen besteht, welche aber immer mehr verschwanden, je weiter wir flußaufwärts fuhren. Der Wald wurde bald immer vorwiegender, ja das für uns jetzt linke Ufer war schon ohne Unterbrechung dicht bewaldet. Am Rande der Inseln und der sumpfigen Flußufer bildete eine Euphorbiacee, welche von den Eingeborenen Bubandja genannt wird, häufig dichte Gebüsche, in deren Schatten die Webervögel gern ihre Nester bauen, denn da wo diese Bubandjapflanze am Flußrande auftritt, ist das Wasser stets tief und die Nester sind daher weniger Verfolgungen ausgesetzt. Auf Flußkarten bilden derartige Bubandjagestrüppe nicht selten gute Kennzeichen. Bald wurde es bedeutend heißer, hin und wieder zeigte sich der Kopf eines trägen Nilpferdes oder eines auf dem Sande sich sonnenden Krokodils. Wie Herr Langheld mir mitteilte, stieg das Wasser des Flusses sehr bedeutend, es mußten also im Quellgebiete des Sanga oder eines seiner bedeutenderen Nebenflüsse starke Regen gefallen sein. Wir passierten einige Inseln, welche alle dicht mit Gebüschen oder Wald bedeckt waren. Gegen 1 Uhr mittags liefen wir an, da wir sonst zu befürchten hatten, daß unser Holz vollständig verbraucht werden würde. Fast die ganze Besatzung des Dampfers wurde nun mit Beilen ausgerüstet und mußte zum Holzschlagen in den Wald hinein. Ein jeder der Leute hatte eine bestimmte Menge Holz zu schlagen; sobald er damit fertig war, war er frei. Hatte irgend jemand eine härtere Strafe verdient, so wurde er einfach zum Schlagen einer doppelten Menge von Holz verurteilt, das half gewöhnlich. Der Wald, an welchem wir angelegt hatten, war sehr arm an Unterholz, aber dicht mit Phrynium und Comelinaceen bedeckt, was der ganzen Landschaft einen eigentümlichen, tropischen Anstrich gab, besonders wenn sich hier und dort Calamusarten zeigten. Auffallend war der Reichtum von Elefantenspuren, welche wie ein dichtes Netzwerk den Wald nach allen Richtungen durchquerten. Offenbar hatte kein Dampfer vor uns hier angelegt, denn die Holzverhältnisse waren hier so günstig, daß einige unserer Leute schon vor Eintritt der Dunkelheit die ihnen vorgeschriebene Menge zusammengebracht hatten. Diejenigen, welche noch während der Dunkelheit zu arbeiten hatten, brachten nun Kopalstücke hervor, welche sie als Fackeln verbrauchten. Dieselben geben ein gutes Licht und verbrennen so langsam, daß ein etwa faustgroßes Stück für die ganze Nacht ausreicht. Allenthalben sah man diese Kopalfeuer im Walde noch bis tief in die Nacht hinein. Schon früh am nächsten Morgen ging es weiter. Bereits um 4 Uhr mußte alles an Deck aufstehen, um das am Nachmittage und Abend geschlagene und gespaltene Holz zum Gebrauch zu verstauen. Moskitos summten während dieser Zeit noch in Mengen um uns herum und benutzten jede Gelegenheit, uns zu peinigen. Nach etwa einstündiger Fahrt passierten wir einen Ausfluß des „Likuala aux herbes“, welcher hier in den Sanga mündet, während außerdem ein anderer Arm in den Ubangi einlaufen soll. Es ist interessant und recht bezeichnend für das Konzessionensystem der Franzosen, daß man hier zwischen dem „Likuala aux herbes“, welcher, von Norden kommend, mit dem Sanga parallel läuft, und dem Sanga eine Landkonzession ausgegeben hat, welche fast nur aus großen Sumpfflächen, die mit Wassergras bedeckt sind, besteht. Bedenkt man nun, daß der Hauptanziehungspunkt zum Ankauf dieser Konzessionen der vermutliche Kautschukreichtum der Gegenden ist, so wird man wohl begreifen können, daß die durch Ankauf von nutzlosen Sümpfen enttäuschten Konzessionäre sobald als möglich versuchen werden, ihre Konzessionen, auf denen sie kaum genug trockenen Boden haben, um ein Haus zu bauen, zu verkaufen.

Die beiden Ufer des Sanga sind in etwa ein Dutzend Konzessionen geteilt worden, zu welchen kleinere oder größere Gebiete gehören, welche sich vom Flußufer weg ins Land hinein ausdehnen. Von dem Sanga, unterhalb der Einmündung des Ngoko, ist bis jetzt jährlich kaum mehr als eine Tonne Elfenbein heruntergekommen; auch andere Erzeugnisse sind bisher noch nicht in Betracht zu ziehen, denn die Fabrikation des Kautschuks ist den Eingeborenen bis heute noch nicht bekannt. Das ganze Gebiet steht mit Ausnahme einiger weniger Erhebungen, welche die Eingeborenen bereits zur Errichtung ihrer Dörfer beschlagnahmt haben, für mindestens einige Monate im Jahre unter Wasser, ist also dann nicht benutzbar. In der trockenen Jahreszeit, selbst beim niedrigsten Wasserstande, durchziehen tiefe Sümpfe wie ein Netzwerk die Wälder und hemmen so das tiefere Eindringen ins Innere. Wesso, die Haupthandelsniederlassung am Sanga, unterhalb der Ngoko-Mündung (etwa eine halbe Stunde unterhalb derselben), dürfte fast der einzige Ort sein, von wo aus ein Vordringen nach der Küste zu für Handelszwecke möglich und rentabel ist. Den größten Teil seiner Produkte hat Wesso stets vom oberen Sanga und aus den Ngoko-Faktoreien bezogen. Ich halte es somit für mindestens sehr fraglich, ob eine einzige Konzessionsgesellschaft an dem unteren Sanga große Gewinne erzielen würde, und dort sitzen nunmehr etwa sechs verschiedene Gesellschaften. Bonga, das seinen Handel hauptsächlich mit den Leuten vom Likuala, Likuba und eventuell vom Alima (indirekt) treibt, schließe ich aus. Dieses würde übrigens auch in Zukunft das ganze Elfenbein, welches die Bonga-Händler vom Sanga und Ngoko herunterbrachten, einbüßen. Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß bis jetzt über den Sanga noch recht wenig bekannt ist, und daß die Gebiete zwischen ihm und dem Ubangi für den Europäer noch vollständig „terra incognita“ sind; doch ist nach allem, was die Eingeborenen erzählen, nicht viel von dorther zu erwarten. Über die vielen Konzessionen am oberen Sanga kann ich kein Urteil fällen, da ich diese Gebiete nicht aus eigener Anschauung kenne. Wie gut unterrichtete Herren mir sagten, welche dort gewesen sind, liegen auch da die Verhältnisse nicht sehr viel anders. Die Landesprodukte sind dort wohl reicher vorhanden und das Bereisen des Landes bedeutend einfacher, doch sollen die einzelnen Konzessionsgebiete so klein sein, daß ein wirklich rentables Ausbeuten der Produkte nur in wenigen möglich ist. In der näheren Zukunft wird man sich wohl auf Kautschuk und Elfenbein als alleinige Exportartikel beschränken müssen, da die bedeutenden Transportunkosten die Ausfuhr anderer Produkte unmöglich machen. In Bonga spielt der Tauschhandel mit Tabak und Palmenöl vom Likuala und Likuba augenblicklich die Hauptrolle, beides Artikel, welche z. B. am Ngoko zu den besten Tauschwaren zählen, so daß sich die Handelsniederlassungen in Bonga ganz gut gewissermaßen als Zwischenhändler-Stationen rentieren. So werden z. B. die Tabakrollen mit 2 Mitakus (= 10 Ctms.) aufgekauft, um dann etwa für 1 Frc. wieder losgeschlagen zu werden; dabei ist nicht zu vergessen, daß der den Tabak verkaufende Likuba- oder Likuala-Mann selten mit den erhaltenen Mitakus fortgeht, sondern diese wieder bei dem Kaufmann gegen Stoffe oder andere europäische Artikel eintauscht, ebenso läßt sich der Europäer am Ngoko für seine Tabakrolle nicht einfach Geld geben, sondern Landesprodukte, welche er zu einem von ihm bestimmten Satze annimmt.

Schon bevor wir den „Likuala aux herbes“-Ausfluß bemerken konnten, wurde uns seine Nähe durch große Mengen treibender Wassergräser und fortgerissener Gesträuche bereits angezeigt. Es war fast gefährlich, zwischen den treibenden Massen den Dampfer hindurchzusteuern, denn einige hatten eine ziemliche Ausdehnung und Stärke. Die Mündung des Flusses ist ein Eldorado für Nilpferdjäger. Stets sind die Tiere in dem für sie so nahrungsreichen Gebiete in Menge anzutreffen, selbst in den Jahreszeiten, in denen man ihrer selten ansichtig wird, zur Zeit der hohen Flut. Auch wir sahen einige Trupps im Wasser spielend, konnten aber leider nicht zu Schuß kommen. Daß die Eingeborenen die Tiere nicht allein durch Harpunieren und Schießen erlegen, bewiesen einige große Fallen, welche wir hier sahen. Dieselben waren ähnlich wie ein Schaffot hergestellt mit einem von oben herabhängenden Speere. In welcher Weise die Tiere angezogen wurden und wie die Falle sonst zusammengesetzt war, konnte ich vom Dampfer aus nicht genau sehen. Krokodile wurden immer häufiger, je weiter wir flußaufwärts kamen. Da Sandbänke jetzt selten waren, lagen die Tiere meist auf umgefallenen oder überhängenden Baumstämmen in der Sonne. Herrn Langheld gelang es, mehrere zu schießen, da dieselben in ihren Todeszuckungen aber stets in das Wasser zurückfielen, so konnten wir keines derselben bekommen, so gern wir auch das Fleisch für unsere Leute gehabt hätten, denn sämtliche Stämme am Congo verzehren Krokodilfleisch mit dem größten Behagen. Ebenso wie das Fleisch der Elefanten und Nilpferde wird das Krokodilfleisch langsam über Feuer getrocknet, um es haltbarer zu machen. Zu diesem Zwecke werden kleine, etwa 1½ bis 2 Fuß hohe Stellagen erbaut, welche oben mit dünnen Zweigen überdeckt sind; nachdem unter der Stellage ein Feuer gemacht ist, wird das in 1 bis 2 Pfund schwere Stücke geschnittene Fleisch mit den Knochen auf die Stellage gelegt. Nach etwa einem halben Tage ist das ganze Fleisch dann infolge des stets unterhaltenen Feuers von einer vollständig ausgedörrten Kruste umgeben, welche es vor Fäulnis bewahrt. Selbst wenn das Fleisch zu faulen beginnt, verachtet es der Congo-Neger nicht, obgleich ich mich nicht erinnern kann, je einen Congo-Neger rohes Fleisch essend gesehen zu haben. Das Verzehren verfaulten Fleisches und anderer in Fäulnis begriffener Nahrungsmittel hat bei den Leuten sehr häufig höchst widerliche Hautkrankheiten zur Folge, welche von Europäern nicht selten für Syphilis angesehen werden, obgleich sie nicht das geringste damit zu thun haben. Auch auf dem Dampfer hatten wir stets eine Anzahl von Leuten, die an merkwürdigen Hautkrankheiten litten. Dieselben, wie überhaupt alle Kranken, mußten gewöhnlich um 8 Uhr bei Herrn Langheld antreten, um sich dann untersuchen zu lassen. Hautkrankheiten wurden im Falle offener Wunden mit Jodoform meist erfolgreich behandelt. Es gab so auf dem Schiffe für Herrn Langheld, welcher dasselbe in Ermangelung eines Kapitäns selbst führte, stets viel zu thun; ich versuchte mich dabei so nützlich wie möglich zu machen. Da wir genügend mit Holz versehen waren, konnten wir am zweiten Tage unserer Reise etwas länger fahren und machten daher erst um 2 Uhr Halt. Der Wald, an welchem wir damals anlegten, war äußerst charakteristisch für die Region. Die Mehrzahl der größeren Bäume stand, wie es die Pandanusarten zu thun pflegen, auf hohen Stelzwurzeln. Das ließ sich auch alles sehr leicht erklären, denn schon jetzt bei dem noch niedrigen Wasserstande konnte man kaum in irgend welcher Richtung den Wald durchstreifen, überall stieß man auf Wasser. Da Affen sehr häufig waren, nahm ich mein Gewehr mit und schoß einen derselben, um für die Leute etwas Fleisch zu besorgen; da mein Junge, Maketu, und Herrn Langhelds Junge auch je noch einen schossen, so konnten die Leute am Abend einen großen Schmaus abhalten, d. h. erst nachdem sie mit dem Schlagen des Holzes fertig waren. Doch wenn etwas derartiges in Aussicht steht, geht bei dem afrikanischen Neger die Arbeit häufig merkwürdig schnell vor sich. Von Landolphien oder sonstigen Kautschukpflanzen war in dem Walde nichts zu sehen, wohl aber gab es riesige Rotholzbäume, deren Holz bei den Eingeborenen sowohl wegen seiner Härte als auch zum Rotfärben des Körpers geschätzt wird. Auf einer Streiferei im Walde stieß ich plötzlich auf einen eigenartigen breiten Weg, welcher vom Flußufer direkt ins Innere führte und mit quergelegten glatten Baumästen in Abständen bedeckt war. Diesen Weg verfolgend, trat ich bald in eine Lichtung, wo einige bereits halbfertige, aus Rotholz gearbeitete Canoes lagen. Leere Plätze bewiesen, daß die Eingeborenen an dieser Stelle bereits mehrere Canoes hergestellt hatten, und zwar, wie die beiden noch vorhandenen, von ziemlichen Dimensionen. Auf dem mit Baumästen belegten Wege wurden dieselben zum Wasser geschleift. Von der Bevölkerung selbst war keine Spur zu entdecken, weder am vorhergehenden Tage, noch heute hatten wir ein Dorf zu Gesicht bekommen. Es giebt deren wohl sicher einige, welche versteckt in der Nähe der Flußufer liegen, sicher aber ist das untere Sanga-Gebiet äußerst dünn bevölkert. Die Wälder sind alle von Elefanten- und Büffelspuren durchzogen, selbst Spuren von Nilpferden konnte man bis tief in den Wald hinein beobachten, besonders an Stellen, wo infolge des Zusammenbrechens eines großen Urwaldbaumes eine Lichtung entstanden war, in der junges Gras und kleine Kräuter (wie Justicia, Impatiens und Comelinaceen) aufschossen, welche diese Tiere gern abweiden. In der Nacht gab es wieder so viele Moskitos, daß man nicht eine Minute lang schlafen konnte. Besonders eine hier verbreitete sehr kleine Art, welche durch weitmaschigere Netze bequem hindurchschlüpfen kann, ist es, welche den Menschen hier in den Nächten das Leben verbittert, während man am Tage von hunderten von Elefantenfliegen umschwärmt wird.

Schon vor 3 Uhr morgens wurde es auf dem Schiffe lebendig. Herr Langheld hatte sich durch den Mond täuschen lassen, und glaubend, es sei bereits Tagesanbruch, hatte er die Leute geweckt. Da Nebel auf dem Flusse lag und infolgedessen die auf der provisorischen Flußkarte angegebenen Landmale nicht zu erkennen waren, mußten wir noch bis 5 Uhr warten, ehe wir abfahren konnten. Schon gegen 11 Uhr zwang uns ein starker Regen, eine Zeit lang am Lande anzulegen und die Zeit durch „Holzmachen“ auszufüllen. Ich machte eine kleine Exkursion, auf der ich auf einige Exemplare von Landolphia Klainei stieß. Für den Botaniker giebt es in diesen so häufig überschwemmten Wäldern nur eine sehr spärliche Ausbeute. Unterholz oder Kräuter sind weniger vorhanden, dagegen sind die Blüten der Urwaldbäume und die auf letzteren wachsenden Epiphyten nur da zu erlangen, wo Wald geschlagen wird oder einer der Riesen gefallen ist. Nach etwa zweistündigem Aufenthalte dampften wir weiter, um nach kurzer Zeit für den Rest des Tages wieder zum „Holzmachen“ anzulegen.

Am 28. August konnten wir infolge des Nebels auch nicht so früh abfahren, als wir es gewünscht hätten, denn an vielen Stellen ist das Fahren infolge der Sandbänke sehr gefährlich. Der Fluß, welcher während der letzten Tage auffallend eng gewesen war, verbreiterte sich hier ganz auffallend und besaß häufiger Inseln als zuvor. Damals konnte ich mir die Ursache dieser scheinbaren Verengung des Flusses nicht erklären; auf der einige Monate später erfolgten Fahrt stromabwärts löste sich dieses Rätsel. Ich werde später darauf zurückkommen. Die dicht bewaldeten Ufer waren anfangs noch immer sehr niedrig, bis wir gegen 10 Uhr das erste Dorf, N’Kunda, erreichten, welches auf einem etwa 100 Fuß über dem damaligen Wasserspiegel sich hinziehenden Hügelrücken liegt. Vorher passierten wir noch einige kleinere verlassene und im Verfall begriffene Dörfer, deren Insassen wohl alle durch die Raubzüge des alten Häuptlings Wesso, welcher ein Jahr vor der Besitzergreifung dieser Gebiete durch die Franzosen gestorben ist, vertrieben waren. Die Bewohner von N’Kunda schienen wenig Lust zu haben, uns Nahrungsmittel zu verkaufen; als wir anliefen, ließen sich nur einige neugierige Weiber und eine Schar nackter Kinder sehen, die natürlich sofort wegliefen, als wir Europäer Miene machten, an Land zu kommen. Das Dorf besitzt wie die meisten Dörfer dieser Gebiete nur eine Straße, zu deren Seite sich je eine Häuserreihe hinzieht. An beiden Enden der Straße standen je eine größere Hütte, in der die Männer zu Beratungen oder zu allgemeinen Gelagen zusammenzukommen pflegen. Die Bevölkerung ist mit den Bonga-Leuten nahe verwandt und setzt sich zum großen Teile sogar aus direkten Abkömmlingen derselben zusammen. Die Lebensmittel, welche wir hier erstehen konnten, waren durchaus nicht billig und nur spärlich aufzutreiben, da die Eingeborenen ihre Hühner oder die wenigen Ziegen, welche sie besitzen, nicht gern verkaufen. Tabak, Salz und europäische Stoffe sind hier die begehrtesten Artikel. Perlen und Öl scheinen weniger gut zu gehen, doch hängt das alles von dem unberechenbaren Einfall des Negers ab. Das Fallen des Wertes einiger sonst wertvoller Artikel wie Feuersteine und Cutlas ist eventuell zu erklären; darauf werde ich später bei der Schilderung meiner Ngoko-Reise zurückzukommen haben.

Nach etwa dreistündigem Aufenthalte verließen wir das Dorf N’Kunda und dampften nun den Fluß noch eine Strecke weiter hinauf, bis wir an einer Stelle anlegen konnten, wo wir genügend Holz vermuteten. Ich machte am Nachmittage wieder einige Streifzüge durch die Wälder, sah aber nur Landolphien, von Kickxia dagegen keine Spur, ein Regenguß zwang mich schließlich, bald wieder zurückzukehren. Je weiter wir flußaufwärts gekommen waren, desto weniger wurden wir von Moskitos belästigt, ein Umstand, der sich wohl hauptsächlich durch das Fehlen der nach der Sanga-Mündung zu häufigen Grassteppen und Wassergrassümpfe erklären ließe.

Um am 29. August möglichst weit fahren zu können, wurde gegen Mitte des Tages eine kurze Zeit hindurch angelegt, um etwas mehr Holz schlagen zu lassen. An dem weniger wichtigen Dorfe Bussundi fuhren wir vorüber, ohne auf das Geschrei der am Ufer stehenden Eingeborenen, welche uns wohl zum Anlegen bewegen wollten, Rücksicht zu nehmen. In der Nähe der Stelle, wo wir am Nachmittage für den Rest des Tages anlegten, gab es nicht unbedeutende Quantitäten einer guten Kautschuk liefernden Landolphiaart, ebenso wuchs am Flußrande eine Coffeaart, deren Früchte leider noch nicht zum Gebrauche reif genug waren. Auch fehlten an den Exemplaren Blüten, um die Art feststellen zu können, ich fand dieselbe längs des Sanga und auch später im Ngoko-Gebiete häufiger.

Der nächste Tag brachte uns am Vormittage nach dem Dorfe Pembe, welches ähnlich wie N’Kunda auf einem Hügelrücken erbaut ist und auch nur aus zwei langgestreckten Häuserreihen besteht. Hier waren wir beim Einkaufen von Lebensmitteln bedeutend erfolgreicher als in N’Kunda, besonders Haumesser (Cutlas) fanden guten Absatz. Das ganze Auftreten der Leute zeigte, daß sie nicht so verwöhnt waren als die N’Kunda-Leute. Wundervolle Schmetterlinge (Papilioniden und Euploeen) gab es hier in Mengen. Die Tiere, welche am Flußrande gierig die Feuchtigkeit aufsogen, ließen sich mit Leichtigkeit mit der Hand fangen, ohne daß man sie dadurch lädierte. Ich versuchte, eine Exkursion in die nahe gelegenen Buschwälder zu machen, wurde aber allenthalben durch Sümpfe, welche zu dieser Zeit den Hügel zu umgeben scheinen, daran verhindert.

Als wir kurz nach 1 Uhr von Pembe abfuhren, sahen wir vor uns in der Ferne den französischen Regierungsdampfer „Tirier“, wohl einen der elendesten Dampfer, welcher den Congo befährt, von dem Dorfe Likilemba abfahren. Schon nach kurzer Fahrt hatten wir denselben überholt. Dieser Dampfer ist der einzige, welchen damals die französische Regierung für den Congo besaß, obgleich sie doch eine ganze Flottille für den Sanga sowohl wie für den Ubangi nötig gehabt hätte. Man mietete stets für schwere Preise die Dampfer des auch in Brazzaville vertretenen holländischen Handelshauses.

Für den Nachmittag legten wir gegen 2 Uhr an einer Landzunge an, welche sich zu unserer Freude als sehr reich an Brennholz erwies. Der morastige Boden des Waldes daselbst war mit großen Mengen einer kleinen, calamusähnlichen, stacheligen Palme bedeckt, welche bei meinen Streifereien für mich sehr lästig waren. Landolphia Klainei gab es am Flußrande reichlich, doch fehlte dieselbe, sobald man weiter in den Wald eindrang. Zum ersten Male sah ich hier ein verlassenes Lager von Elefantenjägern, wie sie in der Ngoko-Region besonders häufig zu finden sind. Die sehr primitiv aufgebauten Hütten bestanden aus zusammengesteckten Zweigen und Stöcken, welche etwa eine hingestreckte Viertelwalze bildeten, die mit Phryniumblättern gedeckt war. Im Innern einer jeden Hütte befand sich ein niedriges, schmales Bett, das, kaum einen Fuß über dem Erdboden erhoben, aus zusammengebundenen Stangen bestand. Feuerstellen waren sowohl in den Hütten als auch außerhalb derselben vorhanden.